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der liebe Herrgott das, denn er hat mich berufen," sagteer freudig und zuversichtlich.
Heribert stand beiseite, wischte verhohlen mit derHand über die Augen und dachte:
„Wohl dem, der ein solches Heimathhaus gefun- ^den hat!" !
Meister Dieihelm entriß ihn seiner Betrachtung.
„Heribert, Ihr wart dazumal mit unserm Herrnnach Gandersheim geritten, erzählt, wie war's mit derUnbild, so ihm daselbst geschah."
Der Aufforderung entsprach Heribert nicht ungern.Es wurmte ihn noch grimmig, wenn er an das Erleb-niß dachte. j
„Das war folgendermaßen: Wir kamen des Mor- >gens früh nach Gandersheim und fanden dort statt feier- >lichen Empfanges und rechtmäßiger Ehrenbezeigungen vorder Kirchcnthüre eine erkleckliche Menschenmenge, so bereitwar, mit Stangen und Waffen auf unseren hochwür-digen Herrn einzudringen, falls er sich herausnehmenwürde, die Einweihung der Kirche zu vollziehen. Dazuwar er doch auf altes Recht hin von der Aebtissin Ger -berga berufen.
„Das Stift gehört zu Mainz , wir haben eine neueGrenze gefunden I schrie der Anführer und schwang seinenrostigen Spieß. Unser Herr aber ließ sich nicht beirren.Trotz der Schmähungen, trotz der Unbilden von allenSeiten trat er ein, hielt er — es war ergreifend —das feierliche Hochamt.
„Viel treues Volk war bei der Kunde von der An-kunft seines Bischofs wie zu einem Feste zusammenge-kommen, und ein Fest war es auch.
„Die Schwestern aber hatten ihren Sinn auf Mainz gestellt und zeigten sich entrüstet. Als Herr BischofBernward sie, wie gebräuchlich, zur Opfergabe ermähnte,warfen einige die Gaben mit Zorn unserem Herrn vordio Füße. Der aber, durch einen so unerhörten Auf-ruhr auf's Tiefste bewegt, brach in Thränen aus, nichtweil er sich selber, sondern weil er Gott beleidigt sah.Er kehrte indessen zum Altare zurück und vollendete mitgroßer Inbrunst die heilige Messe. Dann wandte ersich zum Gandersheimischen Volk mit väterlicher Anrede,tröstete dasselbe und segnete es. Darauf kehrte er,von selbigem ehrenvoll auf den Weg geleitet, dorthinzurück, woher er gekommen war."
„Welche Demuth und welche Mäßigung des hohenHerrn!" rief Diethelm aus. „Wer möchte glauben, daßein Mann von so hoher geistlicher Würde, von solch'edelem Geschlecht und von so vielen Dienstmannen um-geben, den Kränkungen lieber mit Geduld, als mit Ge-walt begegnen wollte!" Er fuhr mit der Hand überdie Stirn.
„Ja, ja, ich weiß, der gestrenge Herr Willegisglaubt ein Recht auf Gandersheim zu haben, wenn schonunser gelehrter Herr Thangmar durch Pergamente nach-gewiesen hat, daß das Kloster immer zum Stifte Hildes-heim gehörte. Meines Erachtens liegt die Sache so:
„Der Sachsenherzog Liudolf baute das Kloster zu-erst auf dem rechten Ufer der Gande, auf Hildesheimi -schem Gebiet, und unser heiliger Bischof Altfried weihtees ein. Etliche Jahre später baute Liudolf nun aufdem linken Ufer der Gande, so zu Mainz gerechnet ward.Und weil das ganze Gebiet dem Liudolf gehörte, ver-blieb alles bei Hildesheim und wurde auch später immer !zum Hildeshcimer Stift gerechnet. Die Mainzer achte- !
ten nicht darauf, der Landstrich war ihnen zu ent-legen. Heute, da das Gandersheimer Stift mächtig ge-worden ist und der Sophia viel daran liegt, daß dasKloster unter die Obsorge von Mainz komme, da wollensie Ansprüche geltend machen und finden Leute, die be-zeugen, daß es ursprünglich auf Mainzer Gebiet erbautsei. Wir aber sind im Besitz. Die Mainzer hätten
vermeintliche Rechte vor zwei und einem halben Jahr-hundert geltend machen sollen. Unser bischöflicher Herrmuß als Landesfürst seine Ansprüche vertreten."
„Das thut er", versicherte Heribert.
„Wie gings denn zu am Matthäustage?" forschteDiethelm.
Heribert lächelte.
„Das berichtete mir unser Herr Thangmar Ich
selber war nicht dabei. Herr Willegis stellte sich in derAbsicht, die Kirche zu weihen, am Tage vor Matthäiein mit den Bischöfen Rethar von Paderborn und Be-rengar von Werden, auch mit dem Herzog Bernhardund großer Gefolgschaft. Statt unseres Herrn abertrat ihm entgegen Herr Bischof Ekkehard von ^Schleswigmit unserm Herrn Thangmar und den Angesehen-sten des Hildcsheimer Capitels. Ekkehard vertheidigte
mit großer Festigkeit und mit kräftigem Nachdruck dieAnsprüche und Rechte Hildesheims . Er setzte es alsomannhaft durch, daß Herr Willegis von der Kirchweiheabstand. Darauf gingen Alle in Zwiespalt auseinander.Das Zerwürfniß bekümmert unsern Herrn Bernwardungemein."
„Das glaube ich," sprach Diethelm. „So ist dieserunselige Streit auch die Ursache, daß unser Herr zurWiederherstellung des Friedens nach Rom zu dem Ober-haupte der Christenheit und zu dem deutschen Kaiserpilgert."
Heribert schüttelte den Kopf.
„Darin geht Ihr zu weit, Meister Diethelm. UnserHerr brennt schon seit Monden vor Verlangen, dem Rufedes Kaisers zu folgen und den hohen Jüngling, den erzum Guten erzogen hat, daselbst in seiner ganzen Würdezu sehen. Er liebt den jungen Otto wie den eigenenSohn. Wahrscheinlich wird er beim Wiedersehen denGandersheimer Streit nicht vergessen und eine Schlicht-ung der Sache herbeiführen. Doch ist diese ärgerlicheAngelegenheit keineswegs die Veranlassung zur Fahrtnach Rom . Die Liebe zu seinem kaiserlichen Zöglingallein bestimmt unsern Herrn zur weiten Reise, so ihmmitten im kalten Winter schlecht zusagt. Freilich auchseine große Liebe für die Kunstbestrebungen unsererZeit treiben ihn an zu einer Wanderung nach Rom ,dem Mittelpunkt aller geistigen Bildung. Und mit ihmziehen auch wir fort in's Weite," vollendete Heribertfreudig.
„Sankt Altfried behüte und schirme Euch alle!"sagte Diethelm. „Wir wollen für Euch beten. Fahretwohl!"
Sie schüttelten sich die Hände.
(Fortsetzung folgt.)
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Goldkörner.
And're Natur wird Uebung; was jung du einst in den KünstenHast gelernt, wird nie rauben das Aller hinweg. Owen.