Ausgabe 
(27.11.1894) 96
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746
 
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bracht, daß Erzbischof Willcgis zwei Tage vor dem Festedes heiligen Andreas in Gandcrsheim ein Sendgerichtabgehalten habe. Er habe das gethan trotz der Verwöhn-ungen des mannhaften Bischofs Ekkehard; ja, er habesich von einigen Leuten bestätigen lassen, daß Ganders-heim zum Mainzer Sprengel gehöre. Daraufhin habeer unter Androhung des Bannes verboten, daß ihmirgend Einer das Kloster wieder zu entziehen suche.

Das neue Vorgehen des Mainzer Erzbischofs hatteBernward dem Papste und dem Kaiser vermeldet. Diehohen Herren hatten ungesäumt zur Schlichtung desStreites eine Synode von zwanzig Bischöfen berufen.Auch Herr Heinrich von Bayern, der dazumal in Rom weilte, und den der Gandcrsheimer Streit zu allen Zei-ten heftig verdrossen hatte, ließ es sich eifrig angelegensein, den Frieden herzustellen.

Die Synode der Bischöfe unter dem Vorsitz desapostolischen Herrn Sylvester 11.hatte dem verehrungswürdigen HerrnBernward sein Recht auf Ganders-heim vorläufig bestniigt und erneuertund eine neue Synode zur endlichenBeilegung des Streites auf deneinundzwanzigsten Tag des Brach-monats in Pölde festgesetzt.

So hülle Herr Bernward zu-friedengestellt seineHeimreise antretenkönnen. Aber er that es nicht, erhatte sich noch eine Aufgabe gesetzt.

Alle Stürme und Anläufe aufdie Stadt Tivoli waren vergeblichgewesen. Die Tiburtiner hatten be-gonnen, ihre Belagerer mit Pfeilen,

Steinen und siedendem Oel zu über-schütten , und es war ihnen gelungen,die Sturmleitern der Kaiserlichen, sosich an ihre Mauern lehnten, zubrechen.

Auf dem flachen, mit Blumen undLorbeer geschmückten Dache des aven-tinischen Palastes stand Kaiser Otto.

Er hatte keinen Blick für die reiz-volle Stadt, die sich zu seinen Füßenausdehnte; sein Auge spähte sorgen-voll nach dem Nebenhügel, an dessenblühendem Hange das belagerte Ti-voli in goldenes Licht getaucht sich sinnig emporhob.

Meine Freunde, meine Heißgeliebten! O, hätteich die Theuern nicht in jene treulose Stadt ziehenlassen! Das rasende Volk ermordet sie, die Edelsten derErde, wie meinen Matholinus. Gott , mein Gott, lass'nicht zu, daß sie mir entrissen werden!" So rief derKaiser und rang die Hände in Seelenqual. Er sankauf die Knie und betete aus tiefstem Herzensdrange.

Da siehe, eine weiße Fahne, das Zeichen der Er-gebung, entrollte sich auf den Mauern von Tivoli. DieThore der Stadt öffneten sich weit, und Menschen ström-ten daraus hervor.

Otto spähte schärfer hin. Sah er denn recht? Das,was er schaute, glich einem Siegeszug.

Ja wahrlich der Zug näherte sich allmählichdem Aventin das waren der apostolische Herr, PapstSylvester II. und Bischof Bernward von Hildesheim, sovom Tiburtiner Volk im Triumph auf Tragsesseln ehren-

voll aus der Stadt hierher geleitet wurden. Und, derKaiser rieb sich die Augen, die Tiburtiner gingen neben-her im Büßerkleide, fast nackt, nur an den Schenkelnbekleidet. In der Rechten trugen sie Schwerter, in derLinken Geißeln. So kamen sie näher.

Dem seltsamen Zuge voran stürmte ein Reiter imKriegskleide. Es war Heribert. Der war von seinemBischof entsandt, um dem Kaiser frohe Botschaft zu über-bringen und ihn vorzubereiten auf das, was kommensollte. Der Jüngling, der seinen Bischof in die belagerteStadt begleitet hatte, berichtete schier athemlos:

Die Tiburtiner nahmen wider Erwarten den apo-stolischen Herrn und meinen Herrn und Meister mit allenZeichen der Ehrerbietung auf. Da mein vielgeliebterHerr Verlangen zeigte, zum Volke zu reden, so geleitetensie ihn bereitwillig auf einen erhöhten Platz inmitten desMarktes. Dieser weite Plan konnte die Menge der aufge-regten Bürger, so uns folgten, nichtfassen.

Mein erhabener Herr sprach.Seine Worte waren anfangs einfachund ruhig. In klarer, überzeugenderWeise führte er die Worte des gött-lichen Heilands aus:Gebet demKaiser, was des Kaisers ist." Nachund nach aber bemächtigte sich desRedners eine heilige Begeisterung.Seine von der heiligen Schriftdurchgeistigten Worte steigerten sichzu wunderbarer Kraft. Wie einezündende Flamme ergriffen sie dieHerzen der Hörer. Bald flössen reich-liche Thränen, und Ausrufe der Reuewurden laut. Bezwungen von seinerhinreißenden Beredsamkeit stürztendie bewaffneten Männer zu HerrnBernwards Füßen nieder. Ja, sieküßten seine Schuhe und gelobtenrückhaltlose Unterwerfung unter denvon Gott gesetzten Oberherrn, denKaiser.

Hoher Herr, die Tiburtiner nahennun als reuige Sünder. Mein Meisterläßt Euch sagen: Verfahret nichthart mit den Bußfertigen, gewähretGnade!"

Es ereignete sich alsdann, wie Heribert es ver-kündigt hatte.

Otto vermochte kaum, seiner Bewegung Herr zuwerden, als die stolzen Tiburtiner Edelleute und Bürgerfast nackt, mit Ruthenbündeln in den Händen, sich de-muthsvoll vor ihm beugten und seinem kaiserlichen Rechtesich unterwarfen.

Wolle der hohe Herr sie, die' das Leben verwirkt,mit dem Schwerte treffen, oder wolle er Mitleid übenund sie zur gelinderen Züchtigung nur geißeln lassen,alle Strafen hinzunehmen, feien sie bereit, sagte der! Sprecher. Er fügte hinzu: und wenn es in dem Willendes Kaisers liege, ihre Stadt zu zerstören und dem Erd-boden gleich zu machen, so seien sie selber bereit, denBefehl zu vollführen; denn niemals, so lange sie athmeten,würden sie wiederum den Wünschen des Kaisers sichwidersetzen.

O, wie gerne und wie beglückt gewährte Otto Ver-

Prälat vr. Westermaycr.