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„Augsburger Postzeitung".
96 .
Dinstag, den 27. November
1894 .
Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg.
Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas <L Grabherr in Augsburg lBorbesitzer vr. Max Huttler).
Erzählung aus dem zehnten Jahrhundert von Antonie Haupt.
(Fortsetzung.)
Die Sonne neigte sich zum Untergänge. Von derenletzten Strahlen in Purpurgluth getaucht, erhob sich aufdem südlichsten Hügel der Stadt die ehrfurchtgebietendeKirche des Erlösers im Lateran. Es war Roms bischöf-liche, des Erdkreises erste Kirche. Als Kaiser Konstan-tin den glänzenden Palast der Lateraner, seither Patri-archium genannt, dem jeweiligen Nachfolger Petri zumWohnsitz schenkte, da erbaute er die „goldene Basilika"und schmückte sie mit kostbaren Weihegeschenken. SeineMutter, die heilige Helena, brachte viele Heiligthümeraus Jerusalem hierher. Zahlreiche Ueberreste der Apostelund der Märtyrer ruhten hier. Der von Gold und iSilber bedeckte Altar, an dem das Oberhaupt der Chri-stenheit, der Papst, täglich das heilige Opfer feierte,umschloß den Holztisch, auf welchem der heilige Petrus einst in den Katakomben das Meßopfer darbrachte. DerBaldachin, so den Altar überschattete, trug die Häupterder Apostclfürsten. Im Jahre 896 hatte freilich einErdbeben die ursprüngliche Basilika Konstantins, denehrwürdigsten Dom der abendländischen Christenheit zer-stört, doch Papit Sergius hatte mit hoher Pracht denBau erneuert.
Nach diesem Heiligthum, allwo auch der päpstlicheMarmorthron stand, begab Bischof Bernward sich mitseinen Begleitern. Hier an der zu allen Zeiten als be-sonders heilig erachteten Stätte beschlossen sie den Tagmit inniger Andacht.
Des Bischofs Tagewerk aber war nach dieser weihe-vollen Stunde nicht beendet; für ihn gab es noch Geistes-arbeit. In der Vorhalle harrte ein Bote, der ihn indas nahe Patriarchium zum apostolischen Herrn, demPapste Sylvester, beschied.
„Der kaiserliche Herr ist auch dortselbst und siehtEuerm Kommen entgegen", also berichtete der Sendling.
Bernward folgte dem Boten ohne Verzug in denpäpstlichen Palast. Die weiten Räume waren mit allerPracht ausgestattet.
Hier fand er den jungen Kaiser in heftiger Auf-regung.
„O mein Vater, rathet uns l Meine Kriegsleutebelagern schon allzulange vergeblich die Stadt Tivoli.Sie riefen mich am heutigen Tage vor deren feste Mauern.Etliche der mit Euch gekommenen Sachsenherren riethen
mir, und namentlich auch mein Vetter, der Herzog Hein-rich von Bayern, gab seine Meinung dahin ab, die Stadtschärfer zu belagern. Die Mehrzahl der Herren abermeinte, da wir durch lange und schwere Arbeit nichtserreicht hätten, so sei es gut, die Belagerung aufzuheben,wenn das nur mit Ehren geschehen könne." Der Kaisersprang auf. „Mich aber verdrießt es, schimpflich vonmeinem Vorhaben abzustehen. Was soll ich thun?"
Nach einigem Nachsinnen gab Bernward bedächtigzur Antwort:
„Es schmerzt mich zwar unsäglich, daß Du, meinOtto, dessen Seele mir so theuer ist, wie das eigeneLeben, durch weitere Sorgen beschwert werden mußt,aber — gieb Befehl, die Stadt der Aufrührer schärferzu belagern. Ich sage Dir, so sehr ich mich nach derRückkehr in die nordische Heimath sehne, und obgleichich die italische Luft nimmer lange ertragen kann, werdeich mich von Dir nicht trennen, bevor ich das Volk derEmpörer mit Gottes Gnade dem Rechte und der Maje-stät des Kaisers unterworfen sehe. „Gebet dem Kaiser,was des Kaisers ist."" Der fürstliche Bischof hatte zumSchluß in edelem Feuer gesprochen.
Kaiser Otto dankte dem geliebten Lehrer voll freu-digen Muths für seinen entschiedenen Rath und eiltesogleich gefestigt hinweg, um mit Sturmeseifer der Be-fehle zur Verschärfung der Belagerung und Unterwei-sungen, wie die Stadt zu gewinnen sei, zu geben.
Bernward aber blieb noch lange in ernster Berath-ung mit dem Vater der Christenheit zusammen. DieBeiden beschlossen, im Falle die Tiburtiner hartnäckigverbleiben sollten, binnen Kurzem sich gemeinsam in dieaufrührerische Stadt zu begeben, um allda das aufge-wiegelte Volk durch mahnende Worte zur Unterwerfungunter das rechtmäßige weltliche Oberhaupt zu bewegen.
V.
Die Belagerung.
Nun füht' ich eist, wie eitelDes Glücks Geschenke sind,Wiewohl ich auf dem ScheitelSchon Kronen trug als Kind!Was je mir schien gew chlig,.»zerstiebt wie ein Atom:
O Welt, Du bist so nichtig,
Du bist so klein, o RomI
Aus Platens Klagelied Kaiser Ottos des Dritten.
Kurze Zeit nach Bischof Bernwards Ankunft inRom hatte ein Gesandter aus Hildesheim Botschaft ge-