Ausgabe 
(30.11.1894) 97
Seite
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WeltspracheNowdies" genannt. Das ist überhaupteine Merkwürdigkeit, daß das Original solcher Art, vomLande in die Stadt verpflanzt, verroht, zum Schlechterenausschlägt, verderbt. Die Halbcultur treibt die wildestenSchößlinge.

Eine Hauptstelle in denSchneebällen" nimmt dieSchilderungMein Sacristan" ein. Der große Kübele,ein armer Teufel, ein Riese an Körperkraft und an Durst,ein alter Revolutionär, dabei eine Perle von einem Men-schen, war Hansjacob's Sacristan. Weil er die für denMeßmer erforderliche Caution nicht aufbringen konnte,mußte der Pfarrer ihn in das Amteinschmuggeln"; soblieb er Zeit seines Lcbmsprovisorischer Meßmer".

Und doch, sagt sein Pfarrherr, zeigte mein geschmuggelterSacristan morgens, ehe er Betzeit läutete, mehr Esprit, alsich in dem ganzen Viertcljahrhundert, da ich Pfarrverweserund Pfarrer bin, in den Nevisionsbemerkungen des katho-lischen Oberstiftungsraths gefunden habe. Es ist etwasSchreckliches um die Bureaukratie, aber auch etwas Schreck-liches um die Armuth, die keinen Dorf-Meßmer-Posten,der kaum 80 M. trägt, erhalten kann ohne Caution,während man Generäle und Minister, die Land und Leuteruiniren und Milliarden schaden können, ohne einen PfennigCaution anstellt."

Ein richtiger Meßmer war dergroß' Kübele" nicht,aber nach dem Zeugniß Hansjacob's ein durch und durchgeistreicher Mensch, der das Zeug zu einem Cardinal ge-habt hätte, es aber durch des Geschickes oft unerklärlicheMächte nur zum Sacristan einer armen Dorfkirche brachte.Mit ihm saß der Pfarrer oft auf einer Bank vor derKirche, den Blick auf die Weite gerichtet, während ihnendie Weisheit des Lebens von den Lippen triefte. Ausdem Leben des Kübele sei noch erzählt, wie er Revolu-tionär wurde, weil ein Stück Socialpolitik darin liegtund beweist, daß diesociale Frage" in erster Linie eineMagcrnrage" ist und bleibt. Ideale Bewegungen habenin den Massen nie Wurzeln geschlagen, nie nachhaltigeWirkungen ausgeübt. Wäre die Neformationsidee nichtzugleich auch eine wirthschaftliche Ncsormidee gewesen, niehätte sie sich so fruchtbar gezeigt und wäre wohl ebensoim Sande verlaufen, wie die dogmatische Streitigkeit überdie Unfehlbarkeit des Papstes. Unser Kübele nun, dereine arme Person gehettathet und das väterliche kleineErbe mit Schulden übernommen hatte, barg ein Ideal:er wollte einSüle" mästen und schlachten. Aber erkam aus den Schulden nicht heraus, und wenn der Herbstkam, mußte er dasTüte" verkaufen.

Es ging ibm wie tausend anderen, sagt Hansjacob.Er war (mit seiner LiebeSheirath) am Ziel seiner Wünscheangelangt, aber auch bald Märtyrer seiner Schulden, wiedie meisten Rebleute am Bodcnfee. Kommt der Herbstund ist das Weingelb bezahlt, dann wandert der geplagteNebmann zunächst auf die Domänenkanzlei nach Meers-burg , zahlt Pachtgelder für seine Kartcffel- und Frncht-äcker und Schulden für Gras und Holz, so er das Jahrüber ersteigert. Dann kommtder Jud" und will seineZinsen und Termine für die Reben, welche man ihm ab-gekauft. Wenn das alles bezahlt ist aber gar oft mußder Jud warten, da er mehr Geduld hat, als die Staats-kasse, so bleiben noch ein paar Mark für Haushaltungund Kleider der Familie und für den Sonntagstrunk desRebmanncs. Während des Jahres wird ein Kalb ver-kauft oder Kitschen, aber dasschlupft" in die Haus-haltung und vergeht wie der Schnee in der Frühlings-

sonne. Dem Konrad war es doppelt schmerzlich, daß dieSchulden alles fraßen, was er erarbeitete, denn er hatte,wenn er am Sonntag in's Wirthshaus ging, zu seinemangeborenen Rebmannsdurst noch den großen Hunger vonanno 1817 her. (1817 war eine große Hungersnoth,von der her Kübele seinen Riesenhunger zu haben be-hauptete.) Dieser Umstand und dieser Schmerz hat denKonrad später in die Arme der Revolution getrieben.Und in der That, es ist hart, sehr hart, unmenschlichhart, wenn ein armer Bauers- oder Ncbmann an Martini,wenn der Herbst- und Erntcertrag schlecht ausfiel, nochdas einzige Schwein verkaufen muß, um den Zins oderPacht- und Holzgeld aufzubringen. Mit Weib und Kindhat er sich den ganzen Sommer über gefreut, im Winterein Schwein schlachten und bisweilen auch ein StückFleisch aus demRauch" genießen zu können. Dakommt die harte Noth, die Angst vor Pfändung und holtauch noch die letzte freudige Lebeushoffnung. ThränendenAuges schaut das arme Weib, welches das Thier mithoffnungsvoller Sorgfalt gepflegt hat, schauen die Kinder,welche das Thierchen gehütet und gehätschelt haben, demMetzger nach, der um Geld, das anderen gehört, dieWinterfreude wegführt."

Wir müssen es uns versagen, auf das schöne Buchnoch weiter einzugehen, auf die rührenden GestaltenUnser Dorfschneider" und derFranzos". Es sind zuköstliche Studien, als daß man sie nicht selbst lesen wollte.Hansjacob's Buch klingt aus in der wehmüthigen Klageüber das Verschwinden der markigen Gestalten.Es sindkeine Dorfmenschen mehr in den Neborten am See.Es sind Städtle-Dörfer, Zwitterdinger am schwäbischenMeer." Der Verfasser schließt mit den traurigen undphilosophischen Worten: !

Von Jahr zu Jahr machen die Bewohner mehrund mehr die Moden und Sitten unserer blasirtenStädtecultur mit. Die Kleidung wird nachgeäfft, Ver-lobungs-, Hochzeits- und Neujahrskarten werden ver-sandt, bei Todesfällen gedruckte Anzeigen verschickt undzu Leichenbegängnissen Beileidskränze dedicirt. Wo aberdiese Kränze grassiern, hört der katholische Rosenkranz,das schönste Gebet für Verstorbene, gar bald auf.

In den zehn Jahren, da ich vom See weg bin,hat diese Unnatur mit Macht zugenommen zum Nach-theil für Familie, Staat, Kirche und Gesellschaft.

Nur eins noch kann, gottlob, nickt cultivirt werden.Das schwäbische Meer. schlägt seine mächtigen Wogen nochTag und Nacht an die Ufer, die Stürme brausen nochwie ehedem über seinen Wassern, die eisigen Firnen derGebirgswelt glühen noch im Abendsonnenschcin in seineFlutben hinab, die Tannen imWigarle" flüstern nochim Morgenwind, und die Büchlein eilen noch dem See zu.

Die Menschen mögen sich ändern: Bauern und Neb-leute in Cylindern und Landmädchcn in Staubmäntelnund mitSonnendächle" am See hin- und herziehen,kein Pfarrer mehr mit feinem Sacristan im Winkel hinterder Kirche sitzen und von alten Zeiten reden, eines wirdbleiben die große, herrliche Schöpfung Gottes, dieNatur. Erfüllen wird sich des Dichters Wunsch:

Doch was die Zeit uns auch verspricht,

Natur! versiege vu nur nicht!

Du mächtige, mannigfache, reiche,

Versinke nicht in's flache Gleiche!"

Und recht hat der gleiche Dichter, wenn er unserer1 Zeit und ihrer Cultur- und Modesucht zuruft: