Die schwere Trennungsstunde war gekommen.
„Mir ahnt es, ich sehe Euch zum letzten Mall"rief Otto und warf sich in leidenschaftlichem Schmerz andes Bischofs Brust.
Auch dieser fühlte sich bewegt, wie nie im Leben,und dennoch vermochte er beruhigende Worte zu seinemLiebling zu sprechen. Ihm selber war es ein Trost,das; sein ritterlicher tapferer Bruder Tammo zum Schutzedes Kaiserlichen Jünglings auf der Burg zu Paternozurückblicb. Der Kaiser sendete dagegen Mannen seineseigenen Gefolges als Neisegefäbrtcn mit Bernward, aufdas; sie bei ihrer Rückkehr von dem Wohlergehen desgeliebten Lehrers ihm Kunde bringen sollten.
(Fortsetzung folgt.)
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AussterLrilde Menschen. *)
Als Ideal eines der nächsten Jahrhunderte wirddie vollkommene Glcichbeit aller Menschen heute schonbezeichnet. Die Dampfwalzen des neunzehnten Jahr-hunderts sind eifrig an der Arbeit, den Boden für dieseGleichheit zu glätten. Berg und Thal zwischen deneinzelnen Gescllschaftsschichtcn sollen verschwinden, dieSonne der Gleichheit scheint auf alle Menschen, es darfkeinen Schatten mehr geben. Die Menschheit wird eingroßes Heer, in Armcecorps und Regimenter eingetheilt,alle morschsten in strenger Ordnung in den einzelnenSectionen, keiner darf gehen wie er will, sondern wiedie Allgemeinheit geht. Es wird keinen Individualis-mus mehr geben, sondern nur Menschen nach einemMuster, geprägt in der Staatsbeglückungsanstalt. Daswird die Freiheit der Allocmeinbeit, die Freiheit derMittelmäßigkeit, was darüber hinaussieht, wird abge-schnitten. Noch vor nicht gar langer Zeit hätte manun solches Gleichheitsideal als den Triumvh der Ty'an-nei bezeichnet, weil es damols noch mehr Menschen gab,die ihre eigenen Wege gehen wollten und, ihrem innerenDränge folgend, gehen mußten. Die Ordnung gefähr-deten diese Menschen nicht. Sie pflanzten sich nicht aufder großen Heerstraße auf und hinderten die Daher-trottcnden am Wciiermarsckircn, sondern sie gingen aufNib-'iipfaden, die so bald kein anderer betrat, oder sielebten in stillen Winkeln, in die die Welt nicht so leichteindrang. Sie störten niwt die Menschheit. Heute aberstört der Fortschritt sie und rwiugt sie, sich in den großenStrom zu mengen, dem sie sich anpassen müssen oderui tergchcn. Das Praktische, das Alltägliche »rurd mitLärm erzeugt, das Poet che und Originale im Stillen.Die Originale der „gubn alten Zett" haben alle einen'Stich in's Poetische; prall sch waren sie nicht, sonst wärensie eben keine Originale geworden.
Gleiche Lebensbedingiingen schaffen gleiche Menschen,und da durch den Verkehr nach und nach auch die still-sten Winkel in's Weltgetriebe gezogen werden, so gleichensich auch die Lebensbedingnngen, die Gewohnheiten, dieTrachten und die Ansichten immer mehr aus. Ueberdas Originelle geht die städtische Culturwalze. Ich binerst im Mannesalter, aber aus meiner Kindheit stehenmir noch in lebhafter Erinnerung eine Reihe von Origi-nalen, die in meiner Vaterstadt — einer damals schonbedeutenden Residenzstadt — ihr harmloses, nicht selten
*) „Schneebällen vom Bodensee ". Von HeinrichHansjacob. (Heidelberg , bei Georg Weiß.)
auch geniales Wesen trieben. Und wie war eS früherauf dem Lande! Fast ein jedes Dorf hatte seinen eigenenAnstrich, und unter den selbst originellen Dorfleuten warmindestens ein Haupt-Original. Heutzutage kann manlange wandeln, bis man auf solche trifft. Ein Slüäurwüchsiger Kraft lag in den Eigenheiten, das manschmerzlich unter den immer allgemeiner werdenden Stadt-kleidern verdorren sieht. Man hat Vereine gegründet zurErbal'ung der Volkstrachten, und meint dadurch denVolksgeist erhalten zu können. Das Verschwinden derTrachten aber bat seinen Grund in dem allgemein werden-den verflachenden Zeitgeist — wer kann ihn eindämmen?Der neue Geist steckt auch in den Landleuten, die nochihre Tracht auftragen oder Sonntags solche anlegen,weil sie von einem derartigen Vereine unterstützt werden.Es ist das keine Tracht mehr, sondern Maskerade.
Je mehr die alten Zeiten schwinden und die alteGattung Mensch ansstirbt, desto verdienstvoller ist es,die Vergangenheit mit dem Stifte festzuhalten und ihrBild in die Zukunft hinüberzuretten. Spätere Geschlechtermöchten sonst meinen, nichts sei vor ihnen gewesen, alsDämmerung, und sie erst hätten das Licht gebracht.Von solchen aussterbenden Menschen erzählt uns in den„Schneebällen vom Bodensee " (Der Schneebällendritte Reihe, Heidelberg, Verlag von Georg Weiß) derkatholische Pfarrer Heinrich Hansjacob, ein echter Volks-schriftsteller, von dessen köstlicher Schilderung von Landund Leuten schon manche Probe mitgetheilt wurde.
In dem erwähnten Bande schildert er die Leute ambadischen Seestrich bei ihrer schweren Arbeit in den Nebenund auf dem See. Hansjacob schreibt keine gewöhnlichenDorfgeschichten, er ist der Philosoph des Landlebens, undso bietet er uns eine Reihe von Typen von ungemeinpsychologischer Schärfe und Treue. Leicht mag sich derVerfasser bei seiner Arbeit thun; er ist selbst ein Origi-nal, ein Mensch, dessen Ansichten und Gedanken nicht inden ausgefahrenen Geleisen der Alltäglichkeit dahinjchlen-dern, sondern einer, der frei und unbeirrt denkt, handeltund spricht. Ein Naturkind mit scharfem Verstände undmit warmem Herzen, kommt ihm alles natürlich, unge-zwungen von den Lippen. Er ist kein welllcheuer Mann,er kennt die Stadt und das Land, die Großen der Erdeund die Kleinen, macht sich über alles seine Gedankenund spricht sie ohne Zagen aus. Wem sie gefallen, istihm gleich; man gewinnt aus seinen Schriften die Mei-nung, als erzähle er sich die Geschichten oder etwa beimGlase Wein einem recht guten Freunde. Wäre er keinkatholischer Psa rer und hätte er Kinder, so würden wirsagen, er erzählte seine Lebensweisheit seinen erwachsenenSöhnen und Töchtern. Diese Schlichtheit und Absichts-lösigkeit der Darstellung macht seine Schriften so anziehendund so belehrend.
Hansjacob kam als Pfarrer nach Hagnau am Boden-see, wo er 15 Jahre wirkte. Dabin führt uns heuteder Verfasser, und dort lebten „Die zwei Fürsten", „MeinSacristan", „Unser Dorfschneider" und „Der Franzos",welche uns hier geschildert werden. Prächtige Gestaltensind die „Zwei Fürsten", gutmüthige, leichtlebige undleichtsinnige, aber sonnige Menschenkinder, wie die Natursie nur in Frühlingslaune hervorbringt. Mau begegnetsolchen Gestalten öfters, besonders im bayerischen Hoch-lande und in Tirol, wo sie bekannt sind als „Loder"oder „Hallodri". Ihr verzerrtes Gegenstück sind dieWiener „Pülcher", der Münchener „Strizzi", in der