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An einem Tische in der Nähe des Fensters saßMeister Diethelm vom Hofe Sommerwerk mit dem Grafenvon Olesburg und etlichen anderen Herren vom Hildes-heimer Adel beisammen. Während sie sich in ersprieß-licher Unterhaltung am braunen Meth erlabten, schautensie mit Begierde zum rundbogigen Fensterlein hinaus.
Draußen wimmelte das Getriebe der Fremden durch-einander, gleichwie das Lager eines Ameisenstaates. Dasprengte staubbedeckt ein kleiner Reitertroß gar eilighindurch.
„Siehe, der Schwestermann unseres Bischofs, GrafBardo von der Mundburg I" rief Altmann von Olesburgerfreut.
Meister Diethelm strich bedächtig seinen Vollbart:
„Der ritterliche Herr kommt just nicht zu früh,wenn er den Bischof Bernward noch begrüßen will, eheder dem Kaiser entgegengeht," sagte er.
Dem Grafen Bardo aber schienaugenblicklich etwas näher am Herzen,zu liegen, als die Begrüßung desbischöflichen Herrn. Vor der Dom-schenke stieg er ab, gab seinem TroßUnterweisungen und trat eilig ein.
„Herr Wirth, rasch einen Hum-pen voll des besten Rheinweins!
Meine Kehle ist ausgedörrt nach demstaubigen Ritt in der scharfen Lenz-luft, und meinen hohen Verwandtendarf ich mit dem großen Durst nichterschrecken. Also rasch! — Ah,grüß Gott , Meister Diethelm I Gottzum Gruß, Ihr Herren Altmann,
Jppo, LiudolfI Schön, daß ichEuch treffe."
Die Ritter schüttelten sich derbdie Hände.
Kaum saß Herr Bardo, so riefer aus:
„Schaut, da schreitet der DecanThangmar zur Bischofsburg. Einthatkräftiger Herr, dem die Jahrenichts anzuhaben vermögen!" Be-sorgt fügte er die Frage hinzu: „Hatunser viellieber Herr und Bischofsich in gleichem Maße jugendkräftigerhalten?"
Meister Diethelm seufzte.
„Er sieht merklich älter aus, seitdem Herr Thang-mar im Anfang des vorigen Jahres aus Italien wieder-kam und unserem oerchrungswürdigen Herrn die letztentheuren Grüße seines geliebten Kaisers überbrachte zugleichmit der Kunde, so ihn auf der Heimreise ereilt hatte,mit der Kunde, daß der junge Otto verschieden sei. AlsHerr Bernward dann von der Trauerfeier zu Aachen zurückkehrte, allwo die Leiche des Kaisers mit feierlichemGepränge beigesetzt war, da sah er um zehn Jahre ernsteraus und viel gereifter, als ein Mann, der, wie er, nichtmehr als vierzig Sommer gesehen hat."
„Ja, ja, ich traf ihn dazumal bei der Kaiser-bestattung," versetzte Graf Bardo ernst.
Diethelm fuhr fort:
„Außerdem zehrt auch die Betrübniß über denGanderSheimer Streit an dem Herzen des Oberhirten.Welche Flulh von Unbilden und Kränkungen brachte diese
Graf Hartmann v. Fuggcr,
Regicrungs-Präsident der Oberpfalz.
leidige Sache schon unserem starkmüthigen Herrn." —Graf Jppo vom Harzgau rief staunend:
„Was sagt Ihr, der GanderSheimer Streit wärenoch nicht ausgeglichen? Und ich vermeinte doch, alswir vor länger denn zwei Jahren unsern Bischof nachRom begleiteten, die Sache sei dazumal von einer Synodezu Gunsten Hildesheims entschieden und der Streit ausder Welt geschaffen worden!"
Meister Diethelm nickte:
„Das wohl, Herr Graf. Der Herr Willegis vonMainz aber und die nunmehrige Aebtissin Sophia warenanderer Meinung. Unterdessen wurden noch in demselbenJahre über die leidige Angelegenheit zwei stürmischeSynoden, die erste im nahen Pölde und die zweite inder Stadt Frankfurt , abgehalten. Herr Willegis fügtesich nicht und auch nicht die Aebtissin."
Graf Liudolf von Guddingo schlug gewaltig mit derFaust aus den Tisch:
„Herr, sende Deine Blitze! HabtIhr Hildesheimer Euch denn nichtgewehrt?"
MeisterDiethelm zuckte dieAchseln:„Gen Weihnachten desselbenJahres Eintausend und eins da rittja Herr Thangmar als AbgesandterunsercsBischofs zum päpstlichen Con-cil, so in Todt angesagt war. Derapostolische Herr Sylvester, wie derHerr Kaiser, sie nahmen den Ge-sandten unseres Herrn gar freund-lich auf. Doch das Concil derBischöfe berieth kirchliche Fragen,wußte in unserer weltlichen Streit-sache wenig Bescheid und entschiednichts."
Graf Bardo rieb sich die Hände:„Hoffe, daß unser neuer KaiserHeinrich ein Macht-wort spricht zuGunsten Hildesheims . Der sanfteund fromme Herr hat das Herz aufdem rechten Fleck und wird das zuEnde bringen, was der junge KaiserOtto nicht vermochte. Was HerrHeinrich will, das führt er durch;wir sahen das beim Kampf um dieKaiserkrone."
Meister Diethelm sprach ernst:
„ Dazu mag das Gebet, welches wir Hildesheimer auf AnH8ung(<unsercs Bischofs einmüthig für Herrnauch etwas beigetragen haben. Unsdünkte es Sieg, als Herr Bernward und Herr Willegiszugleich mit den übrigen Fürsten des Reiches den Ge-wählten, Herrn Heinrich, ehrenvoll nach Mainz geleitetenund ihm daselbst feierlich die Salbung ertheilten."
Mächtiger Hufschlag, lautes Pferdegewieher lenktedie Aufmerksamkeit aller nach dem Domplatz.
„Wahrhaftig, da ist schon unser Graf Tammo vonSommerscbenburg mit seiner Gefolgschaft", sprach Jppovom Harzgau und gürtete sein Schwert fester.
Liudolf rief lebhaft:
„Herr Tammo bringt Kunde von der balligen An-kunft des Kaisers. Er war Herrn Heinrich auf etlicheTageslängen gen Süden entgegengeritten."
Graf Bardo reckte den Hals.