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Sciche zu verrichten; es ist schon die höchste Zeit." DerZar verließ seinen Sitz, nahm den Segen des Metropo-liten entgegen und begab sich mit Gefolge in das alteZarenschlotz. Den Zug eröffneten zwei Priester, die mas-sive Kreuze trugen; ihnen folgte die gesummte Geistlich-keit der Kremlstadt, die den Weg mit Weihwasser be-sprengte. Der Zar ging, gestützt von einem General, lang-samen Schrittes; ihm folgten die Hof- und Militär-Würdenträger. Als der Zar das Gemach betrat, wo dieBraut sich befand, hob ein Diener den neben ihr sitzen-den Bojarin auf, und der Bräutigam ließ sich auf diesenSitz nieder. Die Anwesenden nahmen ihre Plätze ein, unddas „Voxhochzeitsmahl" wurde servirt. Während die Gästeaßen, wurde die Braut frisirt. Zwischen der Braut unddem Bräutigam wurde eine Art Vorhang gehalten, umsie vor ihm zu verbergen. Die Brautwerberin nahm derBraut den Schleier und den Kranz ab, eine Bojarinahielt die Schüssel mit dem Kopfputze für verheiratheteFrauen. Die Brautwerberin tauchte den Kamm in Methein und kämmte der Braut das Haar auseinander, umes nachher zu einem einfachen Knoten zusammenzudrehen.Hierauf legte man der Braut eine Perrücke an und be-deckte sie mit einem Vorhänge. Sodann trat der Schüssel-träger mit dem Hopfen vor; die Brautwerberin beschütteteBraut und Bräutigam mit Hopfen und fächelte ihnen mitden Zobelpelzen Luft zu. Zur selben Zeit näherte sichdem Brautpaare eine Bojarin in einem Pelze und drückteden Wunsch aus, Gott möge den künftigen Ehegatten soviel Kinder beschecren, als Haare in dem Pelze sind.Hierauf wurden die Handtücher, Sacktücher und Münzenan die Gäste vertheilt. Nachher verließen alle Anwesendendas Gemach, um den Zug zur Kirche zu formiren. DieSitze des Zars und der Zarewna wurden mit vierzig jZobelfellen bedeckt, das Tischtuch zusammengerollt, ver-siegelt und dem Hofmeister übergeben. Der Weg bis zurKirche war mit Teppichen belegt, und zwanzig Bojaren-kinder hielten Wache, um Niemanden den Weg über-schreiten zu lassen. Von dem Kirchenthore bis zum Trau-Altar waren Seidenstoffe ausgebreitet, der Raum um denAltar selbst war mit Zobel belegt. Auf einem asiatischen !Pferde aus der Kabardei ritt der Zar zur Trauung; einKutscher schritt voran, zwei Bojaren seitwärts, ihnen folgtensämmtliche Anwesenden im Zarenschlosse. Die Braut folgtedem Zar im Schlitten, der mit goldgesticktem Atlas ge-polstert war. In der Kathedrale nahm der Zar rechtsvom Altar Platz, die Braut links. Die Trauung vollzogder Metropolit, begleitet von einem Sängerchor. Nachder Trauung ließ sich das neuvermählte Zarenpaar aufeine Kirchenbank nieder, um einer Predigt des Metro-politen zuzuhören. Hierauf nahm das Paar die Glück-wünsche der Chargen und des Volkes entgegen und kehrtealsbald in das alte Kaiserschloß zurück. Nach einemkurzen Frühstück trat der Zar eine Rundreise durch sämmt-liche Kirchen und Klöster Moskaus an, welche bis Abendswährte, und erst nach seiner Rückkehr wurde das großeHochzeitsmahl servirt. Es wurden mehr als 50 Speise-gattungen aufgetragen, die mit eingemachten Hühnernihren Abschluß fanden. Zwei Hühner wurden von einemKranzelherrn in das Brautgemach getragen und der Bett-meisterin zur Aufbewahrung übergeben. Nach dieser Cere-monie begaben sich der Zar und die Zarin in das Schlaf-gemach. Sämmtliche anwesenden Gäste begleiteten sie bisin die inneren Gemächer. Im Schlafgemache wurde dasZarenpaar neuerdings mit Hopfen beschüttet und mit
einem der Hühner gespeist. Das Ehebett bestand ausneunnnddreißig Korngarben, mit Teppichen und Leintüchernbedeckt. Die Polster auf dem Bette waren zusammen-genäht; hinter ihnen standen zwei mit Roggen gefüllteFässer und in jedem derselben steckte eine brennende Wachs-kerze. Eine Marderdecke und ein Zobelpelz lagen am Fuß-ende des Bettes. Das Schlafgemach selbst war von be-rittenen Kriegern bewacht, um, wie die Chronik bemerkt,die Neuvermählten vor Hexerei zu schützen. Nachdem dasZarenpaar allein war, mußte die Braut dem Bräutigamdie Stiefel ausziehen; in einem der Stiefel lag eine kleineKnute, mit welcher der Zar seine Gattin dreimal berührteum dadurch seine Macht über sie zu documentiren. Amfolgenden Tage wurde das Zarenpaar mit dem übrig-gebliebenen Huhn, mit Grütze und mit Kwas gespeist;die Neuvermählten nahmen diese Speisen zu sich, wäh-rend sie noch im Bette lagen. Hierauf begaben sie sichin's Bad, wo Musik spielte und ein Kirchenchor sang.Diese letzte Ceremonie wurde vom Zar Alexei Michailo-witsch aufgehoben; er befahl, statt der Musik im Kaiser-schlosse Kirchenlieder vorzutragen.
Die letzte Zarenhochzeit mit allrussischen Ceremonienwar auf Befehl der Negentin Sophia jene des Zars IwanAlexejewitsch mit Praskowja Saliykowa. Am Vorabendeder Vermählung fand beim Zar ein Bankett für die Bo-jaren, Bojarinnen und für die Anverwandten der künf-tigen Zarin statt. Zar Iwan und Praskowja saßen aneinem Extratische. Der Beichtvater des Zars ertheilte demBrautpaare den Segen und befahl ihnen, Küsse mit ein-ander zu tauschen. Die Anwesenden brachten ihnen hierausihre Glückwünsche dar und verließen das Gemach. AmFrühmorgen des folgenden Tages besuchte der Zar sämmt-liche Kirchen seiner Residenz, wohnte einigen Gottesdienstenbei, ließ am Grabe seiner Eltern eine Seelenmesse ab-halten und nahm den Segen des Patriarchen entgegen.Die Hochzeit selbst fand unter allen oben geschildertenCeremonien statt. Am Tage nach der Hochzeit wurdengroßartige Festgelage veranstaltet, Scheiterhaufen ange-zündet und dem Volke verschiedene Getränke verabreicht.
Bis zum Beginne des 18. Jahrhunderts wählten sichdie Zaren Ehegefährtinnen aus der Mitte ihrer Unter-thanen. Dieser Brauch bot jedoch für den Staat viele Un-zukömmlichkeiten. Denn mit der neuen Zarin gelangtenihre zahlreichen Anverwandten zur Macht, die um denZar ein Netz von Intriguen spannten. Peter der Große schaffte diesen Brauch ab, indem er für seinen Sohn, denZarewitsch Alexet, eine ausländische Prinzessin, SophieCharlotte von Braunschweig, zur Frau wählte. Die Hoch-zeitsfeierlichkeiten unter diesem Zar trugen nicht mehr denCharakter des moskowitischen Rußland . Die Abfahrt desZarewitsch Alexei und seiner Braut Sophie in die Kirchevollzog sich nicht unter den früheren Ceremonien ; ebensowurden die Errichtung der Ehebette aus Korngarben unddie Beschüttung mit Hopfen abgeschafft.
---SL8NS---
Delphischer Spruch.
Immerdar hastdu's; bekommst du's, dich ärgert'«; mit anderem
Kopfe
Wildpret, Lustart und Gefäß ist'«, und mit dtr auch verwandt.
Auflösung des Anagramm-Ghasels in Nr. 97: Labe, Abel-Elba, Albe.