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chen besichtigen mußten. Die auf den Gütern ihrer Vaterlebenden Mädchen mußten in die benachbarte Stadt ge-bracht werden, um sich dort der Besichtigung durch dieZarendiener, die Okoljnitschi und Djaken, zu unterziehen.Nach der Besichtigung trug man die Namen der erstenSchönheiten einer jeden Gegend in ein Buch ein und er-theilte ihnen den Befehl, zu einem festgesetzten Zeitpunktein Moskau einzutreffen. Dort wurden die Gewählteneiner neuen Besichtigung durch die dem Zar am nächstenstehenden Personen unterzogen; die Auserkorenen aus derZahl der Gewählten wurden dann dem kaiserlichen Bräu-tigam vorgeführt, der „nach vielen Proben", wie dieChronik besagt, eine Braut für sich aussuchte. Besonderszahlreich waren die angekommenen Bräute unter Iwandem Grausamen. Bei der Wahl der dritten Frau fürdiesen Zar waren in der Alexander-Sloboda, dem da-maligen Wohnsitze Iwans, mehr als zweitausend Mädchen,versammelt. Jedes Mädchen wurde ihm vorgeführt; an-fangs wählte er vierundzwanzig Mädchen, später redu-cirte er diese Zahl auf zwölf, endlich hielt er um dieHand der Marfa Sabakina, Tochter eines Kaufmannesaus Nowgorod, an. Die in Moskau versammelten Zaren-Lräute wurden in einem großen, kasernenartigen Hauseuntergebracht; in einem jeden Zimmer standen zwölfLetten und ein Thron. Der Zar, in Begleitung einesGreises, erschien in jedem Gemach und bestieg den Thron;jedes Mädchen im Festgewande trat an die Stufen desThrones und kniete nieder. Der Zar besichtigte sie ge-nau; jene, dieser anserkor'en, erhielt von ihm einen Ringund ein goldgesticktes, mit Perlen besetztes Sacktuch. DemZar Alexei Michailowitsch wurden zweihundert Mädchenvorgeführt, von denen er anfangs nur sechs wählte. Nachder getroffenen Wahl wurden sämmtliche versammeltenMädchen reich beschenkt und entlassen. Die gewählte Zaren-Braut wurde unter feierlichem Zeremoniell in die Ge-mächer der Zaritza im Zarenschlosse geführt, wo ihre Er-hebung zur Zarenwürde stattfand. Unter feierlichen Ge-beten der Geistlichkeit setzte man hier auf ihr Haupt diekaiserliche Mädchenkrone, legte ihr den Namen Zarewna bei und gab ihr einen neuen Taufnamen. Hierauf legtendie Hofchargen den Eid der Treue für die neue Zarinab. — Die Brautwahl am Zarenhofe in Alt-Rußlandentfesselte jedoch unter den höfischen Parteien fast immerdie niedrigsten Leidenschaften, und selten verging eineZaren-Hochzeit ohne beunruhigende Ereignisse am Hofe.Die dritte Gattin Iwan des Grausamen, Marfa Soba-kina, starb zwei Wochen nach ihrer Vermählung einesqualvollen Todes; noch als Braut wurde sie mit ver-gifteten Getränken von ihren Gegnern am Hofe bewirthet,so daß sie zur Zeit ihrer Vermählung bereits dem Todeverfallen war. Aus dem siebzehnten Jahrhundert ist dieerschütternde Geschichte der ersten Braut des Zars MichailFeodorowilsch, Maria Chlopowa, bekannt. Die zur Zaren-würde bereits erhobene Zarenbraut lebte in den Gemächernim Kaiserschlosse; plötzlich erkrankte sie unter merkwürdigenSymptomen. Der Zar befahl den Aerzten, seine Brautzu retten. Der Gegner der Zarenbraut, der HöflingSaltykow, meldete jedoch seinem Herrscher, daß die Aerztedie Krankheit der Braut für unheilbar hielten. Der ein-berufene KirLenrath enthob den Zar seines Eheversprechensund Maria Chlopowa wurde ihrer Würde entkleidet undnach Tobolsk in Sibirien verschickt. Der Zar erfuhr aberspäter, daß die Krankheit seiner Braut durch schädlicheGetränke hervorgerufen worden war, die ihr Saltykow
reichte. Die entkrönte Zarewna wurde aus der Verbau«nung zurückgerufen und Saltykow entlassen. Aber auchdie erste Gattin dieses Zars, Fürstin Dolgorukaja, starbam Tage ihrer Hochzeit eines plötzlichen Todes. Ein eben-solches Schicksal ereilte die erste Braut des Zars AlexetMichailowitsch. Aus den zur Brautschau versammeltenzweihundert Mädchen wählte er die berühmte SchönheitJenfimija Wsewoloschskaja. Der Allmächtige am Zaren-hofe, Bojar Morosow, wollte aber den Zar mit derTochter seines Freundes MiloslawSkij verheirathen. Ergab deßhalb den Kammermädchen der erwählten Brautden Befehl, die Haarflechten der Zarewna möglichst festum den Kopf zu schnüren. Sie thaten dies noch über-eifrig, und als Wsewoloschskaja in den Zarenkleidern undmit der Zareukrone vor ihrem Bräutigam erschienen war,fiel sie in der Nähe des Thrones in Ohnmacht. Moro-sow bezeichnete diesen Ohnmachtsanfall als Epilepsie; dieZarenbraut, ihr Vater sammt Familie wurden in Folgedieser Beschuldigung nach Tjumen verbannt. Die zweiteHeirath dieses Zars wurde deßhalb in aller Stille ge-feiert. Die Zarenbraut, Natalja Kirrilowna, wurde zurfrühen Morgenstunde aus dem Elternhause unter starkerMilitär-Bedeckung geholt, in das Kaiserschloß gebracht unddirect zum Traualtar geführt.
Die zweite Heirath oder die „frohe Freude", wie dieAltrussen sie nennen, des Czars Michail Feodorowitschfand mit allen in Alt-Nußland üblichen Ceremonien statt.Michail Feodorowitsch und seine künftige Gattin, JrwdokijaStrjeschnewa, legten am Hochzeitstage prunkvolle Kleideran. Der Zar trug emen goldgestickten Sammetpelz undeinen ebensolchen Zobelpelz, dessen Ränder umgeschlagenwaren, eine Mütze aus kostbarem Pelz und einen auSGold geschmiedeten Gurt. Der Zar verließ zuerst seineGemächer und begab sich in die Goldkammer; die kaiser-liche Braut wurde hierauf durch einen Herold geholt. Siebegab sich in Begleitung vieler Bojarinnen zu ihremBräutigam; den Zug eröffneten Schnelläufer, die Kerzen,Laternen und Brodschnitte trugen. Die Kerzen warensehr massiv: beim Bräutigam hatte jede Kerze ein Ge-wicht von drei Pud, bei der Braut von zwei Pud. DieKerzen waren mit Silberreifen, mit Sammt- und Atlas-täschchen behängt und wurden vor der Braut getragen.Die Brodschnitte waren ebenfalls von colossalem Umfange;sie wurden auf Stöcken getragen, die mit kostbarem Stoffeüberzogen waren. Auf den Brodschnitten lagen Gold-münzen verschiedenen Werthes. Dem Kerzenträger folgteein Kranzelherr, der eine fächerförmige Schüssel aus Silbertrug, in welcher Hopfen, Zobel- und Eichhornpelz, gold-gestickte Sacktücher, Ducatcn und andere Münzen lagen.Dem Schnsselträger folgte nun die kaiserliche Braut imSchleier, gefolgt von zwei sogenannten Ehestisterinnen.Hinter der Braut gingen die Bojarinnen; zwei von ihnentrugen je eine Schüssel; auf einer lag der Kopsputz fürverheirathete Frauen (Kika), auf der andern reichgestickteHandtücher, die zum Verschenken bestimmt waren. DenZug schloß ein Geistlicher, der Weihwasser trug und denfür die Zarenbraut bestimmten Sitz besprengte. Auf diesemSitze lagen vierzig Zobelfelle; welche beim Herannahender Braut weggeräumt wurden. In der Nähe der Kaiser-Braut nahm der angesehenste Bojarin im Reiche Platz;nachdem die Braut ihren Sitz erreicht hatte, sendete derBojarin einen Herold an den Zar mit folgender Ansprache:„Herr, Zar und Großfürst aller Neußen! Der Bojarinläßt dir sagen: erbitte Gottes Gnade und gehe, deine