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Eine bedeutende Rolle in den Volkssagen spielt dasdoppelte Gesicht. Legenden und Erzählungen verschiedensterArt, aber immer düster und schaurig, wissen hiervon zuberichten.
Es sei an dieser Stelle nicht unbemerkt, daß auchin den schottischen Sagen das Loppelgesicht eine großeRolle spielt. Im bayerischen Sagenschatze finden wir esbei vielen oberpfälzischen Erzählungen. Als Beispiel hier-von sei die Sage vom Meßner zu Thannstein berichtet.
In Thannstein waltete im letzten Jahrhunderte schonlange Zeit seines frommen, stillen Amtes ein alter Meßner.Mit der Pünktlichkeit einer Uhr erschien er jeden Tag zuseinem Dienste, der damit begann, daß er morgens um4 Uhr den englischen Gruß zu läuten hatte. Es war aneinem Herbstmorgen, als noch fast das Dunkel der Nachtdiese Stunde umhüllte, da ihn die Gewohnheit des Dienstesund die Zeiger der Uhr mahnten, daß sein Amt beginne.Rasch war er angekleidet, sprang durch die frostige Morgen-luft über den Kirchhof hinüber zum Thurme, öffnete dessen
> knarrendes Schloß und wollte eben den Strick^ der Glocke ergreifen, um sie zum Gebete zu. rühren, als er plötzlich zurückfuhr vor Schrecken,
fast wie Lots Weib zur Säule gewandelt. SeinenAugen bot sich ein Bild, welches dem un-erschrockensten Manne den Schlag des Herzensgehemmt hätte. Er selbst, wie er leibte undlebte, stand am Glockenseile; er hatte sein zweitesIch erblickt; die räthselhafte Gestalt blieb sprach-los und ohne Bewegung. Weniger Zeit, alshier die Erzählung beansprucht, vermochte derMeßner auf das grause Bild zu blicken, ge-sträubten Haares, todtenblassen Antlitzes floh ervon dannen; diesen Morgen wurde in Thann-stein nicht geläutet. Eisiger Fieberfrost schütteltedie Glieder des Mannes, sein Gehirn war fastdem Wahnsinne nahe über das Entsetzliche, waser gesehen hatte. Die sorgende Hausfrau brachteihn zu Bette, und ihrem gutmülhigen Zuspruchgelang es, bis gegen Nachmittag seinen Schreckenzu zerstreuen, ihm überhaupt den Glauben andie Erscheinung auszureden, die am Ende nichtsals ein übertriebenes Gebilde seiner Schlaf-trunkenheit und Furchtsamkeit gewesen sei.
Die mächtigste Bundesgenossin des Trostesist es, daß der Mensch den guten Versprechungenund Behauptungen tausendmal eher Gehör schenkt,als einer Aeußerung der Besorgniß, und als esgegen Abend ging, war unser Meßner wiederguter Dinge und schalt sich selbst einen furcht-samen Hasen. Trotz der späten Herbstzeit hattensich im Laufe des Nachmittags die finsterenWolken eines Gewitters geballt, das nun dräuendheraufzog. Der ferne Donner rückte immer näherund erinnerte den pflichtgetreuen Mann, daß esseine Pflicht sei, den Wettersegen zu läuten.Hastigen Schrittes eilte er zum Kirchthurmehinüber, diesmal fand sich in der Glockenkam-mer kein zweites Bild. Rasch greift er nach demSeile, um zum Gebete zu läuten, doch in demAugenblicke, da der erste Glockenschlag ertönt,zuckt aus der Wolke ein Blitzstrahl hernieder,
> dringt in das Dach der Kirche, schlägt in die! Glocke und springt von da auf den unglücklichen
Meßner herab, der entseelt zu Boden sinkt. So hatte dasRäthsel des Doppelgesichts vom Morgen schon am Abendseine Lösung gefunden. (A. d. Wochenschr. „D. Bayerld.")
Zu unseren Bildern.
Kc. TxceUrn; Ncgierungsprklldcnl v. Ziegler.
Se. Excellenz Regierungspräsident von Ober daher n undStaatsrath Dr. Friedrich v. Ziegler, dessen Bildnch wir beutenach einer Phctographie aus oem Atelier des Herrn A. Brockesch,Hofphotozraph. Schindlers Nachfolger in Regensburg , bringen,steht aus früherer Zeit noch, nicht allein in München , sondernin ganz Oberbaycrn, in bestem Andenken. Im Jahre 1871 wurdeHerr v. Ziegler Staatsanwaltssubstitur m Augsburg , wo ersich im Jabre 1872 verehelichte. Zu Beginn desselben Jahreswurde er neben Herrn v. Eisenhart von König Ludwig 1l. indas Kabinet berufen. Dort errang er sich das Vertrauen Sr.Majestät in solchem Mähe, daß er nach dem Rücktritte desHerrn v. Eisenhart im Jahre 1876 zum wirklichen Kabinetschefbefördert wurde. Im Jahre 1879 legte er dieses unter den da-maligen Verhältnissen besonders schwierige Amt zum Erstenmalenieder, um nach einer nochmaligen Berufung zu der hohen Ver-