HL 103
Augsburger Postzeitung^.
Ireitag, den 21. Dezember
L894.
" ' ??ür die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg .
Aruck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Borbesitzer vr. Max Huttler ).
Netter Dago.
Ngch dem Englischen erzählt von Alice Salzbrunv.
(Schluß.)
8. Kapitel.
Cyprian Hay stand schwankend auf. Er fühlte einestarre Kälte. Die Rosen, die Lilien, die Ranken amGlasdach, die Schlingpflanzen auf dem Fußboden ver-mengten sich alle zu einer farblosen Masse. Er schiendie Sehkraft verloren zu haben. Wollte Gott , er hättesoeben kein Gehör gehabt!
Selbst nicht wissend wie, wahrscheinlich gewohnheits-mäßig, kam er aus der Orangerie, ohne eine Scheibezu zerbrechen. In der frischen Luft besserte sich daskrankhafte Schwindelgefühl. Er suchte seine Fassungwieder zu gewinnen. Sehr langsam ging er nach demBahnhof zurück Ein Bahnwärter griff grüßend an dieMütze, öffnete einen Wagen erster Classe und fragte:„Herr Hay befinden sich heute hoffentlich wohl?"
„Sehr schönes Wetter," antwortete Herr Hay, stol-perte in eine Ecke, ohne zu wissen, was er gesagt hatte,und saß dort, wie betäubt, bis der Zug an seinem Zielhielt und er noch in träumerischer, mechanischer Weisesein Comptoir erreichte.
„Ich bin für Niemand zu sprechen," sagte er zuseinem Hauptbuchhalter, „nehmen Sie Briefe und Auf-träge an, als wenn ich abwesend wäre. Ich — ichhabe Kopfschmerzen."
Dann schloß er sich in sein Privatzimmer ein, stütztedie Ellbogen auf die Lederdecke deS Tisches, seinenschmerzenden Kopf in die zitternde Hände und wolltenachdenken.
Während der unglücklichsten Stunden seines Lebensordnete er die Thatsachen, welche ihn elend machten.Er erkannte sie in logischer — nein, in verdammenderReihenfolge. Seine Frau hatte diesen Menschen vorJahren geliebt — diesen Kapitän Dagobert Greaves, denentfernten Verwandten oder „Vetter Dago", wie sie ihnjetzt nannte. DaS Zartgefühl hatte ihn verhindert, denNamen dieses Mannes vor Margarethe zu erwähnen,seitdem sie mit ihm vereinigt war. O Himmel! Wiezeigte sie sich des Zartgefühls würdig!
Zunächst sah er, daß sie mit diesem Vetter Dagodurch Vermittelung der schändlichen Frau Holland imBriefwechsel stand. Was er in ihrem Gespräch nichtgehört hatte, konnte er leicht ergänzen. Der Mann war
vielleicht aus dem Auslande zurückgekehrt und mit ihr,der verheiratheten Frau, zusammen gekommen. Die alteLiebe flammte wieder auf. Die Tollheit war die Folge!
Zunächst kam der Schurke in sein, Cyprian Hays,eigenes Hans. Sogar das Stubenmädchen wußte esund lachte verstohlen über ihren Herrn! Vorbereitungenzur Flucht aus dem Hause, welches er, der arme Thor,für ein Paradies gehalten hatte, waren in seiner Ab-wesenheit stündlich gemacht worden. Das schnöde Geld,das Mittel zu dieser Flucht, hatte seine Frau fast inseiner Gegenwart erhalten. Der Brief voll Entzückenüber den abscheulichen Plan war vor seinen eigenenOhren wiederholt worden. Sein Gleichen, seines LebensGlück, sein Weib ersehnte den Donnerstag, die Stunde,wo — o, ergriff ihn der Wahnsinn? — hatte er ge-legentlich zu viel getrunken? oder war dies ein Alp-drücken? — wo sie ihm für immer entfliehen konnte!
Der unglückliche Mann glaubte wahnsinnig zu wer-den, als diese Ereignisse sich vor ihm aufreihten; gleich-zeitig erinnerte er sich an Geringfügigkeiten, welche fastunmerklich waren, aber im Zusammenhang eine schreck-liche Bestätigung seiner schlimmsten Befürchtung gaben.Margarethe hatte in der letzten Zeit nicht am Fensterauf ihn gewartet. O nein, sie hatte andere Beschäf-tigung gehabt. Sie hatte seine freundliche Begrüßungnicht immer freundlich erwiedert. Aus welchem Grunde?O er konnte den grausamen Gedanken nicht ertragen!Weil sie ihre Falschheit fühlte! Cyprian Hay war ganzunfähig zum ruhigen, leidenschaftlosen Nachdenken. Seineschwache Seite hatte in den letzten glücklichen Monatengeschlummert, aber sich jetzt trotzig aufgerichtet und neubelebt. Margarethens Geduld, Treue, zarte Hingabeund langgehegte Liebe, ihre schönen Eigenschaften undTugenden, für welche er sich vor kurzem mit Leib undSeele verbürgt hätte, fielen vergeblich zu ihren Gunstenin die Waagschale. Seine wüthende Eifersucht überwogalles, und der erprobte Werth seiner Frau galt nichtsmehr. Fast sinnverwirrt und ganz elend ließ CyprianHay den Vor- und Nachmittag vergehen. Um vier Uhrfragte der Hauptbuchhalter durch das Sprachrohr nachseinen Befehlen. „Schließen Sie wie gewöhnlich, lautetedie Antwort, „und sagen Sie gefälligst der Frau Cook,daß ich heute hier übernachten werde."
Frau Cook war die Haushälterin des Geschäfts-hauses. Eine Schlafstube hatte er während der wenigenWochen, welche er nach seiner Heimkehr als Junggeselle