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verlebt, zuweilen benutzt, und sie stand für ihn bereit,obgleich er sie seit seiner Verheiratung nie bewohnthatte. Jetzt wollte er wieder einmal hier bleiben. Erkonnte nicht nach dem Berghause zurückkehren. Er durftesich selbst noch nicht trauen.
Frau Coor klopfte an die Thüre, um zu hören,was er zu essen wünsche. „Nichts," antwortete er kurz.Dann fiel ihm ein, daß nicht alle Welt sein Leid zuwissen brauche. „Irgend etwas!" rief er, und währenddieses „etwas" bereitet wurde, trat die Dämmerungein. Im Halbdunkel ging er schwerfällig die Treppehinunter, nach dem Telegraphenamt und schickte seinerFrau folgende Nachricht: „Geschäftlich heute Abend hieraufgehalten."
Mit wankendem Schritt kam er zurück auf die fastleere Straße — wie sonderbar sah sie aus ohne dasGedränge des Tages, wie hohl klang der Ruf der Zei-tungsjungen, welche an der Ecke den neuesten Mord-bericht ansschrieen. Er aß die ihm vorgesetzten Speisen,ohne zu wissen was er genoß, und ging hinauf in dasdüstere, häßliche Zimmer — wie ganz anders war imBerghause die große angenehme Schlafstube mit dengeschmackvollen Draperien» schönen Spiegeln, zierlichenToilettengeräthen und mit Margarethe! Ein Spiegelwor hier genug, fast zu viel. Er betrachtete sein Gesichtund wunderte sich nicht, daß Frau Cook ihn erschrockenangestarrt, als sie ihm das Essen gebracht hatte. Ersah elender aus, wie bet dem drohenden Schiffbruch der„Java" auf seiner Heimreise. Ach, jetzt wünschte er imtiefsten Herzen, er wäre damals beim Schtffbruch umge-kommen! Er hätte lieber sein Leben verloren, als seineMargarethe auf solche Art verlieren zu müssen!
Vor Erschöpfung schlief der arme Mann ein, aberwährend der ganzen Nacht ging „Dago", „Vetter Dag",„Hauptmann Dago" durch seine Träume. Zwanzigmalwachte er auf, indem er den verhaßten Namen ausrief:„Dago, Dago!" Ungestärkt stand er auf, frühstücktemechanisch und zwang sich, seine Briefe durchzusehen undAnordnungen für seine Comptoiristen aufzuschreiben, aberüberall schwebte ihm in großen Buchstaben „Dago" vor;nichts konnte der: Namen auslöschen. Er bekam einBriefchen von seiner Frau — ein kleines duftiges, creme-farbenes Couvert lag zwischen dem Stoß Geschäftsbriefe.Sie redete ihn „Theuerster Cyprian!" an und schrieb,sein Telegramm habe sie erschreckt, und wenn er morgen— also heute Abend — nicht pünktlich zu Hanse sei, sowerde sie zu ihm kommen. Sie sehne sich sehr nach ihm.
„Um mich das letzte Mal zu sehen!" stöhnte derunglückliche Mann, zerknitterte das parsümirte Blättchenund warf eS entrüstet weg. „Gut, sie soll mich haben."
' Den ganzen trüben Tag hindurch bereitete er sichauf seine Rede und Handlungsweise bet dem Zusammen-kommen mit ihr vor; er wollte sich aussprechen, ihrVorwürfe machen und — Gott steh' ihm bei — vonihr scheiden! Das war sein Vorsatz. Die kleinen Ko-bolde, die Zeitungsjungen schrieen den Schlnßbericht einesScheidungsprozesses aus, als er um fünf Uhr zum Bahn-hof ging. Sein Herzeleid, sein Name sollte nir in sol-cher Weise kundgemacht werden. Er wollte ihr sagen,sie möge gehen, glücklich sein und nie wiederkehren. Erwürde zurückbleiben, und — sein Herz würde brechen.An diese Möglichkeit glaubte er trotz seiner vierzig Jahre.Beim Anbruch der Dämmerung des milden September-abends erreichte er sein Haus. Oben waren einige
Fenster erleuchtet. Unten brannte keine Lampe. An demvorderen Bogenfenster sah er, ja, wirklich, das Gesicht,welches seine Schritte zu beschleunigen Pflegte. DaßMargarethe so verschmitzt war! Ach, ach! Sie nicktemit anscheinender Freude, als er die Thürstufen herauf-kam. Er wendete den Kopf zur Seiee und that, alssähe er es nicht.
Walpurga öffnete lächelnd die Hausthüre. Es warihm, als könne er sie niederschlagen. Seine Selbstbe-herrschung verschwand plötzlich. „Wer ist heute hier ge-wesen?" fragte er barsch.
„Heute, Herr? Hier gewesen?" stammelte sie er-schrocken über die heftige Frage.
„Ja, heute, Herr? Hier gewesen?" So ganz hatteer den Kopf verloren, daß er dem Dienstmädchen nach-ahmte. Er war jetzt auf der Spur der pflichtvergessenenHandlungen und konnte ebenso gut an dem einen alsan dem anderen Ende beginnen. „Antworte mir ohneränkevolle Ausreden!"
„Herr Hay," sagte Walpurga tief beleidigt, „Nie-mand ist hier gewesen; wenigstens," sie zögerte, „keineerwähnenswerthe Person."
„Nein, keine erwähnenswerthe Person," wiederholteder Hausherr bitter. Er konnte das wohl glauben.„Sage Deiner Herrin, daß ich sie sprechen will."
„Ja, Herr Hay, Madame wartet im Gesellschafts-saal auf Sie."
Es war ihm unerträglich, daß der Bruch im Salon,welchen er ihr zu Liebe so schön eingerichtet hatte, statt-finden sollte.
„Ich will sie in meinem Zimmer sprechen," sagteer kurz und ging die ersten Stufen der Treppe hinaufzu dem selten benutzten Zimmer, welches dem Namennach „des Herrn Arbeitsstube" hieß.
Walpurga wechselte jäh die Farbe. Behend schlüpftesie an ihm vorüber und eilte voraus. „Nein, bitte,Herr Hay. Ihre Arbeitsstube ist — unsauber," augen-scheinlich erfand sie eine Ausflucht. „Ich habe gesternund heute nicht abgestaubt. Wollen Sie nicht in Ma-dame's Cabinet gehen?"
„Nein, das will ich nicht," entgegnete Herr Hay.„Ich verlange, daß meine Frau hierher kommt." Lang-samer erreichte er den Treppenflur, schob einen neuange-brachten Vorhang bei Seite und wollte die Thüre öffnen.Sie war verschlossen! Er wendete sich mit dem Tone deshöchsten Zornes zu dem Dienstmädchen.
„Was bedeutet das?" fragte eine Stimme, nämlichFrau Hay, welche heraufgeeilt kam. „Warum kommstDu nicht zum Thee, mein Lieber? O, Walpurga " —sie hielt inne — „mein Mann ist doch nicht —"
„Nein, Madame," antwortete das Mädchen flüsternd,„er wollte hineingehen, aber ich schloß zu und habe denSchlüssel in der Tasche."
„Gieb ihn mir augenblicklich!" sagte der Hausherrgebieterisch.
„Nein, Walpurga , gieb ihn mir," unterbrach ihnseine Frau eifrig mit ausgestreckter Hand; „laufe hin-unter und wache die Butterbrode zurecht," Als- dasMädchen verschwand, fuhr sie fort: „Lieber Cyprian,Du mußt etwas genießen. Wie müde und angegriffenDu aussiehst!" Und sie umarmte ihn zärtlich. Er hattediesen Willkomm früher seinen „Taglohn" genannt.
Auf dem Treppenflur war eine Wandnische miteinem gepolsterten Sitz. Trotz aller Willenskraft konnte