Ausgabe 
(21.12.1894) 103
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Cyprian sich nicht länger aufrecht halten; er setzte sichplötzlich, räusperte sich und sagte mit sehr leiser Stimme:Margarethe, ich bedarf keiner Speise und keinerLiebkosung. Komm her. Du sollst mir einige Fragenbeantworten."

Sie kam dicht zu ihm und sah etwas ängstlich aus.

Wie lange," flüsterte er,wie lange dauert esschon mit mit dem Better Dago?"

Ach!" Sie stieß einen unterdrückten Schrei aus.

Er fuhr fort:Ich muß sogleich alles erfahren.Sage es mir. Ich bestehe darauf."

Cyprian" sie senkte den Kopf, die Nöthe stiegbis auf ihre Stirnich bin schrecklich betrübt, daßDu es entdeckt hast. Ich sehe, daß Du zürnst. Aber,bitte," sie schmiegte sich an ihn und kniete sogar anseiner Seite nieder,bitte, tadle mich nicht so streng,bis Du alles weißt."

Alles!" wiederholte er bitter.Was bleibt mirnoch zu erfahren übrig? Ich habe mit meinen eigenenOhren gehört, daß meine Frau ihren Better Dago nievergessen hat, daß die Gedanken an ihn ihren Kopfmonatelang beschäftigten; daß sie mich, den armen Be-trogenen, um ihren kleinen Finger wickeln kann; daß derLiebhaber ihr glühende Briefe schreibt. Ich Thor sollendlich ihr Geständniß erfahren der Geliebte will sienach Paris entführen. Sage mir" seine Stimmeklang jammervollbleibt mir noch mehr zu erfahrenübrig? O Margarethe! Margarethe!"

Während er sprach, war seine Frau immer weitervon ihm zurückgewichen. Verwirrung, schmerzliches Er-staunen malte sich in ihren Zügen. Sie konnte nichtsprechen, als er schwieg. Sie versuchte es mit über derBrust gefalteten Händen, aber die Stimme versagte ihr.Er sprach wieder zu ihr.

Vielleicht erfahre ich noch mehr. Vielleicht mußich jetzt darauf bestehen, den den Vetter Dago zusprechen, welchen. Du dort verborgen hast," er zeigtemit verzweifelnder Geberde nach seiner Stube.Ister dort?"

Jaa," ächzte sie schwach.

Er wußte es, aber es gab ihm einen neuen Dolch-stich. Er sprach in abgebrochenen Sätzen:Dann willich sie aufgeben da ich ihr nichts mehr bin meinKleinod soll dem Mann gehören, den sie vorziehtdem Manne," fuhr er mit einem wahnsinnigen Versuchzu lachen fort,in der blau und goldenen Uniform, wieDeine schamlose Freundin Frau Holland gestern sagte."

Gestern!"

Ja. weil ich den Zug verfehlte, kam ich zurück,wartete im Gewächshause und hörte dort die Untreue,wegen welcher ich den Tag meiner Geburt verwünschte!"

Margarethe Hay sprang empor, schloß die Stuben-thüre auf und sperrte sie weit auf.Cyprian!" riefsie in wildem Tone, wie sie nicht anders konnte,sieh'her, sieh', was ich vor Dir verborgen habe!"

Er stand auf, ging langsam hinein und schaute sichum. Kein Offizier, kein Mann war dort, dennoch blieber bei dem Anblick überrascht stehen. Er fand die ein-fache Stube in ein herrliches Herrenzimmer verwandelt:autike geschnitzte Eichenmöbel der kostspielige Wunsch,dessen Erfüllung er sich versagt, bis Gretchens Verlangenln jeder Beziehung befriedigt sein würde; seine Lieblings-bücher ; dieses Tisch aus der Zeit Jakobs I. hatte er beteinem jüdischen Antiquitätenhändler das ganze Jahr be-

gehrlich betrachtet; die in seiner Junggefellenzeit gesammelten Sachen, Meerschanmpfeifen, Singhalesen-Götzen,Theebrelter und dergleichen, waren auf Eckstündern hübschgeordnet; der Kaminsims war ein zweihundert Jahrealtes Prachtstück, und über demselben hing das Bild derFrau, welche die Veränderung geschaffen. Sie selbststand vor ihm mit thrünenüberströmtem Gesicht und dochfreudestrahlend, als sie sagte:O, Cyprian, daß Du anmir zweifeln konntest! Wie hart bin ich gestraft, weilich ein einziges Geheimniß vor Dir hatte! Durch meineSchuld wurde das Mißverständniß hervorgerufen; des-halb will ich Dir verzeihen, lieber Mann. Vielleichtwar es unrecht von mir, daß ich eine kleine Dankes-schuld an Dich abtragen wollte. Ich wünschte so sehr,Dir etwas zu schenken, da Du mich immer mit schönenGaben überhäuftest. Ich selbst besaß kein Geld; deß-halb schrieb ich ein Buch, einen Noman; ich nannteihnVetter Dago", weil Ereignisse aus DagobertsGreaves' Jugendleben mir den Stoff lieferten; obgleichich Dago seit dem Tode meines Vaters nicht mehr ge-sehen habe und nur weiß, daß er verheirathet ist undsieben Kinder hat. Außer der Fanny Holland sagte ichNiemand etwas von meinem Werke. Gestern erzählteich ihr das Ende. Ich habe ihr das Manuskript bruch-stückweise vorgelesen, einmal überraschtest Du uns, undsie eilte durch die Gartenthüre, aus Furcht, Du würdestsie ausfragen. Ihr Bruder ist der VerlagsbuchhändlerLightou, wie Du weißt. Er wollte das Buch in Verlagnehmen und verlangte, daß ich das Manuskript mög-lichst rasch beenden sollte. Es gelang mir, und HerrLighton brachte mir am Montag Nachmittag die erstenExemplare. Gestern schickte er mir durch Fanny dasHonorar. Ach, Cyprian, ich arbeitete einzig und allein,um dieses Zimmer für Dich auszustatten. Es ist einGeburtstagsgeschenk, trautester Mann. Ich hatte vieleMühe, die Sachen unbemerkt herschaffen zu lassen undsie vor Dir verborgen zu halten. Es war mein Herzens-wunsch, Dich morgen damit zu beschenken; deßhalb wollteich nicht nach Paris reisen. O Mann, wie konntest Dunur so schlecht von mir denken?"

Er konnte ihr darauf keine Antwort geben. Siesah durch Thränen lächelnd zu ihm auf; er drückte siemit tiefer Reue an sein Herz und war froh, seine wei-nenden Augen in ihrem Haar zu verbergen.

Nachdem sie sich beruhigt hatten, lasen sie denVetter Dago" zusammen, und Cyprian war sehr stolzauf das geistreiche Werk seiner Frau. ES hatte großenErfolg, wurde aber durch ein Geschenk des Himmels ganzverdunkelt. Ein Jahr nach diesem Ereignisse erschien imBerghause ein kleiner lebendiger Dago sein Vaterwollte ihm diesen Namen geben, um sich vor toller Eifer-sucht zu warnen, sagte er. Dieses entzückende neueFamilienglied nimmt so sehr die Zeit seiner zärtlichen,klugen Mutter in Anspruch, daß sie voraussichtlich keinendreibändigen Roman mehr schreiben kann, obgleich daSbewundernde Publikum ihn freudig begrüßen würde.

Ende.

-»SKWSS--

Goldkösner.

Wer auf die Welt konimt, baut ein neues Haus,

Er geht und läßt es einem zweiten;

Der wird sich's anders zubereiten.

Und Niemand baut aus.

-SS-XttS-«--