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schien ganz in dem Cirkusfräulein aufzugehen, und selbstdie Spöttereien seiner weniger begünstigten Freundebrachten ihn nicht zur Besinnung. Die Dame selbstblieb die alte herausfordernde Kokette, von tieferer Nei-gung war keine Spur vorhanden, und wer als Unbe-theiligter die Sache ansah, mußte den Eindruck gewinnen,daß die Reiterin ihren Anbeter einfach geschickt an derNase herumführte.
Aber die Liebe macht blind, sagt's Sprichwort,und so war's mit dem Freiherrn Bruno; er sah nichtdie Wirklichkeit, sondern nur die vor ihm hingaukelndeFata Morgana, die sich seine erhitzte Phantasie vorwalte.
Es kam die Weihnachtszeit und der heilige Abend.Der reichlich gefallene Schnee war in den verkehrreicheuStraßen der alten Kaiserstadt Wien zu einer schmutzigenMasse umgewandelt worden.
„Toni," rief mich gegen 6 Uhr Abends der jungeHerr in sein Studirzimmer, wo allerdings mehr derKurzweil als des Studiums gepflogen wurde.
„Toni, hier bring' diese Schachtel zu FräuleinElwire, spute Dich, es setzt gewiß ein gutes Trinkgeldfür Dich ab."
„Ach, Herr, das Trinkgeld wollt' ich gern missen,wenn wir beide daheim in Steinkron die heilige Weih-nacht feiern könnten."
„Geh', alter Junge, wirst Doch kein Heimwehhaben, doch mache v^ran, vielleicht bringts Christkinduns beiden etwas aus der Heimath, ich glaube, der Post-mann war eben hier, doch lauf' nun."
Zum Laufen war's mir nun gar nicht zu Muthan dem schönen Abend, wo alles mich hier an Stein-kron gemahnte, und da Alles, was hier vorging, soganz anders war als dort. Langsam das kleine Packet-chen unter dem Arm, den Sinn voll mißmuthiger undwehmüthiger Gedanken, schlenderte ich meinen Weg da-hin, der ein ziemliches Ende betrug.
Die Reise führte mich auch über den großen Weih-nachtsmarkt. War's da ein frvhes Leben und Treiben.Auf allen Gesichtern konnte man die Vorahnung derkommenden Freude lesen. Arm und Reich drängten sichdurch die erleuchteten Verkaufsstände, suchend, was wohlden Liebsten Freude bereiten könnte und dem Geld-beutel dabei angepaßt sei. Junges Volk durchwogte dieReihen und ließ sehnsuchtsvoll den Blick an all' denschönen buntbemalten Gegenständen haften; und wie magdas kleine Herzchen geklopft haben bei der Hoffnung,ob am Morgen auch das Christkind an all die Dingegedacht habe, die man ihm sorgsam zu Papier gebrachtund mit der Adresse „an das liebe Christkind im Him-mel" hübsch couvertirt in den Briefkasten geworfenhatte! Gott , mir wurd's auch grad' wie einem Kindezu Muthe, und überall mußte ich stehen bleiben und dasbunte Tausenderlei anstaunen, das sich den Augen bot.Die trüben Bilder, mit denen ich vom Hause wegging,waren bald entschwunden und damit auch freilich dieMahnung des jungen Herrn zur Eile. Ueberall stockteder Fuß, nnd schon war eine geraume Zeit seit meinemWeggang verstrichen. Der Schlag der Thurmuhr vonSt. Stephan, die schon 8 Uhr verkündete, weckte michaus all' den schönen Träumereien und gemahnte derPflicht. Eilig winde ich mich durch das immer dichterwerdende Gedränge. Endlich bin ich dort, wo die kleinenBuden stehen, aus dem ärgsten Menschenknäuel herausund kann den> Schritt etwas eiliger nehmen. Aber, o
weh, da renn' ich gerade wieder einen etwas im Wegestehenden Korb an, und so lang er gewachsen, fliegt euerToni gottlob nicht in den schmutzigen Schnee, aber einerguten Hökerin in den Kram, wo's zum Glück nichts zuzerbrechen gab.
Schlimmer als mir selbst erging's dem sorglichunter dem Arm bewahrten Packetchen. In weitemBogen fiel's zur Erde. Auf der luftigen Reise löste sichdas Umschlagpapier, und bei der unzarten Berührung mitder schmutzgepolstertcn Erde sprang der Deckel auf unddavon mit ihm der Inhalt, eine Anzahl vergoldeterNüsse. Die Besitzerin des Krams hatte mit meinemUngeschick Mitleid, trotz der seltsamen und unliebsamenBegegnung, die ich mit ihren aufgestapelten Schätzen ge-macht hatte. Mit Hilfe ihrer Laterne gelang es, dieSchätze zu sammeln, aber in welcher Verfassung! Vonden Nüssen war der Glanz weg, und daS gelbbrauneUnterröckchen schaute stellenweise ganz unverschämt heraus.
War mein Erstaunen über das seltsame Geschenkmeines Herrn schon groß, so war es doch für michgleich ausgemacht, daß ich so schadhafte Nüsse nicht ansZiel bringen dürfe.
Die gute Hökerin half mir mit einem Vorschlageindessen bald über die Schmerzen hinweg, indem siesich erbot, gegen ein kleines Entgelt mir die beschmutztenNüsse gegen tadellos vergoldete einzutauschen.
Nun hatte es keine Noth mehr, denn das zierlicheSchächtelchen war glücklicher Weise auf das Einwickel-papier gefallen. Froh, so leichten Kaufs aus der Ge-schichte herauszukommen, trabte ich nun, um fernerenAbenteuern zu entgehen, dem Bestimmungsorte zu, womeine Botschaft schnell bestellt war, denn das Fräuleinwar ausgegangen. Auch zu Hause fand ich den jungenHerrn nicht mehr und entging so einem weiteren Examenüber meine Sendung und konnte mich ungetheilt den Ge-nüssen hingeben, welche der heilige Christ von Stein-kron für mich herübergebracht hatte.
(Schluß folgt.)
Ein Weihnachtsabend unter den Palmen Algiers.
Erinnerung eines Veteranen des XIX. französischenArmeecorps.
Von Theodor Habicher.
(Nachdruck verboten )
Es war während des letzten Araber-Aufstandes desJnsurgentenführers Bou-Amema, hart an der marokkani-schen Oase Figig, die auch schon der kühne deutscheForscher Gerhard Rohlfs , zur Zeit in Nüngsdorf beiGodesberg lebend, im Jahre 1862 auf einer Forschungs-reise gleichfalls besuchte. —
Die dritte Compagnie des dritten Bataillons vomersten Fremdenregiment marschirte in glühender Sonnen-hitze dem großen Atlasgebirge zu.
Heute noch mußte sie dasselbe erreichen. Es galtmit äußerster Vorsicht vorzugehen, denn die Araber, diejeden Weg und Steg, jede Klippe und Höhle kannten,hielten gewiß die unzugänglichsten und gefährlichstenStellen besetzt.
Die in Sidi Bel Abbes stationirte Compagnie war,etwa zweihundert Mann stark, abmarschirt, während etwadreihundert Mann, die den Strapazen wohl kaum ge-wachsen waren, in Sidi Bel Abbes zurückblicken. Aber