Ausgabe 
(7.1.1896) 2
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Griff. In der Hand hielt er die großen Stulphandſchuheund einen breiten, mit rother Hahnenfeder geſchmücktenHut. An letzterm blieb Georg's Auge bei der Muſterungdes Mannes hängen. Er hatte ſich nicht getäuſcht: eswar der Kopfſchmuck des Reiters, welcher kurz vor ſeinemEintreffen in der einſamen Waldſchenke auf dem Wegenach Großmeſeritſch davongeſprengt war der Onkeldes Wachtmeiſters Donald, Schloßhauptmann Leßlie.

Der Eintretende ſtellte ſich an der Thüre auf undmaß die Anweſenden mit lauerndem Blick.

Wie ich höre, ſagte er mit dumpfer Stimme,iſteiner der Reiſigen Seiner Gnaden...

Einer der fürſtlichen Leibjäger mit Befehlen desHerzogs an Euch angekommen, vollendete Georg mitfeſtem Tone den Satz, indem er ein Schreiben aus ſeinemKoller zog und es dem Schloßhauptmann gab.

Mit Verlaub, Jungfer Lene, entſchuldigte ſichLeßlie und nahm auf einem Stuhl Platz. Er öffnetedas Schreiben und fing an zu leſen. Dabei wurde ſeinGeſicht noch düſterer als vorher. Der Inhalt des Briefesſchien für ihn in hohem Grade unangenehm zu ſein.

Seine Gnaden werden mehrere Tage hier ver-weilen, wandte er ſich endlich an Georg;wie ich ver-nehme, begleiten den Herrn auch die fürſtliche Gemahlinund einiges Gefolge...?

Ja einiges, wiederholte Georg, der ſeine Schaden-freude über die Verſtimmung des Schloßhauptmanns nichtzu verbergen ſuchte, das zweite Wort ſcharf betonend;es kommen außer dem Herrn, deſſen Gemahlin undTochter vier Cavaliere, drei Ehrenfräulein, zehn Leib-jäger, ſechs Stallmeiſter, ungefähr ebenſoviele Staffetten-reiter, dreißig Diener und Hatſchiere, ſodann noch dieBedienung der Hatſchiere, Kutſcher, Sänftenträger undReitknechte, deren Zahl jedoch höchſtens vierzig ausmachenwird. Dagegen dürften die erwarteten Gäſte ſchon einenetwas größeren Raum beanſpruchen.

Was? fiel der Schloßhauptmann dem Leibjägerin's Wort, und eine unverkennbare Beſtürzung drückteſich auf ſeinem Angeſicht aus,auch Gäſte kommen?

Freilich, lachte Georg,und zwar recht viele.Von Graf Piccolomini, Don Balthaſar Maradas undHerrn Arnim iſt es gewiß; auch der kaiſerliche KämmererFürſt Eggenberg wird erwartet; ob Graf Pappenheim,die Oberſten Heyburn, Hinnerſam, Collalto, Buttler undGraf Iſolani auch eintreffen werden, iſt noch nicht aus-gemacht, doch ſehr wahrſcheinlich.

Das iſt mein Tod, ſtöhnte der Schloßhauptmann,auf deſſen Stirne dicke Schweißtropfen perlten;kaumder Dritte hat in den Schloßräumen Platz.

Thut nichts, meinte Georg gemüthlich;Ihrbringt die Gäſte in der Stadt unter und habt bloß fürdie Einrichtung Sorge zu tragen. Doch dieſe muß nachdes Herrn ausdrücklichem Befehl würdig und anſtändigſein; namentlich iſt darauf zu ſehen, daß der Herzogin ſeinen Meditationen und Berechnungen nicht geſtörtwird, wofür er Euch perſönlich verantwortlich macht.Wenn man ihn bei dem geheimnißvollen Verkehr mit denGeſtirnen beſchreit, iſt der ganze Glaube dahin, und Ihr,Hauptmann, tragt dann die Schuld. Ich möchte wahr-lich nicht in Eurer Haut ſtecken, wenn Ihr Euch gegendieſen Artikel verfehlt; ſeht Euch wohl vor! EinigeMühe und Anſtrengung zwar, ſchloß der Leibjäger, ſichan der Verlegenheit des Schloßhauptmanns weidend,wirdes Euch koſten; doch wenn Ihr klug ſeid, iſt Euch keine

Arbeit zu ſchwer und kein Opfer zu groß. Der Herzogweiß zu belohnen, wenn man ſeiner Erwartung entſpricht;dagegen wird aber auch jede Pflichtvernachläſſigung un-nachſichtlich beſtraft. Vor allem iſt der Anblick von Un-reinlichkeit und Aermlichkeit ihm in der Seele zuwider,worauf ich Euch ganz beſonders aufmerkſam gemachthaben will!

Mit forſchendem Blick fixirte Leßlie den jungenMann unter ſeinen buſchigen Brauen hervor. Es mochtedie Ahnung in ihm aufdämmern, daß dieſer das bevor-ſtehende Unheil mit einer Farbe ausmale, die der Wirk-lichkeit nicht ganz entſprach. Dennoch machte er keineBemerkung.

Da Ihr mit den Eigenthümlichkeiten und Gewohn-heiten des Herrn ſo ſehr vertraut zu ſein ſcheint, ſagteer nach einer kleinen Pauſe ärgerlich,ſo gebt mirwenigſtens einen Rath, was ich thun ſoll.

Mancherlei, erwiderte Georg und zuckte die Achſeln.In erſter Linie müſſen nothwendig alle Häuſer imStädtchen friſch verputzt werden, damit ſie einen freund-lichen Anblick gewähren; ſodann ſind die Düngerhaufenvor den Bauernhöfen zu entfernen und die Straßenſauber zu kehren. Haben Eure Diener kleine Kinder,ſo ſind ſie anderweitig unterzubringen. Auch Pfauenund Eſel, falls ſolche vorhanden ſind, müſſen fort; vorallem aber ſorgt dafür, daß allen Hähnen weit und breitdie Hälſe umgedreht werden, denn das Geſchrei dieſerBurſchen verſetzt den Herzog jedesmal in unbeſchreiblichenZorn.

Während der letzten Auseinanderſetzungen Georg'shatte ſich das finſtere Geſicht des Schloßhauptmanns einwenig geklärt.Sonſt wißt Ihr nichts mehr? fragteer am Schluß halb grollend, halb ſpöttiſch.

Iſt es noch nicht genug? meinte der Leibjägerhöhniſch.

Doch, doch, brummte Leßlie,mehr als hinreichend,um einen treuen Diener zur Verzweiflung zu bringen.Ich danke Euch für die Belehrung und werde mein Mög-lichſtes thun. Damit erhob er ſich und verließ nacheiner ſteifen Verbeugung das Zimmer.

(Fortſetzung folgt.)

Vor fünfundzwanzig Jahren.Von Friedrich Koch⸗​Breuberg.(Fortſetzung.)Die ſchwerſten Tage für das J. Corps.

Nicht lange hatte der Aufenthalt in Ormes gewährt,und nur einmal war es mir möglich geweſen, nachOrléans zu reiten. Ach, wie ſah die ſchöne Stadt aus!Die Kathedrale war zur Bergung der Gefangenen be-nützt, und die Straßen glichen einem Heerlager. Einrauher Wind wehte über die Gegend, und ich gedachtemit Wehmuth der ſchönen Herbſttage, welche ich hierverlebt hatte. Zum zweiten Male über die Loire ge-worfen, ſo dachte ich, muß der Friede kommen. Aberder einäugige Götze des modernen Frankreichs, desStaates, der einſt einen hl. Ludwig beſeſſen, hetzte fort,hetzte fanatiſirte Maſſen in den Tod, nur um demeigenen Ehrgeiz zu genügen. Wo iſt das Große,das dieſer Mann das Volk verſöhnend ſpätergeſchaffen hat? Napoleon I. hat doch die Geſellſchaftgerettet, hat gute Geſetze, die ſich heute noch bewähren,