„Allerdings", lenkte Georg ein, der die Richtigkeitdieser Schlußfolgerung anerkennen mußte, und nahmwieder Platz. „Aber was soll ich thun? Gutwillig,daS weiß ich zum voraus, gesteht Leßlie mir nichts.Wenn ich aber die Kiste auffinde, ist mein Glück gemacht.Der Herzog hat mir für diesen Fall die Hauptmanns-stelle auf einem seiner Schlösser versprochen. Wie Ihrseht, ist die Sache sehr wichtig für mich; denn mit einemgelungenen Griff bin ich ein selbstständiger Mann."
Bei diesen Worten ließ er seine Augen mit soinnigem Ausdruck auf Magdalenen ruhen, daß ein glühendesNoth über deren Antlitz sich ergoß. Als die Base derFrage des jungen Mannes keine Beachtung schenkte,nahm Magdalene stockend und nicht fähig, ihre Verwirrungniederzukämpfen, das Wort.
„Beobachte ihn", rieth sie; „vielleicht findest Dudoch noch Anhaltspunkte, durch welche ein entschiedenesVorgehen gegen den Hauptmann gerechtfertigt wird; einvorschnelles Handeln dagegen könnte alles verderben!"
„Du hast Recht, Lenchen", stimmte Georg nacheinigem Besinnen bei, „ich will Dir folgen. Wer weiß,ob nicht ein glücklicher Zufall meinen Wünschen günstigist. Doppelt jedoch soll es mich freuen, wenn meineVermuthung sich bestätigt, daß Leßlie der Documenten-dieb ist. Wir Beide sind ohnehin noch nicht quitt.Dann läßt auf die beste Art und Weise der Denkzettelsich anbringen, welchen er für alle Fälle erhält."
Das weithin tönende Hornsignal der Thürmer, aufwelches als Antwort eine Trompetenfanfare vom Thalheraufscholl, unterbrach das Gespräch und verhinderteMagdalenen, dem Unwillen Ausdruck zu geben, welchensie über die Unverbesserlichkeit des jungen Mannes empfand.
Georg eilte ans Fenster. „Sie kommen!" rief er,nachdem er einen raschen Blick ins Freie geworfen.„Schon fliegen die Vorreiter den Schloßberg herauf."Er drückte dem Mädchen flüchtig die Hand und eilte hinaus.
Lenchen stellte sich an daS Fenster und schaute überdie Burgmauer weg. Hinter derselben sah sie einemächtige Staubwolke aufwirbeln, durch welche blinkendeWaffen und Helme im Sonnenlicht glänzten.
Auf dem Hofe begann es lebendig zu werden.Soldaten und Diener rannten geschäftig hin und her.Die Zugbrücke fiel mit dumpfem Rasseln über den weitenGraben, und einige Minuten später sprengte ein Reiter-trupp in den Hof. An der Spitze- desselben befand sichein Herr, der über seinem schwarzsammtencn Rock eingoldenes Kreuz an schwerer Kette trug. Er sprang vomPferde, warf die Zügel einem Reitknecht zu und gingmit leichterm Schritt, als man seinen grauen Haarenzugetraut hätte, dem Herzog von Friedland entgegen, derin diesem Augenblick zur Begrüßung der Gäste unterder Eingangspforte des Schlosses erschien.
„Ah, Fürst Eggenberg!" rief Wallenstein , dessenMienenspiel eine stolze Freude ausdrückte, und strecktedem Ankommenden beide Hände entgegen. „Willkommenauf GroßmescritschI"
„Seine Majestät, unser erhabener Kaiser", sagte derFürst mit einer Verbeugung, „läßt Euch, Herr Herzog,durch mich seinen hohen Gruß entbieten und Euch inAnerkennung der raschen Erfüllung Eueres gegebenenVersprechens seiner vollkommensten Gewogenheit undGnade versichern."
„Ich that nur Mcine Pflicht", entgegnete der Herzog I
mit stolzem Selbstbewußtsein; „denn diese war es, nach-dem ich einmal mein Wort verpfändet. Die Armee stehtschlagfertig da und ist vom besten Geiste beseelt, so daßman jeden Augenblick mit ihr gegen den Feind auf-brechen kann."
„Ich weiß es", entgegnete der Fürst mit verbind-lichem Lächeln, „und bin überzeugt, daß sie von Euchnur zum Siege geführt werden wird. Doch", fuhr erfort, ohne dem Achselzucken des Herzogs, das er sehrgut bemerkt hatte, eine Beachtung zu schenken, „darf ichum die sofortige Erledigung unserer Angelegenheit bitten?Ich bin beauftragt, Seiner Majestät heute noch Nachrichtzu senden!"
„Euer Liebden werden von dem weiten Ritt müdeund abgespannt sein", meinte der Herzog geschmeidig;„dürfte nicht vorher ein kleiner Imbiß. - .?"
„Nein", erklärte der Fürst, „die Wohlfahrt unddas Interesse meines kaiserlichen Herrn gehen allem voran!"
„Gut denn", sagte Wallenstein , „auch mir ist derWunsch des erhabenen Gebieters Befehl; in einer Viertel-stunde werde ich mit meinen Officieren im großen Saaleerscheinen und hoffe, daß unsere Berathung zu einemallseitig befriedigenden Abschlüsse kommt."
Der Herzog gab dem Schloßhauptmann einen Wink.Sofort standen mehrere Diener zur Empfangnahme derWünsche des hohen Gastes bereit. Wallenstein zog sichzurück.
Der Gesandte des Kaisers wurde nach der für ihnund sein Gefolge vorbehaltenen Abtheilung des Schlossesgeführt; er ließ sich Brod und ein Glas Wein reichenund begab sich genau zu der festgesetzten Minute in dieVerhandlung, von der so vieles für den Kaiser abhing.
Indessen hatte sich der Herzog von Friedland mitseiner Gemahlin, dem Geheimsekretär Neumann und demAstrologen Seni, sowie einer großen Anzahl von Oberstenund Hauptleuten schon im Versammlungssaale eingefunden.
Nach einer ceremoniellen Begrüßung nahm manPlatz, und die Verhandlung begann. Sie wurde vondem Fürsten Eggenberg eingeleitet mit der Anerkennungder Verdienste, die Wallenstein um daS kaiserliche Hausund ganz Deutschland sich erworben, und dem Ausdruckdes Bedauerns, daß in Folge unliebsamer Mißverständ-nisse eine Zurücksetzung ihm widerfahren sei. Daranknüpfte der Gesandte die Bittender Herzog möge dieBedingungen nennen, unter welchen er geneigt sei, denOberbefehl über das von ihm geschaffene Heer zu über-nehmen.
„Haben Euer Liebden", fragte Wallenstein miteiner Stimme, in welcher seine Spannung durchklang,„unumschränkte Vollmacht vom Kaiser empfangen?"
„Ich verstehe nicht, wie Ihr das meint", entgegneteausweichend der Fürst, „indeß glaube ich, allen billigenAnforderungen entsprechen zu können!"
Wallenstetns Augen blitzten. Er gab dem Geheim-sekretär einen Wink.
Dieser erhob sich, entfaltete ein Schriftstück und fingan zu lesen. Der Herzog beklagte sich darin in längererAusführung über die ihm bei seinem ersten Auftretenwiderfahrene Behandlung und erklärte, um nicht aber-mals nach vollbrachter Arbeit auf die Seite geschobenzu werden, nachstehende Bedingungen stellen zu müssen:
1. Der Sohn des Kaisers, König Ferdinand, darfniemals persönlich beim Heere erscheinen.