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Er stand ja auf der Seite unserer Feinde. Das vonihm gegebene Horoskop klingt so unbestimmt und ver-worren, daß es mir fast wie das wohlfeile Machwerkeines listigen Traumdeuters erscheint. Jedenfalls ist dieihm von Euch unterbreitete Angelegenheit nicht mit jenerGewissenhaftigkeit und jenem Ernste behandelt worden,welche eine so wichtige Sache verlangt. . . . MeineConstellation verkündet Euerm Beginnen Ruhm und Glück,vorausgesetzt, daß Sonne und Mars nicht in Oppositionsind. Da jedoch die Sonne das Zeichen des aller-durchlauchtigsten Erzhauses ist und der Krieg, für denIhr das Heer zusammengebracht habt, zur Befestigungder Macht desselben geführt werden soll, so fällt jeneGefahr von selbst weg!"
Wallenstein schaute den Astrologen mit einem Blickean, als wollte er die geheimsten Gedanken in dessenSeele ergründen. Dann sagte er: „Ihr traut Kepler nicht, Ihr habt es niemals gethan. Ihr meint, er habemich absichtlich getäuscht? Das glaube ich nicht. Ichdenke besser von ihm. Kepler war nicht nur ein großerMeister unserer himmlischen Kunst, er war auch einhervorragender, ein guter Mensch. Und wie hat dieundankbare Welt ihm gelohnt?" fügte er bei. „Wiefast Jedem, der sich nicht mit kühner Rücksichtslosigkeiteinen Griff in den Glückshafen der Günstlinge desSchicksals erzwingt: sie nahm den Schatz aus der Handdes bescheidenen Mannes und gab ihm dafür nicht einMal Brod. Doch", fuhr er fort, und seine Stimmesank zum Flüstertöne herab, „habe ich ein Recht, dieWelt anzuklagen? War ich besser als sie? Ich ver-
dankte dem edlen Forscher so viel; er hat mir manchesGeheimniß im Zauberreiche der Gestirne erschlossen, undwas that ich für ihn? Nichts, oder doch nicht viel
mehr als nichts! Denn der Lehrstuhl in Rostock war
— ein Amt ohne Brod!"
Wallenstein fuhr sich mit der Hand über die Stirne,als wolle er die Spuren dieser Selbstanklage verwischen.Dann wandte er sich an Seni: „Wie geht es der Familiedes Meisters? Wißt Ihr Näheres von ihr?"
„Keplers Wittwe soll in Regensburg leben", erklärteder Astrologe, „und in nicht ungünstigen Verhältnissensein, nachdem die Verdienste ihres verstorbenen Gattenvom Reichstag anerkannt und belohnt worden sind."
„Sind sie es wirklich?" rief der Herzog. „Das
freut mich, wenn diese Belohnung für den geprüftenMann selbst auch zu spät kam. Ich werde ihrer gleich-falls gedenken — mahnt mich daran. Doch geht jetzt,Meister, und stellt im astronomischen Zimmer allesbereit; die hochwichtige Nacht rückt heran."
Der Herzog machte eine leichte Handbewegung, undder Alte schritt langsam hinaus.
3 .
Die Sonne stand kaum am Himmel, als Magdaleneam folgenden Tage das Zimmer der Base betrat. „GutenMorgen, liebe Base", rief sie fröhlich und stellte eineFlasche Wein auf den Tisch; „seht nur, wie freundlichund gut die Herzogin ist! Dies schickt sie, damit IhrEuch gütlich thut."
„Die Herzogin?" fragte die Alte; „sie kennt michja nicht!"
„Um so mehr beweist die Gabe ihre Herzensgüteund Mildthätigkeit", erwiderte das Mädchen. „Die hoheFrau hat mich über alle Bewohner des Schlosses gefragt,
und als sie hörte, daß Ihr schon vierundachtzig Jahrealt seid, sprach sie sofort die Absicht aus, Euch einekleine Freude zu bereiten. Sie ließ diesen Labetrankholen und gab mir den Auftrag, ihn Euch zu bringen.In den nächsten Tagen wird sie bei der Base in höchst-eigener Person einen Besuch machen. Ihr glaubt garnicht", schilderte Magdalene weiter, als Frau Anna dieNachricht von der ihr zugedachten Ehre kaum anhörte,„wie herablassend sie ist. Ich war gestern Abend langeum sie; eine der Damen mußte ihr Töchterlein holen,das wohl eine Stunde lang in der zutraulichsten Weisemit mir geplaudert und gespielt hat. Der kleine Engelwar in Sagan so krank, daß man bereits für sein Lebenfürchtete; nun ist er wieder frisch und gesund!"
„Ja, ja", bemerkte die Alte in ihrer gewohnteneigenthümlichen Weise, „ich glaube es Dir. Sie warauch einst glücklich und gut; ihr fröhliches Lachen undScherzen durchklang oft diese Räume, wo es nicht sotrübe und still war wie jetzt; und doch..."
Es klopfte, und Georg Selkow trai ein. Mißmuthtgließ er sich nach kurzem Gruß auf einen Stuhl nieder.Die Base war bei seinem Erscheinen Plötzlich verstummt.
„Nichts und wieder nichts!" rief der Leibjägerärgerlich; „nun habe ich das ganze Schloß von obenbis unten durchsucht und fand von dem verwünschtenKasten auch nicht eine Spur. Da hat mir der Herreine schöne Gnade bescheert! Und vollends noch denboshaften Hauptwann dazu, der vor geheimer Schaden-freude über meine vergebliche Arbeit und Mühe fastplatzt. Es ist mir ganz miserabel zu Muth!"
„Von welchem Kasten sprichst Du da?" fragte dieAlte, aufmerksam werdend.
„Von einem kleinen, silberbeschlagenenEbenholzktstchen,welches der verstorbenen Gräfin gehörte und bei demTode derselben oder ganz kurz vorher auf eine unerklärlicheWeise verschwand. Es soll wichtige Documente enthalten,an deren Auffindung dem Herzog sehr viel liegt. AllemAnscheine nach suchen wir jedoch am unrechten Platz.Der Himmel mag wissen, wo das Ding steckt. OhneZweifel hatte die eifersüchtige Gräfin, um dem Herrneinen Streich zu spielen, die Documente schon lange vorihrem Tode bei Seite geschafft."^
„Nein", widersprach die Alte bestimmt, „Du täuschestDich; ich selbst habe das schwarze Kästchen wenigeStunden vor ihrem Hinscheiden neben dem Bette gesehen."
„Wie, Ihr wißt?" rief Georg aufspringend.
„Ich weiß weiter nichts", erklärte diese, „als daßdas Kästchen da war. Was nachher damit geschah, istmir unbekannt. Vielleicht könnte Leßlie Dir Bescheidgeben. Er war ja der einzige Vertraute der Gräfin."
„Also habe ich mich mit meinem Verdachte gegendiesen Menschen doch nicht getäuscht!" frohlockte Georg.„Ging er doch anfangs neben mir her, wie das böseGewissen, während nachher, als ich nichts fand, derHohn aus seinen Fuchsaugen sprach. Aber, warte nur,Halunke, ich werde dir die Zunge schon lösen! Soforteile ich zum Herzog und erstatte über die EntdeckungBericht!"
„Um Gottes willen, Georg", bat die Alte erschrocken,„thue das nicht! Du könntest einen Unschuldigen unduns Alle unglücklich machen. Es ist Dir ja bekannt,wie argwöhnisch, heftig und unnachsichtlich der Herr ist.Leßlie's Verkehr mit der Gräfin ist noch lange kein Be-weis dafür, daß er die Kiste auf die Seite geschafft hat."