ganz im Gegensatz zu seiner sonstigen Gepflogenheit, garkeine Beachtung geschenkt.
An einem der Tische saß, mit Schreiben beschäftigt,des Herzogs Geheimsecretär, Cornet Neumann; Senilehnte am Fenster, ein Staffettreiter und Georg Selkowstanden wartend an der Thüre.
Letzterer hielt seine Augen mit unverkennbarer Ueber-raschung auf Neumann gerichtet. Was er während seineslangen Aufenthaltes in der unmittelbaren Umgebung desHerzogs noch nie entdeckt hatte, das fiel ihm heute auf:nicht nur die Gestalt, sondern auch die Haltung unddie Gestchtszüge des Geheimsecretärs glichen den seinigenfast auf ein Haar. Er konnte kaum begreifen, daß diesessonderbare Spiel der Natur nicht schon früher von ihmbemerkt worden war. Uebrigens hatte der Cornet, wieGeorg sah, im Haar und Bartschmuck gegen früher eineauffallende Aenderung bewirkt — an und für sich eineLaune, aus der jedoch in der Folge, wie so oft aus kleinenUrsachen, eine verhängnißvolle Wirkung für den Trägerentsprang.
Nachdem ein längeres Schweigen im Zimmer ge-herrscht hatte, wandte Wallenstein sich an den Schloß-hauptmann, ohne diesen jedoch anzusehen: „Hat EuchEuer Vetter Gordon, der Comandant von Friedland, inder letzten Zeit keine Nachricht gegeben?"
„Nein," erwiderte Leßlie, ob der Zwischenfrage,deren Zweck er nicht zu errathen schien, sichtlich betroffen.
„So wißt Ihr auch nicht," fuhr der Herzog fortund maß den Schloßhauptmann mit einem mißtrauischenBlick, „daß der waghalsige Schelm Christoph von Redernin der dortigen Gegend herumreitet und das Landvolkverführt? Das kann nur im Einverständniß mit Gordongeschehen. Wenn dieser seine Pflicht erfüllte, dann hätteder Unfug schon längst aufgehört. Schreibt deshalb,"befahl er Neumann, „an den Schloßhauptmann, er seivon heute ab seines Dienstes entlassen. Im ganzenreichenbergischen und frtedländischen Gebiet aber soll be-kannt gemacht werden, daß, wer die geringste Gemein-schaft mit Redern unterhält, dem Galgen verfällt; werihn mir aber todt oder lebendig in die Hand liefert, dersoll fünftausend Thaler erhalten."
Der Geheimsecretär schrieb, und der Herzog setzteseine Wanderung fort.
Als Neumann das Schriftstück ausgefertigt hatte,winkte Wallenstein dem harrenden Reiter, übergab ihmden Brief, und dieser verließ das Gemach.
Der Herzog ging noch eine Weile auf und ab; dannblieb er abermals vor dem Schloß-Hauptmann stehenund schaute ihm fest in's Gesicht. „Die fehlenden Papierehaben sich noch nicht gefunden?" fragte er mit einemTone, in welchem fast etwas Drohendes lag.
Ein unverkennbarer Schrecken drückte sich auf Leßlie'sAngesicht aus. Gleichwohl wußte er sich zu beherrschenund antwortete mit fester Stimme, wenn auch ängstlichemBlick: „Nirgends, Euer Gnaden; man suchte bis jetztvergeblich danach I"
Ein zorniger Blick zuckte aus den Augen des Herzogshervor. „An dem Tage vor dem Tode der Gräfin warensie noch vorhanden, das ist ausgemacht," erklärte er, „amfolgenden Morgen aber hat man sie vermißt. Ich binfest überzeugt, daß sie auf Grund eines böswilligenComplots entfernt und versteckt worden sind. Georg,"fuhr er zu diesem gewandt fort, „du bist mir treu! Dukennst alle Räumlichkeiten dieses Hauses genau. Nimm
einige Knechte und durchsuche das ganze Schloß vomDachstuhl bis zum Grundstein, die Zimmer meiner Ge-mahlin allein ausgenommen. Eine Kiste mit Documentenist verloren gegangen. Spüre überall nach und laß, wodu es für nöthig findest, Thüren und Wände einschlagenund alle Schränke und Kästen aufbrechen. Findest dujene Papiere, so sei meiner fürstlichen Gnade und einesreichen Lohnes gewiß. Ihr, Leßlie, werdet den Leib-jäger begleiten und Euch nicht eher entfernen, bis dieUntersuchung zu Ende geführt ist."
„Euer Gnaden glauben doch nicht . . .," wagteder Schloßhauptmann mit merklich zitternder Stimmeeinzuwenden.
„Ich glaube gar nichts," entgegnete der Herzograuh, „denn sonst läget Ihr längst in Ketten und Banden!Doch fort jetzt an's Werkl"
Leßlie und Georg verließen das Zimmer; auch Neu-mann entfernte sich auf einen Wink seines Herrn. Wallen-stein und Seni blieben allein.
Wieder schritt der Herzog eine Zeit lang schweigendan den Fenstern des Zimmers entlang.
„Habt Ihr den Brief noch, den Kepler vor seinemTode Euch geschrieben?" fragte der Herzog den Astrologen.
„Ja, mein hoher Herr", erwiderte der Alte, „er istgut verwahrt."
„Ich will ihn sehen", sagte Wallenstein .
Seni entfernte sich.
„Ich hatte mir zwar", murmelte der Herzog, alser sich allein sah, „damals das Geschriebene genau insGedächtniß geprägt, aber ganz kann ich mich doch nichtmehr auf den Wortlaut besinnen, der, wie ich micherinnere, eine Warnung von ungeheuerer Tragweite ent-hält. Kepler war ein merkwürdiger Mann. Man hatseinen Geist, sein Wissen und seine Kraft unterschätzt.Ich bin fest überzeugt, daß ihm von den Gestirnen mehrvertraut worden ist, als die Welt ahnt!"
Der Astrologe kam zurück und übergab Wallenstein ein halbvergilbtes Papier. Dieser las langsam folgendeStelle:
„Der Herzog wird sich an Unternehmungen wagen,durch welche er entweder auf den höchsten Gipfel desRuhmes geführt oder in den tiefsten Abgrund gestürztwird. Er mag sich vor einem geheimen Feinde wohl inAcht nehmen, der unsichtbar, aber beharrlich in seineFußstapfen tritt. Wenn die Hand gegen den Herrn zumSchlage sich erhebt, erfüllt sich in Finsterniß und Nachtsein Geschick."
Der Herzog ließ seine Augen längere Zeit auf demSchreiben haften. Dann legte er es weg und blickte zumFenster hinaus.
„Kepler spricht von einer Gefahr", sagte er nacheiner Pause, „die allerdings noch an Bedingungen ge-knüpft ist; aber eine Gefahr bleibt doch. Auch meineeigenen Berechnungen deuten nichts Gutes. Daß esWarnungszeichen gibt, und daß diese den Geschicken derMenschen vorangehen, welche dazu erkoren sind, auf dieEreignisse ihrer Zeit mächtig zu wirken, dessen habenwir Beispiele genug!"
„Kepler war ein großer Gelehrter", bemerkte Seni,der das Selbstgespräch des Gebieters mit wachsendemInteresse verfolgt hatte, als Wallenstein schwieg,„allein er kann sich doch geirrt haben. Oder er hatEuch", fügte er mit zweideutigem Lächeln hinzu, „ab-sichtlich getäuscht, um Euch schwankend zu machen.