Ausgabe 
(21.1.1896) 6
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Georg trat den Heimweg an mit dem festen Ent-schlüsse, dem Künstler sein Wort zu halten. Sicher er-reichte er dann seine Absicht, das seltsame Wesen naherkennen zu lernen, durch welches seine Einbildungskraftjn einen so stürmischen Aufruhr versetzt worden war.

Trotzdem war er nicht um die Ruhe seines Herzensbesorgt. Was er unter dem Zauber ihrer Erscheinungempfand, hatte nichts mit dem wonnigen Gefühl erwachen-der Liebe gemein; es war mehr eine Art berückenderScheu, etwas wie die Ahnung einer unbestimmten Gefahr.Und doch zog es ihn mit Macht zu ihr hin.

Durch den Anruf des Thorwächters wurde er ausseinem Sinnen geschreckt. Fast unbewußt hatte er ander Seite Martin's, von dem er auch nicht durch einWort in seinen Träumereien gestört worden war, die indas Schloß führende Zugbrücke erreicht. Der Lieu-tenant gab die Losung, und sie passierten das Thor.Während Letzterer der Wohnung seiner Eltern zuschritt,begab Georg sich nach dem westlichen Flügel, wo der Herzogvon Friedland sein Hoflager hielt.

5 .

Eine sternenhelle Nacht folgte dem Abend, der überGroßmcserilsch das Füllhorn des Glückes und der Freudein so reichem Maße ausgegasten. Es war schon ziem-lich spät, und die meisten der angeheiterten Zecher hattensich zur Ruhe begeben.

Der Herzog fühlte noch keinen Schlaf. Einsamstand er an einem geöffneten Fenster des Vorzimmerszu seinen Gemächern und blickte zu dem sternenbesäetenHimmel hinauf. Tiefe Stille herrschte ringsum. Selbstdie beiden wachthabenden Arkebusiere hatten ihren ein-förmigen Gang auf dem Pflaster des Schloßhofes unter-brochen und in ihren Häuschen Schutz gegen die em-pfindliche Nachtluft gesucht. Nur von Zeit zu Zeit hörteman das leise Picken des die Fensterbrüstung zernagen-den Holzwurmes.

Lange war der Herzog unbeweglich auf seinem Platzegestanden, da tönte aus dem anstoßenden Zimmer derSchlag einer Uhr.Endlich," sagte er halblaut zu sichund blickte durch das Fernrohr, welches in der Fenster-nische befestigt war.

Kcpler hat Recht, die Konstellation ist genau so,wie sein Brief sie andeutet," murmelte er und trat mitgefurchter Stirne in's Zimmer zurück.Ein geheimerFeind steht mir gegenüber; drohend erhebt sich einmächtiger Arm gegen mich. Dies ist die Hand, vorderen Schlag er mich gewarnt hat. Mein Stern stehtim Zenith, wagte ich heute zu sagen; es war nur Ver-messcnheit, ein Frevel, für den vielleicht nur zu bald dieverdiente Strafe mich ereilt I"

Er schwieg und starrte gedankenvoll vor sich hin.Ein Gegner schleicht auf unsichtbaren Wegen heran,"fuhr er dann wieder fort.Ich bezweifle es nicht.Aber wer, wer sollte sich erkühnen, in diesem Augenblick,da die ganze Welt auf mich schaut, da das Schicksalganzer Nationen in meine Hand gelegt ist, ein Hindernißmeiner Pläne zu sein? Ich habe Feinde in Wien , dasweiß ich wohl; aber gleichwohl brauche ich nichts vondorther zu fürchten; sie können mich jn nicht entbehren.Ein Unglück droht mir, das ahne ich; aber woher, wo-her soll es kommen?"

Der Herzog war wieder an's Fenster getreten und

richtete seine Augen wie fragend auf die schimmerndePracht am Sterncnhimmel.

Da erhielt er einen so heftigen Schlag auf denRücken, daß er fast in die Kniee sank.

Einen Augenblick war er wie betäubt. Dann aberschnellte er mit dem Rufe:Was ist das!" empor unddrehte sich um. Doch nirgends zeigte sich eine Spur voneinem lebenden Wesen. Das Zimmer war leer. Todten-stille herrschte im ganzen Schloß.

Wallenstein hatte sich wieder an's Fenster gestellt.Er athmete schwer; kalter Schweiß perlte auf seiner Stirne,und die Gesichtszüge waren unheimlich verzerrt.

Ihr ewigen Mächte," stöhnte er,ich bin verloren.Das war die verhängnißvolle Hand, deren Schlag denAnfang des Endes kund that!"

Noch eine geraume Zeit blieb er in dumpfes Brütenversunken, dann wankte er nach der nächsten Thüre,durch die er verschwand.

Am folgenden Tage befand sich auf Großmeseritschalles in der größten Bestürzung. Der Herzog, hieß es,sei plötzlich erkrankt. Es war ein erschütternder Rück-schlag nach der allgemeinen Lust. Wunderlich widersprechendeGerüchte verbreiteten sich. Die Einen sprachen von einemSchlaganfall, der ihn getroffen, Andere wollten ihn amfrühen Morgen noch an seinem Fenster auf und abwandelnd erblickt haben, und wieder Andere meinten,da von der Beiziehung eines Arztes nichts verlautete,er sei überhaupt nicht krank, sondern habe über Nachteine unangenehme Nachricht erhalten. Auf alle Fällestand die Thatsache fest, daß der Herzog seine Zimmerauch nicht auf eine M^irte verließ und weder Speisenoch Trank zu sich nahm. Nur seine Gemahlin, derAstrologe Seni , Pater Vincenz und Georg Selkow hattenZutritt zu ihm.

Auf diese Weise gingen drei Tage vorüber. Eswaren mehrere Courriere mit Depeschen gekommen; sieerhielten aber weder Abfertigung noch Antwort und harrtenunverrichteter Dinge im Städtchen auf Bescheid. Ringsum das Schloß herrschte eine unheimliche Stille. Wernicht aus- und eingehen mußte, hielt sich fern. Umneugierige Besucher abzuhalten, wären die Schildwachennicht nöthig gewesen.

Der unerwartete Zwischenfall hatte Georg einenStrich durch die Rechnung gemacht. Von einem Besuchbei dem Akrobaten konnte keine Rede mehr sein. Ueber-dies glaubte er bezüglich der verschwundenen Documenteeine neue Spur gefunden zu haben, die ganz seiner ge-heimen Erwartung entsprach. So kam es, daß das BildMarion's allmählig in den Hintergrund trat.

(Fortsetzung folgt.)

- tE-I-

Im Löllingsiraben."

Lustiges aus dem Jäger leben.

Der Jager hat g'schoff'u,

Hat aber 's Schiaß'n nöt kennt,Und hat bei der G'legenheitSein Schnauzer verbrennt."

Wenn bei uns daheim, im Kärntnerlandl, derHirsch den letzten Schrei thut, liegt auf der Schattseitenschon recht viel Schnee.

Wo die Sonne noch hin kann, da geht's noch an,aber auf der Schattseiten mag man schon fast erfrieren.