Ausgabe 
(21.1.1896) 6
Seite
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Zeit manches Loch, und es ist Zeit, daß Einer kommt,der ihn flickt!"

Er lachte laut über seinen Witz und spähte unterden halb geschlossenen Lidern hervor nach Martin's Ge-sicht; aber der Lieutenant, welcher überhaupt nicht vielWorte zu machen gewohnt war, blieb abermals stumm.

Euer Freund," nahm der unermüdliche Mann nacheiner kleinen Pause das Gespräch wieder auf,gilt, wiees scheint, bei dem Herzog sehr viel. Habe den Einzugdes großen Feldherrn gesehen und dabei reckt gut be-merkt, wie herablassend und freundlich der junge Leib-jäger von dem Gewaltigen gegrüßt worden ist. Glaubtmir, Mann, der bringt es noch weit! Es bedeutetimmer etwas, wenn ein großer Herr so gar gnädig undzutraulich ist!"

Georg kam soeben mit ärgerlichem Gesicht zur Thüreherein. Er sah Martin bei dem Kleinen, den er, wiedas plötzliche Aufleuchten seiner Aug?n anzeigte, nunauch erkannte, und schritt rasch auf die Beiden zu.

Mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeitdankte er für den Gruß des Harlekinsund machte von der Einladung des-selben, auf dem schnell wieder zumVorschein gebrachten Stuhl Platz zunehmen, mit sichtlicher GenugthuungGebrauch.

Geschickt wußte Jener das Themaüber den Herzog und die bevorstehendenActionen weiterzuspinnen, und Georgtheilte ihm ohne Rückhalt mit, waser wußte. Einerseits siel es diesemgar nicht ein, bei dem Acrobaten fürden Gegenstand ein besonderes Interessezu suchen, anderseits ging seine Bereit-willigkeit zur Auskunftertheilung ausdem Bestreben hervor, auch Jenen zurBeantwortung von Fragen geneigterzu machen. Anfangs suchte er ver-geblich nach einer passenden Einleitung,bis ihm Martin zu Hülfe kam.

Ei, guter Herr," sagte dieser undzog seinen Zettel hervor,Ihr könntmir ganz gewiß sagen, was diesesPapierchen enthält, das ich von derhübschen Seherin in Euerer Bude bekam; ich denke, daßIhr doch auch so eine Art Schwarzkünstler seid I"

Der Harlekin , welcher sich den Beiden nunmehr alsLouis Leferrier, Director der Akrobaten-Gescllschaft, vor-stellte, lachte vergnügt. Es schien fast, als habe er aufdiese Frage gewartet. Er nahm das Papier in dieHand.Gewiß," erwiderte er,es ist ein französischerVers und heißt:

Hoch steigen willst du, Freund,

Es sei dir auch bescheert.

Doch denk': die Hohen sindOft nicht bcneidensnerth."

Bravo!" rief Leferrier und gab dem Lieutenantdas Orakel wieder zurück;das ist eine Aussicht, mitder man trotz dem versteckten Aber zufrieden sein kann."

Auch Georg ließ sich sein Zettelchen übersetzen.Der Inhalt lautete ebenfalls in gebundener Form:

Durch Blut und Thränen führt dein PfadIn Sturm und Kampf hinein;

Doch wanke nicht; die Liebe wirdDeinJreuer Schutzgeist sein!"

Cardinal Dr. Johannes Halter,

Fürst-Erzbischof von Salzburg .

Ein banges Gefühl, das selbst durch das Lachendes Akrobaten und Martin's boshaften Wink nicht sofortverwischt wurde, beschlich Georg's Herz bei diesen Worten,obgleich er der Spielerei keine Bedeutung zumaß. Dochhielt die ernste Stimmung nicht lange Stand, um soweniger, als der Künstler nunmehr ohne Weiteres dasThema berührte, welches so ganz seinem Wunsche ent-sprach.

Ja, ja," sagte er schmunzelnd,die Marion istein Teufelsmädchen, ein wahrer Schatz, der Goldes werthist! Wo sie nur in der Geschwindigkeit die hübschenVerschen hergebracht hat? Denn," fügte er mit einemAugenblinzeln hinzu,nicht jedem geht's so gut wieEuch! Mit den meisten ihrer Kunden macht sie kurzenProceß."

Als Georg seine Verwunderung über die Kunst-fertigkeit des Mädchens im Schreiben aussprach, ant-wortete der Franzose nicht ohne Stolz:Aha, das hättetIhr nicht in meiner Bude gesucht! Meine Nichte istaber auch keine gewöhnliche Gauklerin,sondern ein Wunderkind, in dessenFamilie die geheimnißvolle Gabe sichvererbt; und daß ist sie," fügte ermit einem Seitenblick auf Georg hinzu,sittsam und brav. Der Mann istwahrlich zu beneiden, den sie einstmit ihrer Hand und ihrem Herzenbeglückt."

Die Musikanten, welche bis jetztin den obern Räumen gespielt hatten,drängten sich zur Thüre herein undmachten einen Lärm, daß man seineigenes Wort nicht mehr vernahm.

Martin erhob sich. Es fing anzu dämmern, und er hielt es an derZeit, nach Hause zu gehen. Georgkonnte, obgleich er gern noch mancheFrage gestellt hätte, nicht wohl zurück-bleiben. Er reichte dem Akrobaten zumAbschied die Hand. Die AugenLcfcrrier's ruhten mit dem Ausdruckeines ungewöhnlichen Interesses auf ihm.

Auf Wiedersehen," sagte er;ichhoffe, daß die Herren mich bald wiedermit ihrer Einkehr beehren. Ich bleibe voraussichtlichauch nach dem Schluß des Marktes noch einige Tagelang hier. Vielleicht macht es Euch Freude, meine selteneWaffensammlung zu sehen, oder kann ich mit sonst etwasdienen? Von Herzen gern bin ich zu jeder Erkenntlichkeitfür die mir erwiesene Freundschaft bereit!"

Während Martin die Einladung mit einem stummenKopfnicken zu beantworten sich begnügte, versprach Georgbestimmt, am folgenden Tage wieder zu kommen. Dannentfernte er sich.

Die Beiden bemerkten beim Verlassen des Wirths-hauses nicht, wie Marion vorsichtig und leise vom Fensterweghuschte und sich unter den tief herabhängenden Zweigeneines seitwärts stehenden Lindenbauwes verbarg. Siebesaßen auch keine Ahnung davon, daß das Mädchenihr Gespräch mit dem Akrobaten belauscht hatte undnun mit glühenden Augen die Gestalt Georg's verfolgte,bis dieser an der Biegung des Weges ihren Blicken ent-schwand.