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an der Arena, welche nur durch ein dünnes Seil vondem Zuschauerraum abgesperrt war.
Die Vorstellung begann. Sie vermochte jedoch dasInteresse des jungen Leibjägers wenig zu fesseln, obgleichdie Leistungen der verschiedenen Künstler mit reichemBeifall belohnt wurden. Er wurde den überwältigendenEindruck, welchen die schöne Wahrsagerin auf ihn gemachthatte, nicht los. Vergeblich hoffte er von Scene zuScene auf deren Erscheinen; die Vorstellung ging bereitsihrem Ende entgegen und immer zeigte sich Marionnicht.
Da entstand eine Bewegung hinter dem Vorhänge,welcher die Künstler vor den Blicken der Zuschauer ver-barg. Die Musikanten stellten sich in Positur; eineschmetternde Fanfare ertönte, und auf dem durch dieArena in ziemlicher Höhe gespannten Seile kam Marionin reicher Pagenkleidung, ein silbernes Stäbchen balan-cirend, mit zierlichen Schritten, selbstbewußt und sicherdaher. Ein unmuthiges Lächeln spielte um den rosigenMund und aus den tiefen Augen glühte ein berückenderStrahl.
Georg verschlang fast mit den Augen die holdeGestalt. Da, gerade als sie in die Nähe des Platzeskam, auf dem er sich befand, begann sie zu schwankenund siel mit einem schwachen Aufschrei herab — in dieausgebreiteten Arme Georg Selkow's, der sie gerade imrichtigen Augenblicke auffing.
Das Beifallsrufen der Menge übertönte die leisegeflüsterten Dankesworte der schnell wieder sich fassendenMarion, die nach einer flüchtigen Verbeugung hinter demVorhang verschwand.
Die Vorstellung war vorüber. Die Zuschauerdrängten sich aus der Bude und verzogen sich rascb nachallen Richtungen. Ein großer Theil nahm den Wegnach einem massiv gebauten, alterthümlichen Hause, ausdessen obern Gelassen lustige Musik erscholl. An derKante dieses Gebäudes hing an einem eisernen Krahnenein mächtiger Kranz, in welchem die Gestalt einesHahns sich breit machte. Er mochte vor Zeiten vergoldetgewesen sein, wenigstens bemerkte man noch einige, wennauch stark verwitterte Spuren davon. Aber der der-malige Besitzer, Petrus Schwenkborn, hatte das ganzeGehänge roih anstreichen lassen und dadurch bewirkt, daßsein Gasthaus vom ehcmaligeu „Goldenen" zum „RothenHahn" herabgestiegen war.
Georg und Martin waren ohne bestimmten Planebenfalls in die Nähe dieses Wirthshauses gekommen. Vorder breiten Pforte hielt Letzterer den Gefährten, der ohneweiteres eintreten wollte, zurück.
„Höre, Georg," sagte er in einem Tone, der etwasboshaft klang, „was geht denn mit dir vor? Ich glaube,die hübsche Kleine hat dich verhext! Ich redete dichschon drei Mal an, bekam aber bis jetzt keine Antwort.Wärest du mir nicht als ein verständiger Bursche be-kannt, so hätte ich dich stark im Verdacht, du seiest aufdem besten Wege, tolle Streiche zu machen."
Georg erröthete. Er blieb stehen, erwiderte abernichts.
„Da du ein gelehrter Mann bist," fuhr Martinfort und holte den Zettel, welchen er in der Wahrsager-bude bekommen, aus der Tasche hervor, „kannst du mirvielleicht sagen, was dieses Geschreibsel bedeutet, ich werdenicht klug daraus. Die Hexe hat uns offenbar zumBesten gehabt, und ich opferte meinen Zehner umsonst!"
Georg nahm den Zettel und erkannte sofort, daßes ein in französischer Sprache geschriebener Satz war.Den Sinn verstand er jedoch nicht. Denn, hatte erseiner Zeit auch an der Klosterschule als ein annehm-barer Lateiner gegolten, mit den welschen Sprachen kamer niemals zurecht. Er musterte nun seinen eigenenZettel und fand, daß er demjenigen Martin's vollkommenglich. Erstaunt war er über die zierliche Handschrift.In der That mußte es in hohem Grade auffallen, daßein junges Mädchen in so eigenthümlichen Verhältnissen,wie Marion, so zu schreiben verstand.
Ein neuer Schwärm Menschen drängte in diesemAugenblick gegen das Gasthaus heran. In dessen Mitteerblickte Georg Marion , welche noch das kleidsame Pagen-gewand trug. Sie hatte einen Degen umgeschnallt.
Ungeduldig forderte er Martin, als er die Kleinedurch die Wirthshausthüre verschwinden sah, ebenfallszum Eintreten auf, und mit einem spöttischen Lächelnentsprach der Lieutenant dem Wunsch. Sie traten indie untere Stube, fanden sie aber fast vollständig vonGästen besetzt. Nur ganz in der Ecke, neben dem nachdem Hofraum hinaus gehenden Fenster, sahen sie aneinem einzeln stehenden Tischchen einen Mann, an dessenSeite sie kurz vorher Marion bemerkt hatten; es warder Harlekin aus der Akrobatenbude.
Martin nahm neben ihm Platz, Georg dagegen gingunter einem Vorwande wieder hinaus, obgleich der Künstlerbei ihrer Annäherung auch für ihn einen Stuhl zurechtgestellt hatte. „He, he, Monsieur!" rief dieser eifrigdem Davonschreitenden nach und wollte ihn festhalten,was ihm aber in dem zum Erdrücken vollen Raum nichtgelang. „Hier ist noch Platz, hier, hier!" Der Leib-jäger hörte ihn in dem lauten Stimmengesumme nichtmehr.
„Ein wackerer Herr, Euer Freund," wandte sichder Harlekin nunmehr zutraulich zu Martin. „Hat heutedurch seine Bravour mick und die kleine Marion vorgroßem Schaden bewahrt. Er kommt doch wieder,nicht wahr?" Mit diesen Worten versteckte er den un-besetzten Stuhl geschickt so hinter dem Tischchen, daß keinerder übrigen Gäste ihn wahrnahm.
Martin erklärte, daß sein Gefährte sich voraussicht-lich nur auf einige Minuten entfernt habe, um eine kleineUmschau zu halten.
Ein wohlgefälliges Lächeln spielte um des HarlekinsMund. .Ein prächtiger Herr," wiederholte er. „Trinkenwir auf seine Gesundheit, er verdient meinen innigstenDank! . . . Ihr seid wohl auch ein Offizier imFried-ländischen Dienst?" fuhr er fort, nachdem er mit Martinangestoßen und einen bescheidenen Schluck aus seinemGlase genommen hatte, und musterte lauernd des Lieu-tenants Gestalt. „Ein großer Mann, dieser Herzog;er hat sein Versprechen gehalten und zu Stande gebracht,was ihm so bald Keiner nachmacht!"
Da Martin, ohne etwas zu sagen, nur mit einemflüchtigen Nicken seine Zustimmung gab, trug der mund -fertige Mann auch sürder die Kosten der Unterhalungallein.
„Ist hoher Besuch von Wien im Schloß, nicht wahr?Wird wohl jetzt bald wieder losgehen? Es wurde ja,wie man hört, das beste Einvernehmen zwischen demWiener Gesandten und dem Herzog erzielt? . . . Nun,das ist recht! Der kaiserliche Mantel bekam in der letzten