Ausgabe 
(21.1.1896) 6
Seite
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1896 .

Augsburger PostMung".

Dinstag, den 21. Januar

Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg .

Druck und Verlag des i'iterarischen Instituts von Haas L Ärabderr in Augsburg lVorbesttzer vr. Mar Huttler).

Die Astrologen.

Historischer Roman aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges.

Von Max Benno.

(Fortsetzung.)

Der Frühjahrsmaikt war sonst für Großmeseritschnicht von großer Bedeutung, dies Mal aber hatte dasHoflager des Herzogs mit seinen bunten militärischenBildern eine große Menschenmenge selbst aus weiter Ent-fernung herbeigelockt. Auch auf die zahlreichen Vertreterderfreien Künste," die man hier noch nie in so großerManigfaltigkeit gesehen, hatte die gleiche Thatsache einebesondere Anziehungskraft geübt. Namentlich eine in derNähe des Stadtthores, in welches der Burgweg ein-mündete, aufgeschlagene Bude zog die allgemeine Auf-merksamkeit auf sich. Sie zeichnete sich vor den übrigendurch unverkennbare Feinheit des zur Herstellung ver-wendeten Materials und hauptsächlich dadurch aus, daßüber dem mittlern Vereinigungspunkt der spitz zulaufendenLeinwanddecken eine mächtige Fahne in den österreichischenund friedländischen Farben aufgehißt war. Eine gewaltigeTafel längs einer breiten Estrade war in grellen Farbenmit Proben der verheißenen Leistungen von Schwert-schluckern, Feuerspeiern, Ringkämpfern, Schlangenbändi-gern und dergleichen Kunstbeflissenen bemalt. Darüberaber prangte das Bild eines jungen Mädchens welcheseinen versilberten Schild in die Höhe hob, auf welchemin glänzender Goldschrift zu lesen war:Marion, diebegnadete Seherin vom heiligen Berg I" Außerdem ver-sprach der Akrobat Leferrier aus Paris dem Publikumin Anschlagzetteln mit hoher obrigkeitlicher Bewilligungeinen Cyklus von Vorstellungen in der Magie und höherenGymnastik, wie man sie in Großmeseritsch noch nie zubewundern Gelegenheit gehabt habe.

Georg und Martin waren vor dieser Bude stehengeblieben, weil sie durch das Gewühl der gaffendenMenge keinen Ausweg zu bahnen vermocht hatten. Aliund Jung ließ sich rings um sie her mit bewunderungs-würdiger Selbstverleugnung durch eine Clarinette, zweiTrompeten, einen Dudelsack und eine riesige Trommeldie Ohren zerreißen.

Georg gedachte des Rathes, welchen die Mutterseines Gefährten ihm ertheilt hatte, und unwillkürlichregte sich in ihm die Lust, die Kunst der Prophetin aufeine Probe zu stellen. Er theilte Martin seinen Ent-schluß mit. Dieser schüttelte mit abweisendem Lächeln

den Kopf, erklärte sich aber doch zum Mitgehen bereit.

Sie traten ein. Ein kleines viereckiges Gemachnahm sie auf. Augenblicklich befand sich außer ihnenNiemand darin. Ein blauseidener Vorhang schloß imHintergrund einen etwas erhöhten Raum ab.

Eine Minute ungefähr war vergangen, da vernahmendie Beiden den hellen Ton eines Glöckchens; der Vor-hang wurde zurückgestreift und vor ihren Augen erschienein fesselndes Bild: unter einer Art Thronhimmel ruhtemalerisch hingegossen auf schwellendem Divan ein jugend-liches weibliches Wesen, dessen ungewöhnliche Schönheitdurch die Pracht des phantastischen Costumes noch mehrhervorgehoben wurde. Ein Korallenhalsband schlang sichum den Nacken; die Arme waren von einem Kranz reich-gefaßter Türkise und Amethyste umspannt, und auf demwie ein dunkler Schleier herabfallenden, glänzend schwarzenHaare, das zu den elwas bleichen Wangen im reizend-sten Gegensatz stand, funkelte ein goldener Reif. GleichSternen blitzten unter kühngeschwungenen Brauen diedunkelglühenden Augen hervor.

Georg und Martin standen wie gebannt und wurdenerst durch die freundliche Aufforderung der Seherin,näher zu kommen, aus ihrer Ueberraschung gerissen.

Martin trat vor. Das Mädchen ergriff seine Hand,betrachtete sie aufmerksam und schrieb dann eine AnzahlWorte auf ein Blättchen Papier, das sie mit einemanmulhigen Neigen des Kopfes dem jungen Mannübergab.

Georg hatte dem Vorgang kaum Beachtung geschenkt;er war noch ganz in das Anschauen des reizenden Mäd-chens versunken. Erst als Martin ihm einen Wink gab,trat auch er vorwärts. Er war im höchsten Grade ver-wirrt und dachte gar nicht mehr an den Zweck, der ihnin die Bude geführt hatte. Mechanisch reichte er demMädchen die Hand, und fast unbewußt nahm er denZettel; er wandte kein Auge von ihr! Als die Seherinauf ein Glockenzeichen plötzlich wieder hinter dem wiedurch Zauberkraft sich schließenden Vorhang verschwand,fuhr er wie aus einem Traume empor. Martin zogihn fort. Er sah sich wieder mitten in dem Gewühl,wußte jedoch kaum, wie er aus der Bude gekommenwar.

Die schallende Stimme eines kleinen, beweglichenMannes, der in Harlekinstracht den Beginn einer Vor-stellung verkündete, brachte ihn endlich zu sich. Beidebekamen einen Platz in der vordersten Reihe, unmittelbar