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liche Hitze hatte sich ein schweres Gewitter zusammen-gezogen, das nun in strömendem Regen unter Blitz undDonner sich entlud. Wie später sich herausstellte, hatteder Blitz, ohne zu zünden, in einen der Thürme geschlagenund den Einsturz eines Theiles der Zimmerdecke in demArbeitscabinet des Astrologen bewirkt.
Wollenstem blieb ziemlich lange aus; nach Verflußeiner Viertelstunde erschien er ohne den Astrologen wiederim Saal. Sein Gesicht war noch bleicher als sonst, dieMiene jedoch nicht finster und hart. Er heftete seinenBlick auf den noch immer knieenden Georg, hinter welchemLeßlie stand, der trotzig zu Boden sah, während derScharfrichter ein paar Schritte weit zurückgewichen warund das Schwert auf den Boden gestellt hatte.
„Wißt Ihr jetzt, was Todesangst ist?" rief er dannaus. „Ich habe, wie es scheint, meine Absicht erreicht.Die gleiche Pein mußte ich durch Eure Schuld kosten undbeschloß, dafür zu sorgen, daß auch Ihr empfindet, wiees schmeckt. Eine härtere Buße war von Anfang annicht bestimmt — wie das Verbrechen, so die Strafe —mein bewährter Grundsatz, dem soeben eine augenschein-liche Anerkennung durch höhere Macht gezollt worden ist.Die Cassette, nach welcher so lange vergeblich gesuchtwurde, hat sich jetzt gefunden; sie war hinter derZimmerdecke versteckt und ist mit dieser zu Boden ge-stürzt. Euer Vergehen sei vergessen, doch zieht eine Lehredaraus."
Ein stürmischer Jubelruf schallte durch den Saal,in welchem kurz vorher noch der Schrecken geherrschthatte. Nur über Leßlie's Lippen kam kein Dankes-wort. Wie in heftigem Schmerz hielt er sie Zusammen-gepreßt.
Georg blickte anfangs wie träumend empor. Erschien nicht zu begreifen, waS um ihn vorging. Erst alsPater Vincenz ihn mit strahlenden Augen an die Brustzog, begann ihm seine Rettung zum Bewußtsein zukommen.
Er suchte den Herzog, um ihm zu danken; doch dieserhatte sich schon entfernt.
Der erste Gang des dem Leben Wiedergeschenktengalt Magdalenen, von welcher er sich trotz seiner flehend-lichen Bitte nicht mehr hatte verabschieden dürfen; siesollte sofort durch ihn selbst die freudige Botschaft er-fahren.
Mit dem Jubelrufe: „Georg, mein Georg!" flogdas Mädchen beim Anblick des schon als todt betrauertenGeliebten an seine Brust. Vor Freude weinend, hieltGeorg sie umschlungen. In einem innigen Kusse ver-mählten sich die Seelen der zwei glücklichen Menschen.
Pater Vincenz kam auf sie zu, aber sie sahen undhörten ihn nicht. Der Greis betrachtete das schöne Paareine Zeit lang mit mildem Lächeln. Dann breitete ersegnend seine Hände über sie aus: „Seid glücklich,"sagte er mit vor Rührnng zitternder Stimme, „so glück-lich wie Jhr's verdient. Die Liebe wohne in Euch,der Glaube stärke Euch, und die Hoffnung sei Eure !Begleiterin auf jeglichem Pfad!"
Gemeinsam eilten sie zu der Herzogin, um ihr ausHerzensgrund für ihre Fürsprbche zu danken.
Zu gleicher Zeit befand sich der Herzog mit Seniin seinem Observatorium. Der ganze Boden war mitMauerstücken von der eingestürzten Decke besät. Aufdem Tisch stand eine kleine Kiste, neben welcher eingroßer Stoß Papiere lag. Der Astrologe prüfte aufmerk- i
sam die Trümmer des vernichteten Quadranten, die erzum Theil aus dem Schutt hervorgraben mußte.
„Nun glaube ich, Meister," nahm der Herzog dasWort, „daß Kepler mich getäuscht hat, und vertraueEuerer Konstellation. Der böse Geist, welcher mich inletzter Zeit verfolgt hat, ist versöhnt. Die Wolken verziehensich, und ein heiterer Himmel lacht mir. Selbst dieDocumente, an deren Wiedergewinnung ich kaum nochgedacht hatte, find in meinem Besitz und erschließen mireine neue Quelle des Reichthums. Mein Stern, denich schon dem Untergang ganz nahe wähnte, strahlt inglückverheißendem Glanz! Auf denn, an's Werk! Esmuß, es wird gelingen."
Während der nächsten Tage herrschte wieder großeUnruhe im Schloß. Boten kamen und gingen, und ein-zelne neu angeworbene Truppentheile wurden vom Herzoggemustert.
Am zweiten Tage der folgenden Woche hieß esplötzlich: der Herzog reist ab und stößt zum Heere; esgeht mit aller Mgcht gegen den Feind.
Georg verlebte indessen glückliche Stunden. Er er-kannte mit jedem Tage mehr, welch' köstlichen Schatz eran Magdalenens Liebe besaß. Gleichwohl hatte er, alsihn Geschäfte nach dem Städtchen geführt, es sich nichtversagen können, nach dem Akrobaten Leferrier und dessenNichte zu forschen. Die schöne Wahrsagerin war nichtmehr gefährlich für ihn. Schon am Tage nach der Er-krankung des Herzogs hatte der Franzose plötzlich seineBude abgebrochen und war mit auffallender Hast ab-gereist.
Mit dem Vormarsch des Friedländers wurde esErnst. Schon standen Reitpferde, Wagen und Sänftenim Hof, als die Herzogin Georg und Magdalene inihre Gemächer beschied. Mit einem Blumenstrauß undeinem geöffneten Schmuckkästchen kam die hohe Frau demMädchen entgegen.
„Pater Vincenz," sagte sie gütig lächelnd, „hatmir Euer Geheimniß vertraut. Ich begrüße Dich alsBraut und wünsche Dir Glück zu der trefflichen Wahl.Da Du auch schon den Schmerz kennen gelernt hast, sonimm diese Perlen als Andenken an die vergossenenThränen, diese Blumen aber als Symbol der Freude.Für Euch, Georg," wandte sie sich an diesen, „habe icheinen besonderen Auftrag vom Herrn, der Euer Glücks-gefühl vielleicht etwas herabsttmmen wird. Leßlie hatseine Stelle niedergelegt, und Ihr seid von meinem Ge-mahl zu dessen Nachfolger bestimmt. Erst dann abersollt Ihr die neue Stelle antreten und die Braut zumAltare führen, wenn Deutschland und dem Kaiser derFriede durch den Herzog wieder geschenkt worden ist.Ihr müßt ihn zum Heere begleiten, während der alteSchloßvogt bis zu Euerer Rückkehr die Pflichten desHauptmanns ausübt. Seid Ihr zufrieden?"
Magdalene küßte der hohen Gebieterin, vor Freudeweinend, die Hände, und Georg sagte seinen innigstenDank.
Als er die hohe Gönnerin mit Magdalenen verließ,schritt Martin, der Sohn des Schloßvogts, welcher ausden Gemächern des Herzogs kam, an ihm vorüber.
Georg hemmte seinen Schritt und stand im Begriff,den Freund anzureden. Da traf ihn aus Martin'sAugen ein so feindseliger Blick, daß ihm daS Wort aufder Zunge erstarb. Ehe er seine Fassung zurückerlangthatte, war dieser verschwunden. Teorg's Ernennung