Ausgabe 
(31.1.1896) 9
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zum Schloßhauptmann von Großmessritsch hatte Martin,der diesen Posten schon als den seinigen betrachtet,zum unversöhnlichen Feinde des bisherigen Freundes ge-wacht. (Fortsetzung folgt.)

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Borr einem gcheimnißtiolten Holzkästchenist in den Blättern seit einigen Tagen viel die Rede.Auch dieAugsburger Postzeitung" hat dessen an andererStelle bereits wiederholt Erwähnung gethan. Es geht nämlichdie Rebe von den Geheimnissen einer Holzkassette, deren In-halt photographiert wurde, ohne daß man die Kassetteöffnete; von dem Knochenskelette einer lebenden Hand,welches sozusagen durch Haut und Knochen hindurch ab-gebildet wurde. Sind das Witze, die der Galgenhumordes Zeitgeistes ausheckt? Sind es Träume aus dernimmermüden, unerschöpflichen Fantasie Flammarions?Hat ein gelehrter Unruhstifter die Rolle Asmodis an-genommen, der es in der Macht hatte, den spanischenStudenten durch die Dächer der Häuser von Madrid schauen zu lassen? Leichtgläubigkeit, Mangel an zurück-haltendem Urtheil hat die Menschen schon oft genarrt.Der Zweifel muß aber selbstverständlich vor Thatsachen die Segel streichen, und dies wird auch der Fall seinmüssen vor der Entdeckung, die nunmehr in dem Labo-ratorium des physikalischen Instituts in Würzburg ge-macht worden ist. Die Originalarbeit Professor Nönt-gens liegt vor, die photographtschen Bilder sprechen eineunwiderlegliche Sprache es handelt sich nicht um eineTäuschung, sondern um eine in ihren Folgen, theoreti-schen und praktischen, noch gar nicht zu übersehende ernsteWahrheit.

Wir wollen versuchen, ein möglichst verständlichesBild der ganzen, ihrem Wesen nach nicht gerade einfachenSache zu geben.

Zunächst einen Vorbegriff.

Eine Glasröhre, in deren beide Enden je einPlatindraht zur eventuellen Verbindung mit den beidenDrähten einer Elektrizitätsquelle (Batterie, Rumkorff)efngeschmolzen ist und welche sehr verdünnte Luft ent-hält, beginnt farbig zu leuchten, sobald der elektrischeStrom in sie eintritt. Diese Röhren sind bekanntlichnach dem Glastechniker Geißler benannt. Wenn mannun die Luft in solchen Röhren sehr stark verdünnt,etwa bis zu dem millionsten Theil einer Atmosphäre, sohört die Lichterscheinung trotz des elektrischen Stromesauf, und die Glasröhre wird dunkel. Diese Thatsachewar dem Deutschen Hittorf schon vor drei Dccennienbekannt. Nun sollte man wohl glauben, daß damit alleserledigt sei; denn wenn auch in der Glasröhre nicht voll-ständige Finsterniß herrscht, so ist doch nichts anderesda, als ein fast bis zur Dunkelheit schwaches Glimmlicht.Da kommt aber Professor Röntgen in Würzburg mitfolgender Idee:

Er schickt wiederum einen Jnduktionsstrom in einesolche Hittorf'sche Röhre und umgibt die letztere miteinem schwarzen Karton, welcher weder die gewöhnlichenLichtstrahlen, noch die chemischen, noch die des elektrischenBogenlichts durchläßt. Hierauf bringt er in die Nähedieser Vorrichtung einen Papierschirm, der, übrigensnicht nothwendiger Weise, auf einer Seite mit einermetallischen Substanz bestrichen ist, und endlich schließter die Fensterläden, um das Zimmer vollständig zu ver-dunkeln. Was ist die Folge? Der Papierschirm, auch

wenn man ihn zwei Meter weit von der unter demschwarzen Karton verborgenen Glasröhre aufstellt, be-ginnt hell aufzuleuchten, zu fluorcscieren. UnterFluo-rescieren" versteht man eben das Aufleuchten einesvorher belichteten Körpers im dunklen Raume. DieseErscheinung trat pünktlich bet jeder Entladung desStromes ein.

Worin besteht nun das Auffallende bei diesem Vor-gänge? Offenbar darin, daß irgend ein geheimnißvollesEtwas welches keiner der bekannten Lichtarten ent-sprechen konnte durch den schwarzen Pappendeckel ge-drungen war und den Papierschirm zum Leuchten gebrachthatte. Was war das? Nehmen wir einmal, sagte sichProfessor Röntgen, etwas anderes als Karton, zum Bei-spiel Papier . Nichtig, statt des Pappendeckels stellte erzwischen Glasröhre und Papierschirm ein 1000 Seitenstarkes gebundenes Buch das räthselhafte Etwasschlüpfte auch da hindurch, denn der Schirm begann zuleuchten; dasselbe erfolgte, wenn man als Scheidemauerein doppeltes Whistspiel benützte. Jetzt schien dir Sacheschon etwas unheimlich zu werden. War da wirklich derGeist Asmodi gefunden, für den es keine Schranken gibt,der, nachdem er aus dem Glase entzaubert, durch alleWände dringt und alle Geheimnisse ausschließt? Bretter,zwei bis drei Ccntimeter dick, werden vergeblich auf-gestellt, Asmodi dringt durch. Er dringt durch Hart-gummischeiben, durch nicht zu dicke Mctallplatten, aber jetzt kommt die Achillesferse sobald man ihm eineBleiplatte, anderthalb Millimeter dick, vor die Nase schiebt,ist es aus mit seiner Herrlichkeit. Da steht er vor derThür und kann nicht weiter.

Mache ich andere Metallplatten etwas dicker, sogelingt es ihm auch nicht mehr. Hält man statt dergenannten Dinge die Hand zwischen die Glasröhre undden Schirm, so sieht man auf dem letzteren den Schatten,aber nicht der ganzen Hand, sondern nur des Knochen-gerüstes derselben; die Weichtheile find nur schwach an-gedeutet. Folglich werden Haut und Fleisch an denmeisten Stellen passiert, aber an den Knochen mußunser Geist Asmodi stillhalten, daher werfen sie Schatten.Eine reine Glasscheibe wirft keinen odeic fast keinenSchatten, weil sie alles Licht durchläßt. Licht?Schatten? Haben wir es denn wirklich mit Licht-strahlen zu thun ? Die Glasröhre ist ja dunkel. Richtig.Aber wenn etwas Schatten wirft, wie unsere Hand,dann muß sie irgendwie von Licht getroffen worden sein.

Aber ist dunkles Licht nicht ein Widerspruch in sichselbst? Dies eigentlich wohl; aber kein Widerspruch istes, von dunklenStrahlen" zu sprechen. Wenn ichmich dem warmen Ofen nähere, so fühlt es meine er-frorene Nase sehr deutlich, daß es unsichtbare Strahlengibt.

Wenn dem aber so ist, wenn tn der luftleer ge-machten Glasröhre im Dunkel ein Geist haust, derStrahlen aussendet, welche, obschon nicht mit dem Augewahrnehmbar, doch mit dem sichtbaren Lichte das Schatten-erzeugen gemeinsam haben, so wollen wir doch einmalan Stelle des Papierschirmes eine phoiographische Platteeinschicken, vielleicht zeichnet unö ASmodi auch mittels seinesdunkeln Lichtes darauf die Bilder, die auf dem Papier-schirm ja rasch verschwinden, und wir könnten uns dieSachen dann aufheben so wie gewöhnliche Photographie».Dabei brauchen wir nicht einmal einen Photographen-apparat. Denn da unsere Strahlen Holz durchdrungen.