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als wäre es Luft, benutzen wir einfach einen Holzkastenals dunkle Kammer und stellen eine empfindliche Plattehinein. Wir machen es also folgendermaßen:
Da ist die in den Strom eingeschaltete Hittorf'scheRöhre mit ihrem dunkeln Geheimnisse. In der Nähesteht das Holzkästchen mit dem Photographischen Papier (Platte). Ich lege nun meine Hand an das Kästchen.Was geschieht? Die dunklen Strahlen dringen aus derGlasröhre heraus, durch die Weichtheile der Hand,müssen aber vor den für sie undurchdringlichen KnochenHalt machen. Neben den Knochen aber schießen überallStrahlen vorbei, welche die Wand des.Holzkästchenspassieren, auf die in dessen Innern befindliche licht-empfindliche Platte treffen und daselbst durch Contour-ierung das Bild des Handskeletts fixieren. Auf einersolchen von Professor Röntgen verfertigten Photographiesieht «an sogar einen Ring um ein Fingerglied inschwebender Lage, schwebend, weil ja die Weichtheile desFingers auf dem Bilde nicht zum Ausdrucke kommen.Ein anderes Photogramm zeigt die Bilder von Messing-gewichten, welche, während sie in einer Cassette ein-geschlossen waren, „aufgenommen" wurden; ein anderesdie Profile einer zwei Zimmer trennenden Thüre, wobeiin dem einen Zimmer der Strom mit der Glasröhre,in dem anderen die photographische Platte aufgestelltwar.
Vorderhand gilt es, die Tragweite dieser Entdeckungnamentlich nach der medicinischen Seite hin nicht zuüberschätzen, denn vorläufig haben wir eS erst mitSchattenbildern zu thun, nicht mit im einzelnen deut-lichen Photographien. Das Schattenbild einer Handkann wohl scharfe Umrisse ausweisen und durchgehendeOeffnungen, aber keine halbtief reichenden Veränderungen.Der Bruch eines Schläfenbeines wird allerdings sichtbar;wenn eine Klaffung vorhanden, so lange aber die Kon-tinuität des Knochens noch besteht, kann oer Schattendarüber nichts aussagen. Vielleicht führt aber die Sacheeinmal zum Studium solcher Schattenbilder selbst, umaus überaus feinen Schattierungen derselben Rückschlüssezu machen. Gröbere Knochenverschiebungen werden frei-lich auf dem Wege der Röntgen'schen Photographie er-mittelt und hiednrch manchmal schmerzliche Untersuchungenvermieden werden können. Solche Erwägungen zeigeneben nur, daß wir es einerseits mit einer zwar ganzunausgebauten, aber anderseits mit einer schon jetzt aufbedeutsame Möglichkeiten hinweisenden neuen Erkenntnißzu thun haben. Sollte es wirklich gelingen, die Sache,gleich anderen Objekten, dem vollkommen photographi-schen Verfahren zu unterwerfen, das heißt mittels unsererdunkeln Strahlen auf dem Wege der Silbersalzzersetzungebenso deutlich an Los- und Profilbilder zu entwerfen,dann wäre die Tragweite der Röntgen'schen Entdeckungin der That auch in dieser Hinsicht ohne Zweifel eineaußerordentliche.
Wie überraschend und unglaublich aber den meistenLeuten die Entdeckung des Würzburger Professors auchvorkommen mag, so bewahrheitet sich an ihr doch aber-mals der alte Erfahrungssatz Ben Akibas, daß es nichtsNeues unter der Sonne giebt. Kaum war die Ent-deckung bekannt geworden, als der Straßburger Dr.Heinrich Kraft es unternahm, nachzuweisen, daß dieRöntgen'schen Strahlen mit dem ehemals so viel be-sprochenen, jetzt aber ganz vergessenen geheimnißvollenOb des Naturforschers Frhrn. Carl v. Reichenbach,
des Entdeckers des CreosotS und des Paraffins, identischseien.
Wer kennt heutzutage die Odlehre noch? Von derjüngeren Generation gewiß nur verschwindend wenige,und auch den älteren Leuten wird eS bet der Nennungder Odlehre nur langsam dämmern und nur ganz all-mälig die Erinnerung kommen, daß in den 50er und60er Jahren viel von einem österreichischen Physiker dieRede war, der eine ganz neue geheimnißvolle Kraft,eben das Od, entdeckt haben wollte. Man sprach da-mals viel davon, aber durch die Meinungsäußerung ge-lehrter Physiker, wie Dubois-Reymond, wurde die ganzeGeschichte als Hirngespinst eines über dem Studiumphysikalischer und physiologischer Probleme in mystischeGrübeleien versunkenen Sonderlings erklärt und wiedervergessen.
In dem nordischen Wortstamm „Od" mit dem Be-griff deS Alldurchdringenden fand Reichenbach das Laut-zeichen für ein von ihm entdecktes, Alles in der ge-sammten Natur mit unaufhaltsamer Kraft rasch durch-dringendes und durchströmendes Dynamid, das er scharfvon Licht, Wärme, Magnetismus, Elektrizität unter-schied. Es begleitete wohl diese Kräfte, stammte wohlauch aus gleicher Quelle, aber es war eine andere, ebennur zu schwer faßbare Kraft. Er fand kein Odometer,kein Odoskop, sie jedem nach Maß und sichtbar vorzu-führen; seine Lehre gründete sich nur auf die von ihmgebuchten und verglichenen Aussagen seiner „Sensitiven";so nannte er die Personen, deren Nervensystem — Ge-fühl und Gesicht — auf jene Kraft in besonderer Weisereagirte, indem für sie durch dieselbe bestimmte Gefühls-eindrücke und in absoluter Dunkelheit bestimmte wun-derbare Gesichtseindrücke ausgelöst wurden. Aber auchdie Nichtfensitiven wollten sehen, und da sie es nichtkonnten, sie, die doch weitaus die Mehrzahl waren, soglaubten sie nicht. Die Männer der Wissenschaft, dieda nicht sahen, thaten Alles, Reichenbach bei Lebzeitentodt zu machen. Berzelius war einer der Wenigen,die zu ihm standen, und Fechner war eine seinerletzten Hoffnungen. Fast 30 Jahre nach seinem Todekommt dann ein Mann, der keine Sensitiven mehrbraucht, um eine erstaunlich ähnliche Kraft sichtbar fürAlle in die Erscheinung treten zu lassen, und vielleichtwird auch er die Sensitiven doch noch zu gebrauchensuchen. Jedenfalls hat er, Röntgen, das Nöthige ge-than, um Reichenbach's Lehre jetzt selbst einem Dubois-Reymond nicht so sehr „als einen abgeschmackten Ro-man", als „krausen Zauberkram", wie vielmehr als einedurch Jahrzehnte begrabene, erst neu zu machende weit-reichende Entdeckung erscheinen zu lassen.
Röntgen zeigt uns auf seiner Bariumplatincyanür-fläche, daß seine X-Strahlen Papier , Karten, Staniol,Holz durchdrungen. Was notirt Reichenbach von seinenSensitiven, deren Netzhaut in der Dunkelkammer ihrebesondere Empfindlichkeit gewonnen hat? Man lese inseinem Buch „Der sensitive Mensch" etwa Z 2386, woriner die Beobachtungen an Blechtafeln schildert, die inden lichtdichten Fensterladen der Kammer eingelassenwaren: „Johann Klaiber fand zu verschiedenen Zeitendas vom Monde außen beschienene Eisenblech in derDunkelkammer so außerordentlich helle, daß er behauptete,es sei durchsichtig." „Friedrich Weidlich war erstaunt,in dieser Finsterniß ein Loch im Laden zu finden, wäh-rend es doch so finster im Zimmer war. Er fand