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Kohlrauschs als Professor und Direktor des physikalischenInstitutes nach Würzburg .
Wie sehr die neue Entdeckung Nöntgeus schon indie weitesten Kreise gedrungen ist, beweisen die nachstehen-den Verse, welche Julius Bauer den Nöntgen'schen„X"-Strahlen widmet:
Das neue LichtlDaß doch die Menschen das neue LichtSo freudig begrüßen, verstehe ich nicht!
Denn der Mensch begehre nimmer zu schauen,
Was die Götter bedecken mit Nachthemd und Grauen. ,
Die Strahlen verrathen — o Jammer und Graus —Wie dieser und jener sieht inwendig aus.
Mit banger Scheu die Enthüllungen seh' icb,
Wie mancher im Innern zum Aeußersten fähig.
Durch alle Wcichtheile dringt das Licht,
Die bleiben im Bilde haften nicht.
Genug, wenn in Zukunft beim PhotographierenDie Menschen sich bis auf die Knochen blamieren!
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Sonne und Mond.
(Schluß.)
Der Mond.
Unser Weltnachbar, der uns wenigstens hundertmalnäher steht, als irgend ein anderer Himmelskörper, istuns in Bezug auf seine physische Beschaffenheit noch ver-hültnißmäßig unbekannt. Während wir von den anderenselbstleuchtrnden Himmelskörpern, besonders von der Sonne,sehr genau angeben können, aus welchen im gasförmigenZustande befindlichen Elementarstoffen sie zusammen-gesetzt find, versagt beim Monde, da er uns nur Sonnen-licht reflektirt, die spektroskopische Forschung gänzlich, wirsehen in seinem Spektrum nur die Linien des Sonnen-spektrums. Nur aus der gemessenen Stärke, mit derdas Sonnenlicht vom Monde zu uns zurückgestrahlt wird,kann man schließen, daß die Mondoberfläche von ziemlichdunkler Beschaffenheit sein muß, und daß sie etwa dieselbeLichtmenge zurückwirft, wie unsere Thonerde. Man hatschon seit einiger Zeit Andeutungen gesammelt, wonachdie Oberflächenbeschaffenhett des Mondes eine größereAehnlichkeit mit der der Erde hat, als man früher an-nahm, immerhin aber bestehen in Betreff der Frucht-barkeit ganz wesentliche Unterschiede. Wir müssen alssicher annehmen, daß Wasser in flüssiger Form auf demMonde nicht vorkommen kann, wohl aber als Eis. Diescharfen und schwarzen Schatten der Mondberge, dasmomentan stattfindende Verschwinden der Sterne amMondrande und das Fehlen jeder Strahlenbrechung zeigennämlich, daß der Mond keine Atmosphäre besitzt, oderdoch höchstens nur eine solche von der Dichte unsererErdatmosphäre.
Da man also auf dem Monde eine Meeresflächeoder eine andere Niveauebene nicht hat, so kann mandie Höhen der Gebirge, die sich je nach dem Sonnen-stände aus den scharf abgegrenzten Schattengrenzen sehrgenau bestimmen lassen, auch nur auf die benachbartenEbenen beziehen; die höchsten Berge auf dem Mondeüberragen die nächsten Ebenen um über 8000 Meter,solche von 6000 Meter finden sich in verschiedenen Ge-birgszügen vor. Die Ränder der Ninggebirge des Mondeserheben sich seltener über 4000 Meter über die Innen-fläche, und einzelne Berge haben in der Regel nochgeringere Höhen. Mau hat in neuerer Zeit vielfach
darüber gestritten, ob gewisse neu entdeckte Abweichungendes Aussehens gewisser Mondlandschaften von den älterenDarstellungen auf Mondkarten reale Aenderungen anfder Mondoberfläche in kürzeren Zeiten beweisen. M anwird die Wahrscheinlichkeit solcher Aenderungen ohneweiteres zugestehen können, wenn man sich der enormenTemperaturdifferenzen erinnert, denen der Mond zwischenvoller Bestrahlung durch die Sonne und Mondnacht aus-gesetzt ist; sie erhebt sich wohl über 300 Grad Celsius.Ferner muß auch die ungeheure Temperaturdifferenzzwischen den polaren Theilen der Mondoberfläche undden der vollen Bestrahlung ausgesetzten äquatorialenGegenden, die wohl von — 270 Grad bis zur Tem-peratur des siedenden Wassers reicht, abbröckelnd aufOberflüchentheile des Mondes wirken, und es fragt sichnur, ob diese Veränderungen groß genug fein werden,um auf der Erde wahrgenommen werden zu können.Und da ist es denn wichtig, daran zu erinnern, daß inder Entfernung des Mondes eine so Minimale Größewie eine Bogensekunde schon einer linealen Ausdehnungvon nahe 2 Kilometer entspricht; daß also Formations-änderungen schon 1 bis 2 Kilometer groß sein müssen,um mit Sicherheit als solche wahrgenommen zu werden;daß aber allein durch Temperaturdiffercnzen derartigeAenderungen hervorgerufen werden, mag doch erst inlängeren Zeiträumen annehmbar erscheinen. Im Ucbrigenbietet der Mond, auch abgesehen von der Frage nachseiner chemischen Beschaffenheit, auch in seinem voller-lcuchteteu Aussehen noch manches Räthsel dar. So sinddie zahlreichen glänzenden Streifeusysteme, die sich vonden Mächtigsten Ninggebirgen, CoppernicuS, Kcpler undTycho .Hunderte von Kilometern weit über die Mondkugelerstrecken und damit dem plastischen Mondbilde im Fern-rohr ein eigenthümliches Gepräge verleihen, ihrem Wesennach uns noch gänzlich unbekannt.
In der Pariser Akademie haben nun die HerrenLoewy und Pnisseux von der Pariser Sternwarte einenBericht über neue Forschungen über die physische Be-schaffenheit des Mondes und die Erklärung verschiedenerTheile seiner Oberfläche auf Grund photographischer Auf-nahmen der Mondtage! gebracht, die manches Neue überdie allgemein interessireuben Fragen nach den physischenVerhältnissen des Mondes bringen. Als Grundlage derUntersuchungen dienten auf Glas hergestellte starke Ver-größerungen von Mondausnahmen, die an der PariserSternwarte erhalten waren. Diese Photographischen Ver-größerungen gestatten fast alle Details zu erkennen, diedie Originalanfnahme unter dem Mikroskop zeigte. Siebieten aber den großen Vortheil, dennoch einen Ueber-blick über die großen ausgedehnten Regionen zu ermög-lichen, ein Vortheil, welchen sie nicht nur den Astronomen,die mit starken Vergrößerungen die einzelnen Theile derMondoberfläche nach einander zu studieren gezwungensind, voraushaben, sondern auch den Geographen undGeologen bei ihren Studien über die Gebirge der Erde.
Auf den ersten Blick zeigen die verschiedenen Ober»flächentheile des Mondes, verglichen mit denen der Erde,eine weniger große Verschiedenheit der Grundbildnngen.
Die Form der Ninggebirge ist die durchaus vor-herrschende. Daneben erscheinen zahlreiche, relativ schwache,gradlinige Strecken, Thäler, Fluren oder Felder. DieseEinförmigkeit des Anblicks ist ohne Zweifel das Kenn-zeichen einer sehr gleichartigen Materie. Es ist bekannt,daß die mittlere Dichtigkeit des Mondes kaum jene der