Ausgabe 
(11.2.1896) 12
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hett einzelner Offiziere nicht erreicht, was hätte erreichtwerden können. Durch die Böswilligkeit elender Schur-ken ist die Gunst der ewigen Mächte gekreuzt worden undeiner der schönsten Erfolge verscherzt. Doch die Gefahrging vorüber, und in ungetrübtem Glänze leuchtet auf'sneue mein Stern! Ihr habt euch Alle brav undwacker gehalten; ich danke Euch und hoffe, daß Ihrauch hinfüro eure Schuldigkeit Ihut!"

Darauf verlieh Wallenstein verschiedenen Offizierenhöhere Chargen. Leßlie wurde zum Oberstwachtmeisterund Georg Selkow zum Hauptmann ernannt.

Vor seinem Abgang schritt der Feldherr noch einmalauf Letzteren zu und sagte freundlich zu ihm:Dich habeich zu einem besondern Geschäfte bestimmt; komme mor-gen in der Frühe zu mir." Dann schwang er sich aufdas Pferd und sprengte mit seiner Begleitung davon.

9 .

Ein dichter Nebel hüllte die Häuser und StraßenLeipzig's in einen blaugrauen Schleier, als der neuer-nannte Hauptmann Georg Selkow dem Absteigquartierdes Herzogs von Friedland zuschritt. Er trug den Armwieder frei. Die unbedeutende Wunde hemmte dessenBewegung nicht mehr. Trotz der frühen Morgenstundeund der recht empfindlichen Kälte war alles bereits aufden Beinen. Nicht nur die Einwohner der Stadt, son-dern auch zahlreiche Schaaren von Landleuten aus denbenachbarten Dörfern durchzogen in ihren charakteristi-schen Trachten die Straßen und Plätze. Die ungewöhn-liche Aufregung war nicht ohne Grund; diesen Tag hatteman für die Hinrichtung der verurteilten Offiziere undSoldaten bestimmt ein Schauspiel, das ungeachtetseiner Widerlichkeit eine Menge Zuschauer aus nah undfern nach dem geräuschvollen Lager des Friedländers zog.

Georg beachtete das Gedränge nicht, sondern eilteseinem Ziele entgegen; dem Magistratsgebäude, welchesWallenstein für sich und seine Familie zur Wohnungerwählt hatte. Sofort nach seinem Eintritt tn's Hausführte ihn ein Leibjäger zum Herzog. Wallenstein standam Fenster und dictirte seinem zum Rittmeister beför-derten Geheimsccretär Neumann, der emsig schrieb.

Beim Anblick Georg's hörte er auf.Du bistpünktlich", sagte er zu diesem,fast mehr als mir ange-nehm ist; denn für Deine Abfertigung geschah bis jetztnichts. Später also! Meine Gemahlin hat ohnehin einenAuftrag für Dich. Folge dem Leibjäger zu ihr!Du wirst erwartet, vorwärts", fügte er ungeduldighinzu, als Georg in Anbetracht der frühen Tageszeit zuzögern schien; und dieser gehorchte.

Die Herzogin befand sich schon in voller Toilette,als Georg bei ihr eintrat. Sie bot ihm einen Sesselan und setzte sich neben ihn.Wie mein hoher Gemahlmir gesagt hat", begann sie,werdet Ihr mit einemSchreiben an den sächsischen Oberfeldherrn Arnim ge-schickt. Dabei wird man Euch die Erlaubniß zu einemUmweg ertheilen, der über Großmeseritsch führt und Euchzum Besuch Euerer Braut die schwerlich unerwünschteGelegenheit gibt. Diese Vergünstigung ist von mir aus-gewirkt. Ich gedenke nämlich bei dieser Gelegenheit einengeheimen Plan einzuleiten, zu dessen Ausführung Ihrmir die Hand reichen müßt. Ihr seid doch damit ein-verstanden, nicht wahr, und verrathet mich nicht?"

Euer Wunsch ist mir Befehl", entgegnete Georgbescheiden, dessen Antlitz vor freudiger Ueberraschung er-glühte, und die Heizogin fuhr fort:Ich bitte Euch,

Magdalenen und all' den lieben Menschen dort, namentlichPater Vincenz und der alten Anna, meine Grüße zubringen. Es hat mir in jener Burg gar sehr gefallen,und ich wünsche, später in ihr meinen bleibenden Wohn-sitz zu nehmen. Das kann natürlich nur geschehen, wennauch mein hoher Gemahl nach Großmeseritsch zieht. DerHerzog wäre jedoch schwerlich für diesen Schritt zu ge-winnen, denn er hat einen unerklärlichen Widerwillengegen den Aufenthalt in jenem Schlosse gefaßt. Dasrührt jedoch, wie mir scheinen will, nur daher, daß dieEinrichtung und Ausstattung desselben mit seinen An-forderungen im Widerspruch steht. Ihr werdet deshalbals künftiger Schloßhauptmann dafür sorgen, daß dasganze Haus nach innen und außen restaurirt werde. DieZimmer sind neu auszumalen; die Dächer müssen frischgedeckt, die alten Möbel und Keräthschaften entfernt unddurch neue ersetzt werden, kurz: das ganze Gebäude sollein Aussehen bekommen, daß mein Gemahl es kaum wie-der erkennt. Da Ihr voraussichtlich nicht lange aus-bleiben dürfet, so übertraget Ihr die Leitung des Bau-wesens und aller übrigen Arbeiten dem Burgvogt mitder Weisung, keine Mühen und Kosten zu scheuen unddas Werk sofort in Angriff zu nehmen, damit man läng-stens über's Jahr einziehen kann."

Georg's Herz pochte fast hörbar vor Freude undGlück. Er gab die Versicherung, daß Alles auf's pünkt-lichste ausgeführt werden solle, wie die hohe Frau esbefahl.

Diese ertheilte ihm noch einige Anweisungen undWinke, da erschien der Leibjäger wieder und rief denHauptmann zum Herzog.

Wallenstein befand sich allein in seinem Gemach.Der Geheimsecretär hatte sich beim Eintritt Georg'sentfernt.

Meine Gemahlin", begann jener und übergab letz-term ein versiegeltes Schreiben,hat wahrscheinlich be-reits von diesem Briefe gesprochen, zu dessen Beförder-ung und Uebergabe ich Dich erkor. Es ist Line wichtigeSendung, und Du magst es meiner besondern Gunstund Gnade danken, daß sie Dir anvertraut wird. Hörenun, was ich Dir sage, und beachte es wohl. Du reitestallein, ohne jegliche Deckung, in dieser Stunde noch fort,und zwar vorerst nach Großmeseritsch. Dort wirst Duvier Tage rasten. Dann brichst Du nach Reichender«auf. In dieser Stadt wartet im Gasthof Zu den zwölfAposteln ein Page auf Dich. Er wird Dich empfangenund zu dem Adressaten des Briefes führen, den ich Direben gab. Bewahre und hüte ihn wie ein kostbares Gut.Du haftest mit Leib und Leben dafür, daß er an seinerichtige Bestimmung gelangt. Mehr zu sagen brauche ichnicht. Du bist klug und einsichtig genug, um zu be-greifen, was man von Dir will. Glück auf den Weg!"

Der Herzog winkte, und Georg zog sich zurück. Ereilte nach Hause, sattelte selbst seinen Braunen und hattesich schon in den Bügel geschwungen, als in größter Eileein Leibjäger herbeistürmte und ihm befahl, nochmalsvor dem Herzog zu erscheinen. Nicht wenig erstaunt,folgte Georg dem Ruf. Er traf den Herrn wieder allein.Dieser verlangte mit der kurzen Erklärung,er habe sicheines Andern besonnen", das anvertraute Schreiben zurückund entledigte den Hnuptmann des ertheilten Auftrages.Der Ausdruck schmerzlicher Enttäuschung, welcher bei die-ser unerwarteten Wendung auf Georg's Antlitz erschien,entging Wallenstein nicht. Der junge Mann hatte sich