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Venezuela unter der Familie Welser .
Von Professor Dr. Arthur Kleinschnridt (Heidelberg ).
(Fortsetzung.)
Die furchtbaren Schilderungen, welche Bartolomö deLas Casas von den Mißhandlungen der Indianer durchAmbrosius und die Seinen entworfen hat, sind über-trieben; sie wurden in Venezuela nicht schlechter behan-delt als anderwärts. Eine Empörung gegen den Gouver-neur Ambrosius mißlang zwar, doch zwangen ihn derWiderstand der Bergvölker und Nahrungsnoth zur Rück-kehr nach Coro, wo man nichts mehr von ihm wußte.Sein Stellvertreter in Coro, Luis Sarmiento, hatte sichmißbeliebt gemacht, Unordnung war eingerissen, und dieLage verschlimmerte sich bedenklich, seit Ambrosius' BruderGeorg Ehtnger, ein hochfahrender Abenteurer, mit 150neuen Kolonisten im März 1530 bei Paraguana gelandetwar, um, gestützt auf den Belehnungsvertrag von 1528,die Herrschaft an sich zu reißen; die Spanier, die anAmbrosius übergenug hatten, wollten nicht noch Georgdazu haben, es brachen Tumulte aus, die königlichen Be-amten und Stadträthe führten ihre Autorität durch, undGeorg mußte Coro verlassen. Da erschienen plötzlich, direktvon Sevilla kommend, am 18. April vor Coro drei Schiffemit 500 Kolonisten, und der sie befehligende HansSeißenhofer brachte eine förmliche Bestallung durchdie Weiser, die Ambrosius für todt hielten, als Gouver-neur von Venezuela mit; er enthob Sarmiento seinesAmts, ließ sich huldigen und besetzte die meisten wichtigenAemter mit Deutschen. Nikolaus Federmann aus Ulm ernannte er zum Vizegouverneur. Und doch warSeißen-hofers Bestallung ungesetzlich, da der Vertrag von 1528noch galt und die Welser nicht berechtigt waren; nur imNamen Ehinger's und Sailer's wurden ja alle Ange-legenheiten in Venezuela betrieben. Die Welser betrach-teten aber diese als ihre Untergebenen, die ihre Voll-machten eigenmächtig ausgelegt und überschritten hatten,und wollten darum Ambrosius durch Seißenhofer ablösen.Ambrosius ließ sich nicht so leicht beseitigen; sobald erwn den Zwisten in Coro und von seiner bedrohtenStellung unterrichtet war, eilte er spornstreichs aus derWildniß herbei; obwohl fieberkrank, hielt er am 3. Maifeierlichen Einzug in Coro und veranlaßte Seißenhoferzum Verzichte auf seinen Posten, während er sich bereiterklärte, selbst nach Sän Domingo zu gehen und dieDifferenzen mit dem Welser'schen Faktor daselbst, Seb.Rentz, zu begleichen, denn dieser stand über der Regent-schaft und hatte wieder über sich den Welser'schen Agentenam spanischen Hofe. Mit den königlichen Beamten geriethAmbrosius von Neuem in heftigen Hader; er lieferte derKrone ihren Antheil an der nicht eben großen Beute inMaracaibo nicht aus, bereicherte vielmehr sich und einigeGenossen und sandte den Rest an die Weiser; im Wider-sprüche mit dem Vertrage handelte er mit den ein- undabgehenden Waaren, verkaufte Lebensmittel und Sklaven,ohne Zoll zu zahlen, und fand, weil die Welser alleinden Schifffahrtsverkehr nach und von Venezuela vermit-teln durften, tausend Gelegenheiten, der Krone bedeutendeSummen zu hinterziehen; die Beamten führten am span-ischen Hofe bittere Klagen gegen Ambrosius, ihre Briefeaber wurden von den Welser'schen Agenten auf denWelser'schen Schiffen gelesen und unterschlagen, und nureine Anklageschrift gelangte an ihr Ziel. Wirklich gingging Ambrosius im Juli 1530 nach Sän Domingo,Federmann sollte ihn in Coro vertreten, trat aber trotz
ausdrücklichen Verbotes einen völlig zwecklosen Entdeckungs-zug in's Innere an, von dem er im März 1531 zurück-kehrte, ohne N Ooraäo gefunden zu haben; seinereigenen, höchst gefärbten Schilderung dieser Expedition,die er als „Indianische Historia" (Hagenau 1557) heraus-gab, ist nicht zu trauen. Ambrosius verständigte sich inSän Domingo rasch mit Rentz und mag wohl den Welsergroße Summen zugewiesen haben, denn er konnte, inseiner Autorität bestärkt und mit ansehnlichen Mittelnausgestattet, beruhigt nach Coro zurückkehren. Hier erfuhrer von Federmann's Expedition, begnügte sich aber mitder Bestrafung dieses Mannes durch kurzen Arrest, undFedermann kehrte 1532 nach Augsburg heim.
Ambrosius glaubte, wie er, im Westen der Kolonie,in Maracaibo , liege deren Zukunft, und beschloß einenneuen Zug dahin. Er sammelte ein waffentüchtigcs Corps,nahm die spanischen Beamten mit, damit sie in Corokeinen Unfrieden erregen möchten, übertrug seine Vertret-ung daselbst dem ihm innig befreundeten Bartoloms deSantillana und verließ Coro am 9. Juni 1531; inMaracaibo fand er Zuzug von Kolonisten. Er zog durchdas Gebirgsland der Buburer und Bureder, fand auchbei ihnen kein Gold und stieg im December in das Eupari-Thal nieder, von dessen Wundern die Sage ging; ausdem Thale des Rancheria ging er in das des Zesare,und die reichen Pacabueyer lieferten ihm Gold im Werthevon 20,000 Castellanos aus; nach einem Treffen mitden Arhuacoern schickte er eine Abtheilung unter Vascunamit 30,000 Goldpesos nach Coro zurück, um das Goldin Sicherheit zu bringen und Nachschub an Mannschaftzu holen, Vascuna aber verunglückte mit fast allen Leutenauf dem Wege, und das Geld war mit ihnen verloren.Mittlerweile rückte Ambrosius am Jiriri-Fluß weiter,wartete vergebens auf Vascunas Rückkehr und schickteschließlich, um ihn aufzusuchen, Leute unter EstebanMartin im Juni 1532 nach Maracaibo ab; er rekognos-cirte die Umgegend und machte reiche Beute bei den In-dianern. Da stieß Martin mit 82 Mann Ersatz im Herbstein Zanico zu ihm und brachte schlimme Nachrichten mit;er meldete nicht nur den Untergang der Expedition Vas-cunas, sondern auch, die Welser hätten alle Rechte derEhinger und Sailers auf sich übertragen lassen; Am-brosius war somit seiner eigenen Herrschaftsrechte beraubtund vom guten Willen der Welser abhängig; für siewollte er keine weiteren Opfer bringen und trat darumam 5. Oktober den Rückzug an, obwohl die nach Beutegierenden Theilnehmer des Zuges laut murrten, ja sietumultuirten und forderten Vertheilung der bisher ge-machten Beute und Vorrücken, Ambrosius aber brachteden Tumult zum Schweigen und machte ihnen nur dasZugeständniß, er wolle auf einem neuen Wege nach Corozurückkehren. Auf diesem begegnete er Entbehrungen ohneZahl, mußte beständig mit den Eingeborenen kämpfenund verlor viele Leute; er überstieg noch den Kamm derAnden, wurde aber von den Chitarerern überfallen, einvergifteter Pfeil traf ihn unter der Kehle, und er starbnach viertägigem Leiden in dem verlassenen Dorfe China-cota, wo er begraben ist. Sein Tod erwies sich als ver-hängnißvoll für das ganze Unternehmen in Venezuela ;Ambrosius hatte zwar ein rücksichtsloses, hartes und hab-süchtiges Regiment geführt und sich viele Feinde gemacht,war aber doch ein kräftiger Herr gewesen, der den deutschenVortheil im Auge hatte und obwohl meist von Spaniernumgeben, den spanischen Beamten harte Nüsse zu knacken