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benutzte Leßlie, den Inhalt des Schriftstückes kennen zulernen, das er immer noch in der Hand hielt. Es wardas Decret der Absetzung des Herzogs von Friedland.Dieser hatte sich mit dem erhaltenen Briefe an dasFenster gestellt. Seine Brust hob und senkte sich mäch-tig, während er las. „Ha", rief er plötzlich und nahmseinen vorigen Platz wieder ein, „nun gönne ich denWiener Herren das Vergnügen, ihre wirkungslosen Blitzezu schleudern, nun ist mein Spiel gewonnen!"
Leßlie, der lauernd zur Seite stand, warf einenraschen Blick auf das Papier. Seine Augen blitzten.Der Brief kam aus dem schwedischen Lager und trugdie Unterschrift Bernhard's von Weimar.
Wollenstem gab Leßlie noch verschiedene Verhalt-ungsmaßregeln. Auf die Terzky'schen, meinte er, könneman unbedingt rechnen. Der Oberst Butler aber scheinean der Gerechtigkeit seiner Sache zu zweifeln. DerOberstwachtmeister möge dem alten Kameraden dasVortheilhafte seines Verbleibens beim Herzog ausein-andersetzen. Damit wurde Leßlie entlassen.
Wallenstein blieb in der zuversichtlichsten Stimmungzurück. Die Besatzung von Eger bestand großentheilsaus protestantischen Schotten. Daran, daß auch nureiner derselben ihm untreu werden könnte, nachdem erim Begriffe stand, auf die Seite ihrer Glaubensbrüderzu treten, dachte er nicht. Sein Glaube wäre wahr-scheinlich wankend geworden, wenn er den haßerfülltenBlick Leßlie's bemerkt hätte, als dieser über die breiteMarmortreppe in den Hof hinabschritt.
Der Oberstwachtmeister fand bei seiner Ankunft zuHause ein Billet des Obersten Butler mit einer Ein-ladung in dessen Quartier. Dies kam Leßlie erwünscht.Bis jetzt war er entschlossen gewesen, allein und aufeigene Gefahr seine Rache an dem Herzog zu üben;während des Aufenthalts bei demselben aber hatte einanderer Plan in ihm Wurzel gefaßt. „Wer sich inGefahr begibt", überlegte er, „kommt darin um. Unterden nunmehr geschaffenen Verhältnissen läßt sich meinVorhaben vielleicht auf eine Weise ausführen, daß es,ohne das Ziel zu verfehlen, den Charakter persönlicherRache verliert. Der Herzog ist abgesetzt, geächtet, ihnunschädlich zu machen — eine verdienstvolle That; wehrbrauche ich nicht. Doch will ich vorher noch Butler'sMeinung anhören, ich erhalte wahrscheinlich einen Bun-desgenossen oder gar ein Werkzeug in ihm." OhneVerzug machte er sich auf den Weg.
Als Leßlie die Wohnung Butler's betrat, fand erdaselbst auch den Festungs-Commandanten, seinen VetterGordon, den ehemaligen Schloßhauptmnnn von Fried-land, den Wallenstein vor zwei Jahren auf einen bloßenVerdacht hin plötzlich entlassen, später aber wieder zumOffizier im Heere ernannt hatte. Die Beiden saßen inder heitersten Stimmung beim Wein. Auch Leßlie ließsich nieder und trank. Man sprach anfangs von diesemund jenem, meist Kriegserlebnissen und Erinnerungenaus vergangener Zeit. Als aber der Wein die Herzenzu öffnen begann, fiel auch über die Gegenwart manchesWort, und der Oberstwachtmeister, der nur darauf ge-wartet hatte, benutzte die erste Gelegenheit, um den ent-scheidenden Schritt zu thun. Er erzählte, wie er ebenbeim Herzog gewesen, wie dieser zwar nicht ausdrück-lich über den Abfall vom Kaiser gesprochen, aber dochbezüglich seiner Verhältnisse zum obersten Kriegsherrn
sich derart geäußert, daß man an einem geplanten Treu-bruch nicht mehr zweifeln könne.
Die Beiden zeigten sich über diese Mittheilungennicht sehr erstaunt; es wurde nur bestätigt, was sielängst geahnt hatten und wofür Butler, wenn er auchseither geschwiegen, schlagende Beweise besaß.
Leßlie fuhr fort: „Der Herzog ist abgesetzt unddurch den Kaiser die Entbindung aller Offiziere vomGehorsam gegen seine Befehle verfügt. Wallenstein selbsthat mir das Schriftstück gezeigt. Bet dieser Sachlageverlangt die Pflicht ein entschlossenes Handeln von uns;wir müssen dafür sorgen, daß der Friedländer seineverrätherischen Absichten nicht verwirklichen kann. Wirsind Fremde und besitzen außer unserer Ehre kein Gut.Diese ist in Gefahr. Wenn wir klug und vorsichtigsind, retten wir sie."
„Ihr habt Recht, Oberstwachtmeister", fiel ihm Butlerin's Wort. „Aber wie? Die Terzky'schen Offiziereund Soldaten sind dem Herzog blindlings ergeben, undmeine Reiter dürfen nicht in die Stadt. Wallenstein traut mir nicht. Er hat trotz meinem Bestreben, michzu verstellen, wahrscheinlich meine wahre Gesinnung er-kannt. Ich besinne mich auch schon lange, wie ich demAuftrag Piccolomini's, den Herzog todt oder lebendigin seine Hände zu liefern, gerecht werden soll; so langemir die Hände gebunden sind, kann ich nichts thun."
Wie ein wildes Thier auf die Beute, so schnellteLeßlie bei der letzten Andeutung Butler's empor. „Was!"rief er, „was sagtet Ihr: todt oder lebendig? DieseWorte hat Piccolomini gebraucht? Seid so gut und be-richtet mir alles genau; denn stehen uns solche Waffenzu Gebot, dann wird der Knoten mit einem Schlagegelöst."
„Das will ich", erklärte Butler, „und bin begierig,zu hören, was Ihr damit anfangen könnt. Als mirdie Sache während unseres Marsches hierher immer be-denklicher vorkam, schickte ich weinen Feldkaplan Patri-cias Taaffe zu Piccolomini und stellte ihm durch diesenmeine Besorgnisse und meine Rathlosigkeit vor. DerGeneral lobte mein seitheriges Verhalten und ließ michermähnen, auch fürderhin dem Herzog scheinbar gehorsamzu sein; zugleich aber ertheilte er mir den Befehl, beider ersten Gelegenheit, die sich biete, mich der PersonWallenstcin's zu versichern und ihn in gutem Gewahrsamzu halten, bis er zur Einleitung weiterer Schritte selbstherbeigeeilt sei und zwar todt oder lebendig! Wiemir Patricius sagte, wurden diese letzten Worte vonPiccolomini mehrmals wiederholt."
„Nicht weiter!" unterbrach Leßlie den Oberst.„Diese Vollmacht genügt. Der General hat Euch zumVollstrecker des kaiserlichen Willens erwählt; wir sindauch des Kaisers Freunde und stehen Euch bei. AlsFestungscommandant verwahrt Gordon die Schlüssel zurStadt. Er öffnet morgen Nacht die Thore und läßtEuere Soldaten herein. An ihrer Spitze überfallen wirdie Vcrräther und machen sie nieder."
„Einverstanden, ganz einverstanden", pflichtete Butlerihm bet, der einen ähnlichen Gedanken wohl schon frühergehabt hatte. Gordon jedoch widersprach.
„Der Herzog", brachte er vor, „hat mich einst ange-hört und angerichtet verdammt. Aber mich an demHaupte des Feldherrn vergreifen? Nein, so weir gehtmein Groll nicht. Hierzu liegt auch gar keine Noth-wendigkeit vor. Was kann der Herzog mit seiner Hand-