Ausgabe 
(6.3.1896) 19
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nicht selten auch die Intelligenz einer ganzen Stadt zubemessen belieben.

Und doch war jenes Vorkommniß beim Erhardt-Brunnen nur ein Sturm im Glas Wasser, im Vergleichzu der Erregung, welche im verflossenen Jahre der amMaximiliansplatz zur Errichtung gelangte Wittelsbacher -Brnnnen heraufzubeschwören vermocht hat.

(Fortsetzung folgt.)

----SSSMS--

Eliizug in Paris am 1. März 1871.

Nach eigenen Beobachtungen und Erfahrungen vonvr. H. NobolSkp.

(Schluß.)

Hier trennten wir uns, mein Landswann hatte sichauf der preußischen Kommandantur zu melden. Ich blieb,um mich schauend und mit den Augen meinen Gefährtensuchend, von dem ich im Gewühl auSeinandergerissen war,auf der Seite des Triumphbogens stehen, die nach derAvenue de la Reine Hortense gerichtet ist. Auf der an-deren Seite, in der Avenue de ChampS ElysseS be-merkte ich, kaum 60 Schritt von mir, innerhalb deSMenschengedränges eine Kompagnie des genannten Ba-taillons aus Jauer in Schlesien aufgestellt. Ich wolltedarauf zugehen, als ein Kerl, ein echter Repräsentant derKulturstufe des Pariser Volks, mich mit der Frage an-redete:Vous Zto8 krrmsisn?" Ich antwortete:Wozu diese Frage?"O, Ihr seid ein Preuße,kein Zweifel mehr, folgt mir." In demselben Augen-blicke hatte ich zehn Leute desselben Schlages um mich,im nächsten zwanzig und dann fünfzig.Ihr seid meinGefangener", wiederholte der Kerl, der zuerst mich an-geredet. Der Hanfe brüllte:Fort mit ihm, fort mitdem Prussien, es ist ein Spion!" Meine Einreden trugder Wind fort; meine Versuche, mich dem Haufen zuentziehen und Hülfe bei der Fourier-Kompagnie zusuchen, scheiterten an dem Widerstand des Pöbels, dermich schnell in entgegengesetzte Richtung drängte, nämlichin die Avenue de la Reine Hortense hinein. Ich unter-handelte weiter, wandte mich an solche Gesichter nebenmir, in denen der Halunke weniger widrig ausgedrücktwar, erhielt aber als Antwort Fausischläge, und amHemde wie am Rockkragen setzten sich mehrere Krallenfest, um mich festzuhalten. Jetzt kam ein preußischerOffizier vorbeigesprrngt. Derselbe hatte in jener StraßemitEinquartieruugsangelcgenheiten zu thun gehabt.HerrLieutenant", rief ich,retten Sie einen Landsmann, ichbin der und der!" Mit äußerster Anstrengung hatte icheinen Arm frei gemacht, um meinen Paß von Pod-biclski aus der Tasche zu ziehen und so hoch zu halten,als es möglich war. Der Offizier fragte die Leute,was sie von mir wollten.Er ist unser Gefangener,er geht Euch nichts an, macht, daß Ihr fortkommt!"und dergl. mehr rief man ihm zu.Ich werde ihnarretieren, gebt ihn heraus!" sagte der Offizier. ESfolgte Höhnen und Schreien.Wir sind selber Polizei,-wir find hier Herren; schert Euch fort!" Meine einzigeHilfe in der sonst menschenleeren Straße verschwand,das gespornte Pferd trug sie sturmschnell davon. Jetzthieß es: la. lantorns, L la lantsroal

Schnell schnell ein Strick ein Strick!" Ichwurde gegen einen Laternenpfahl gedrängt, versuchte

noch einmal eine Anrede; ein vierzehnjähriger Bengel, dieZukunft des Zuchthauses schon im Gesicht tragend, drängtesich durch und hielt dem Rottenführer, der mich am feste-sten hielt, einen ziemlich kurzen Bindfaden ausgespanntvor, als wenn er ihn seiner Prüfung empfehlen wollte.Man begann, mich in die Höhe zu ziehen. In demselbenAugenblick hörte ich ein Getrampel hinter mir, als wenneine Schwadron Kürassiere im Galopp angesprengt käme.So tönte es vor meinen Ohren. Der Haufe drehte sichum, ich auch. Es war keine Schwadron, sondern nur einZug Infanterie, geführt von einem Offizier. Die Sturmes-eile, in der sie über den Macadam wie geflogen ankamen,hatte das Geräusch der Schritte so laut gemacht. Es warfast nur ein Moment, daß die Leute aus der Entfernungbis dicht unmittelbar vor uns standen. Der Offizierexaminirte mich, ließ sich meine Legitimation geben, über-schlug sie schnell, und Kommando:Fällt 's Gewehr!",Weigerung des Pöbels, mich herauszugeben, Schimpf-wörter, ein anderes Kommando, worauf das Knatterndes Ladens erfolgte, Sprengung des HaufenS nach allenSeiten hin, meine Umringung durch die wackeren Sol-daten aus Jauer, daS verging mir alles wie daS Werkeines Augenblicks. Die außerordentliche Schnelligkeit, mitder der erste Offizier, den ich um Hilfe angerufen, nachdem Triumphbogen gesprengt war, und die kurze Ent-schlossenheit des Premierlieutenants, der die Kompagnieam Triumphbogen kommandirte, bewirkte meine Rettung.

Ich wurde mitten in die Kompagnie am Triumph-bogen gesteckt, denn der Pöbel hatte nun erst recht Lust,seine Revanche auszuüben. War die Kompagnie vorhervon Hunderten umringt gewesen, so stieg jetzt die Zahlbis in die Tausende. Und alles daS schrie, heulte, pfiff,höhnte. Alle Schimpfrcden der gemeinsten Art, meist mirbis dahin unbekannt, doch aus den Zusammensetzungenmir einigermaßen verständlich, dazwischen Ableitungenvon Bismarck und Trochu (die der Pöbel in gleiche Liniestellte, den Namen Trochu durch ein schmutziges Wortspielentstellt), dann eine Fluth von Anspielungen auf dasStehlen" der Preußen; alles das hagelte auf die Sol-daten, freilich ohne Wirkung, denn diese verstanden dasFranzösisch der tonangebenden Bevölkerung von Paris nicht. Zwei entgegengesetzte Eigenschaften traten hier an denTag: die Feigheit der Franzosen , so oft der Offizier einenZug der Kompagnie schwärmen ließ, um die Umzingelungsich vom Halse zu schaffen, und die intensive und schnellcxplodirende Kraft der deutschen Soldaten, von der derHaufen sich culbntiren ließ. Und eben diese Poltrousriefen noch immer:L Lsrlin, L Lsrlin!" waS aufuns alle einen höchst komischen Eindruck machte.

Endlich wurde unsere Ungeduld gestillt. Der Kom»pagnieführer wie wir alle hatten fortwährend den Blicknach der Gegend gewandt, wo die Truppen erscheinen,und das Ohr nach der Richtung gewandt, von wo dieMusik erschallen mußte. Unsere Situation war keine un-kritische. Die Geschütze sämmtlicher Forts waren auf Paris gerichtet, das Geschick der Hauptstadt wie des Landes hingan einem Faden. Fiel ein einziger Schuß, so nahm derganze Krieg eine andere Wendung, und diese Verant-wortung hatte ich. Plötzlich ertönte:Lieb' Vaterland,kannst ruhig sein." Es war bayerische Musik. Es mochte2 Uhr sein. Wir athmeten auf. Ueberraschend war dieeben so schnelle als tiefe Wirkung deS Erscheinens unsererTruppen auf die Pariser . Man erkannte den heulendenHaufen nicht wieder. Nur in den ersten Augenblicken ver«