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einer Nische der Stadtmauer , in welcher vor einemMuttergottesbilde eine Talglampe brannte, ein schmalerLichtstreifen. Georg stand im Begriff, nach der Thür-klinke zu greifen, da traten seitwärts aus dem Weiden-gebüsch am Flusse zwei dunkle Gestalten und schlichenso vorsichtig heran, daß man kaum das Knistern desSandes unter ihren Füßen vernahm. Gleichwohl be-merkte der Hauptmann die Gefahr. Er riß seinenDegen von der Seile und stellte sich, die ersten Streicheparirend, zur Deckung gegen die Wand. Die Angreiferwaren dicht in Mantel gehüllt, ihre Gesichtszüge bei derDunkelheit nicht zu erkennen. Keiner sprach ein Wort,nur das Geklirr der Waffen schallte durch die Stilleder Nacht.
Plötzlich ging die Thüre der Herberge auf und eineweibliche Gestalt trat heraus, die sich mit einem lautenAngstruf zwischen die Streitenden stürzte. Nur einenAugenblick ruhte der Kampf, dann waren die Degenschon wieder gekreuzt — ein gellender Aufschrei, undstöhnend brach die Frau zusammen, von einer zweitenaufgefangen, welche ihr fast auf dem Fuße gefolgt war.
Nun wurde es ringsum lebendig. Thüren gingenauf und zu, Stimmen kreischten, Lichter bewegten sichhin und her, und zahlreiche Gestalten tauchten in derDunkelheit auf. Die Angreifer wandten sich eilig zurFlucht. Sie fanden jedoch den Ausweg durch eine Ab-theilung Soldaten versperrt, welche als Streifpatrouillein der Nähe des Platzes vorbeipassirt und durch denLärm aufmerksam gemacht worden war. Sie suchten sicheine Gasse zu brechen. Einer der Vermummten sah dieBahn bereits frei, da traf ein wuchtiger Schwerthiebseinen Kopf, und ächzend sank er in den Sand, währenddie Uebermacht seinen Gefährten überwältigte.
Groß war die Ueberraschung, als man beim Scheinder herbeigebrachten Lampen und Fackeln in den vermeint-lichen Strolchen kaiserliche Offiziere erkannte, von denen derEine das Abzeichen eines Hauptmannes, der Andere das-jenige eines Lieutenants der Friedländischen Leibgardetrug. Plötzlich brach der Offizier, welcher den Streichgegen den Kopf des Hauptmannes geführt hatte, in lei-denschaftliches Wehklagen aus.
„Fritz, Fritz!" rief der Oberstwachtmeister Leßlie;denn dieser war es. „Was habe ich gethan? Todt —gemordet von mir!" Er betastete das Gesicht und dieHände des Neffen, zog jedoch die Hand voll Entsetzenwieder zurück. „Oh, oh!" stöhnte er, „meine einzigeFreude, der Trost meines Alters dahin I Nun habe ichvergeblich gelebt, gehaßt und gekämpft. Wie schnell undfurchtbar wurde ich vom Himmel gestraft!"
Eine ähnliche aufregende Scene hatte sich indessenvor der Herberge selbst abgespielt. Sobald Georg sichvon seinen Angreifern befreit sah, eilte er auf die be-wegungslos daliegende Frau zu und hob sie vom Bodenempor. Der eben hinter einer Wolkenschicht hervortre-tende Mond beleuchtete Marion's bleiches Gesicht. Jam-mernd trat nun auch Elsbeth herzu, und die erschrecktenWirthsleute kamen mit Lichtern aus der Schenke.
Georg trug die Bewußtlose in's Haus, wo sie unterElsbeth's sorgsamen Bemühungen bald wieder die Augenaufschlug. Als Marion den Hauptmann erblickte, spielteein mattes Lächeln um ihren Mund. Der Glanz ihrerAugen verrieth, daß sie in der Freude über die Rettungdes jungen Mannes die eigene Lage vergaß. ^ -
Nachdem Georg von Elsbeth noch einmal die be-
stimmte Versicherung erhalten, daß die Verwundete nichtin unmittelbarer Gefahr sei, verließ er das Haus mitder Bitte, ihm im Laufe des Tages von dem BefindenMarion's Kenntniß zu geben.
(Schluß folgt.)
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Quellen und Brunnen in Beziehung zurKunst und Geschichte.
Von Max Fürst.
(Fortsetzung.)
Da die Quellen, deren Wasser nach München ge-leitet worden, bekanntlich im Gebiete der gefürchtetenHaberfeldtreiber liegen, so haben es wohl diese tückischenWasser mit sich gebracht, daß auf der Stätte, wo sie inmonumentaler Form ihren letzten Ausfluß erhielten, auchdem Schöpfer des Brunnens, Herrn Bildhauer Hilde-brand, ein förmliches Haberfeldtreiben erblühen konnte.Offen gestanden, sticht auch mich ein wenig der Haber,dem Brunnen, den wir ja schon einmal kurz gestreifthaben, noch einige Aufmerksamkeit zu widmen und specielldie zwei in ihm aufgestellten Kolossalfiguren etwas näheraus's Korn zu nehmen. Ich sage ausdrücklich: „auf'sKorn", da es ja selbst von Freunden des Brunnen-schöpfers, so u. a. von Dr. Hirth, sehr getadelt wordenist, daß Hildebrand den Untersbergermarmor, den er zubearbeiten hatte, körnig gelassen und nicht polirt habe,was doch — nach Meinung der Herren Kritiker — zurbesseren Gesammtstimmung des Brunnens einen wesent-lichen Beitrag geliefert haben würde. Wir geben zu, daßso eine Politur der Brunnendame sicher nicht übel an-gestanden hätte; ob sie dadurch salonfähig geworden,können wir allerdings erst entscheiden, wenn ihre Abkunftsichergestellt erscheint. Hingegen dürfte sich der männlicheBrunneninsaffe gegen das Polircn entschieden verwahrthaben; denn daß dieser — ein geborener Rustikus — alsgrimmer Feind jedes Schliffes angesehen sein will, daslehrt doch der erste Blick, den wir auf ihn werfen. —Schon in einem vor zwei Jahren gehaltenen Bortragehabe ich Gelegenheit gehabt, über Allegorien in der Plastikmich auszulasten.
Wenn ich heute gezwungen bin, nochmal daraufzurückzukommen, so trägt Meister Hildebrand die Ver-antwortung hicfür, weil er es sich angelegen sein ließ,das weite figurale Räthselgebiet noch mit zwei weiterenGestalten zu belasten. Wir hätten ihm gerne schon vonvornherein mit dem Töchterlein in Schiller's „Taucher"flehend zugerufen: Lass', Vater, genug sein des grausamenSpiels!
Wer zählt die Fragen, wer nennt die Zweifel, dieam Tage der Enthüllung unseres Brunnens in denKöpfen der Münchener auftauchten! Die beiden hartenSteinfiguren müssen darüber selbst ein menschlich Rührenempfunden haben, indem sie ja eines schönen Morgenssich anschickten, Farbe zu bekennen. Aber der Lärm inMünchen war Hiebei so groß, daß sie, wieder eingeschüchtert,ihre Geheimnisse schweigsam in sich vergruben. Da nunleider aus den Figuren weiterhin nichts herauszubringensein dürfte, bleibt nur der eine Versuch, auf der Basiseines Fragebogens, wie solche bei Berufs- und Volks-zählungen gebräuchlich sind, Alter, Religion, Heimathund Beschäftigung der Beiden selbst herauszuklügeln. —