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Wenn mir auch einige rasch urtheilende Leute schon an-deuteten, daß unsere zwei Figuren überhaupt keine Heimathhätten, so lasse ich deßhalb doch meine Neugierde nichtso rasch in's Wasser fallen.
Was nun die Religion des Mannes und der Fraubetrifft, so muß dieselbe wohl weit her sein, denn so sehrauch die beiden immer mit Wasser begossen werden, kanndennoch keine Taufmatrikel über unsere Frage genügendAufschluß geben. Da die Figuren heidenmäßig viel ge-kostet, so dürften sie am wahrscheinlichsten mit irgendeiner heidnischen Confession in Beziehung stehen. HierüberNäheres zu sagen, möchte am ehesten dem großen Diagno-stiker in dieser Sparte, unserem hochverdienten MitgliedeHerrn Professor I)r. Sepp, gelingen. Wir wären ihmfür freundlichen Ausschluß um so dankbarer, als ja damitzugleich die Frage über Geburtsort und Alter der Beidenihre gründliche Behandlung finden würde. Was undwohin der reckenhafte Mann, der seine Ahnen muthmaß-lich unter den Cyklopen suchen dürfte, will, wäre nachseiner ganzen Charakieranlage niemals gutwillig aus ihmherauszubringen. „Gegen die Seestadt Venedig" reitetdieser Sprößling Hildebrand's sicherlich nicht, dazu hätteer schon zu wenig Reisegepäck bei sich; daß er aber „wuth-entbrannt" ist, das beweist nur zu deutlich der gewaltigeStein, den er drohend erhoben. Das Bewußtsein scheintder muthige Mann jedenfalls zu besitzen, daß er in keinemGlashause wohnt. Da nun derjenige, der mit Steinenwirft, in der Regel nicht aufbaut, sondern zerstört, sowissen wir auf einfach empirischem Wege, daß unserBrunnenheld nur ein Zerstörer sein kann. Weil nun innächster Nähe unserer Figur Wasser sich ergießt, so er-gänzt in zuvorkommender Weise Meister Hildebrand dieuns noch fehlende Erkenntniß mit der keineswegs über-flüssigen Mittheilung, daß, laut Weisung seiner künstleri-schen Einbildungskraft, besagter Brunnenmann „die zer-störende Kraft des Wassers" zu bedeuten habe.
Haben wir uns beim Manne schon ehrlich geplagt,ihm halbwegs das nöthige Verständniß entgegenzubringen,so dürfte es uns bei der Brunnendame ungleich schwererfallen, ihr annähernd auf den Grund zu kommen. Ausd'eser herauszubringen, was sie für Haupt- und Neben-absichten hat, ist, um volksthümlich mich auszudrücken,gewiß kein Spaß. Daß die Dame mit der Rechten denStier beim Hörne faßt, ließe allerdings vermuthen, siesei sich ihres Zweckes klar bewußt. Anderseits ist aberauch anzunehmen, sie finde in ihrer Existenz selbst einenmächtigen Haken, einen Haken, der noch krummer ist, alsdas Horn eines Rindviehes. — Die Schale, welche dieFrauensperson mit der linken Hand uns entgegcnhält,erinnert ausfällig an die Schüsselchen, die in den Stubender Geldwechsler im Gebrauche sind. Will nun die Damegeben oder nehmen? Da nach einem bekannten Sprich-wort Geben seliger ist als Nehmen, so dürfen wir imHinblicke auf ihre gutmüthige Miene wohl auch annehmen,daß sie nicht nehmen, sondern geben will. Wir würdenihr übrigens auch das Nehmen oder Sammeln nicht ver-übeln; könnte sie doch bei der bekannten Gutherzigkeitder Münchener mit dem unausbleiblichen Erlös zu Nutzund Frommen ihres Rückenabschlusscs ihr seltsam spanischesMäntelchen um etliche Zoll verlängern lassen, was imHinblick auf die Rauheit der Nordseite gewiß kein Luxuswäre. — Da nun aber die Dame in nobler Selbst-vergessenheit einmal gewillt scheint, zu schenken, sokennen wir dieses wohl dankbar an, verhehlen uns aber
dabei nicht, daß bei der Kleinheit ihres Geschirres dieGabe nur eine sehr bescheidene sein kann. Die homöo-pathische Dosis, die unsere Brunnenfrau bietet, steht sehrim Gegensatze zu der Gabenfülle, welche sonst Wasser-gottheiten und Allegorien zu reichen Pflegen. Ich erinnerenur an den berühmten Tafelkessel des verehrten GottesAcgir, der nach Versicherung eines hochnordisch-mythischenAichmeisters die respektable Tiefe von einer Meile gehabthahen soll. Daß es, wenn dieser Kessel geleert wurde,meist sehr voll und toll zuging und die ganze Tafel-gesellschaft aus Rand und Band gerieth, können wirglauben, auch ohne daß die Edda darüber peinliche Detailszu erzählen brauchte. Man kann da so recht sehen, wasUeberfluß und Ueppigkeit für Uebel und Unheil anzu-richten vermögen. Da nun im Haushalt der Naturdoch meistens ein weises, unnützem Verschwenden abholdesWalten sich zeigt, so hat wohl Bildhauer Hildcbrandzunächst diese Thatsache im Auge gehabt, als er unsereBrunnenspenderin mit dem niedlichen, winzigen Gefäßeausstattete. Wahrscheinlich hat er nebenbei auch an denSpruch gedacht: „In der Beschränkung zeigt sich erst derMeister", und um nun allseits als Meister zu erscheinen,hat er nicht nur besagtes Geschirr, sondern gleich dieganze Brunnen-Idee und Auffassung so beschränkt undknapp gehalten, daß wir schließlich auch in Betreff derzweiten Figur an den Meister uns wenden müssen, umdie authentische Versicherung zu erhalten, daß dieselbe diebelebende und befruchtende Kraft des Wassers bedeute.
Bei allem Forscherfleiß ist es mir nun leider dochnicht geglückt, die völlige Erklärung der beiden Hildebrand'-schen Colossalfiguren allein bieten zu können. Man wirdmir aber gütigst zugestehen, daß ich doch wenigstens sehrnahe hin gerathen habe. Beunruhigen würde es michnur, wenn der eine oder der andere meiner verehrten Zu-hörer den leisen Vorwurf für mich in xstbo hielte, ichhätte von dem Goethe'schen Rathschlag:
Im Auslegen seid frisch und munter.
Legt ihr's nicht aus, so legt was unter,
einen allzu kühnen, ausgiebigen Gebrauch gemacht.
(Schluß folgt.)
—SÄMcs-
An Maria.
O Mutter mit dem Jesukinde,
Das jedes Leiden uns versüßtUnd uns erlöst von Tod und Sünde:
Sei, milde Jungfrau, uns gegrüßt!
Sieh aus dem Himmel deiner FreudenAuf uns herab mit Mutterblick,
Die wir im Thal der Zähl' und LeidenUns sehnen nach des Himmels Glück!
Bitt', daß nach deinem schönen BildeStets heilig unser Wandel sei, « xrVoll Unschuld, Demuth, Sanftmuth, Milde,In allem Gottes Wille treu.
Dann zeigest freundlich du einst drobenIm Vaterland uns deinen Sohn;
Und er, der dich so hoch erhoben,
Reicht dann den Kranz auch uns zum Lohn.