Ausgabe 
(17.3.1896) 22
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andern allen Glanz und Reichthum der Eide , lochschwankte er keinen Augenblick in seiner Wahl."

Pollux konnte kaum einen Seufzer unterdrückenund Hüne mit schlecht verhehlter Ungeduld zu, als derAthener in seiner Erzählung fortfuhr:Dann ließ derKönig der Mutter sagen, sie möchte ihren Sohn er-mähnen, daß er dem Willen seines Königs gehorche.Sie stand während der ganzen, fürchterlichen Scenenicht wie eine Niobe in Thränen, sondern mit gefaltetenHänden und erhobenen Augen, als sähe sie unsichtbareDinge und höre Worte, die nur ihren Ohren verständ-lich. Sie hörte den König, näherte sich ihrem Sohne,legte ihre Hand auf seine Schulter und sah ihn miteinem Blick unbeschreiblicher Zärtlichkeit an. Der Glaubehatte die Furcht besiegt und die Liebe noch tiefer ge-macht. Sie beschwor ihren Sohn bei allem, was siefür ihn gethan und gelitten, fest zu glauben und sichnicht zu fürchten.Zeige Dich Deiner Brüder würdig",sagte sie,damit ich Euch eines Tages durch GottesGnade in dem Himmel, welcheruns erwartet, allcsammt em-pfangen möge." Und derschöne Knabe lächelte und folgtedem Beispiele seiner Brüder, in-dem er für sein Vaterland beteteund für seinen Glauben starb.

Zuletzt wurde die Mutter auchhingerichtet, aber ich konnte nichtbleiben, um jenes Opfer auchnoch zu sehen; ich hatte genuggesehen, wehr als genug."

Und ich habe genug gehört,mehr als genug",murmcltePollux,welchem die Beschreibung des Ly-cidas unerträgliche Qual verur-sacht hatte, die Qual der Ge-wissensbisse und der Scham.

Du bemitleidest diese Mär-tyrer?" bemerkte der Athener .

Mitleiden! Ich beneide", warder Gedanke, dem die blassen Lip-pen eines Abtrünnigen keinenAusdruck zu geben wag'.en. Polluxschüttelte zur Antwort nur seinHaupt.

Ich möchte wohl mehr von der Religion derHebräer wissen", sagte Lycidas nach einer Pause.Ichhabe wunderbare Geschichten gekört, erhabenere, alsunsere Dichter je besungen haben, von e uer Gottheit,welche dieses Volk aus Aegypten führte, einen Pfadfür sie durch die Tiefen des Meeres machte, indem sieseine schäumenden Wellen im Zaume hielt, wie ein Reitersein weißgcmähntes Roß. Er gab den^ Durstigen Wasseraus dem Felsen, den Hungrigen Brod vom Himmel undzerstreute Israels Feinde vor ihm her, wie Spreu vordem Winde. Ich habe gehört, daß der feurige Wa-gen der Sonne stille stand auf die Stimme einesMannes, dem die Kraft dazu von einer Gottheit gegebenworden war. Sage wir, welches ist der Name diesesmächtigen Gottes der Hebräer?"

Pollux preßte die Lippen zusammen, er wagtenicht, den Namen desjenigen auszusprechen, den er ver-leugnet hatte. Der Höfling legte seine .Hand auf denmit Juwelen besetzten Griff, welcher seinen Günel zu- >

sammenhiclt. Vielleicht war diese Bewegung zufälligvielleicht wünschte er auch die Aufmerksamkeit seinesBegleiters auf Herkules und den nemerischen Löwen zulenken, welche in das Gold eingravirt waren.

Du vergißt", bemerkte Pollux,daß ich ein Ver-ehrer der olympischen Gottheiten bin, daß ich dem mäch-tigen Jupiter opfere."

Ich frage nicht nach Deiner Religion", entgcgneteLycidas, meine Frage betraf diejenige der Hebräer, welcheDir wohl nicht unbekannt sein kann. Welches ist derName des Gottes, den sie nicht verleugnen wollten,selbst um sich von Marter und Tod zu retten?"

Ich kann hier nicht länger zögern, edler Fremd-ling", war die etwas eilige Antwort des Pollux,dieSonne ist untergegangen, und ich muß zur Stadt zurück;Antiochus verlangt meine Gegenwart bet dem Banketheute Abend."

Ich bin auch dazu gebeten, aber ich gehe nichthin", sagte der junge Athener .Blutvergießen beiTage, Feste bei Nacht, Blut anden Händen, Wein an den Lip-pen; ich hasse, ich verabscheuediese Vereinigung svon Gemetzelund Fröhlichkeit. Gehe Du hinund erfreue Dich an der rau-schenden Lustbarkeit im Palast desKönigs. Wäre ich dort gegen-wärtig, ich würde dann bei jenemMahle die schattenhaften Gestal-ten jener herrlichen Matrone undihrer Söhne sehen. Ich würdedurch das Gelächter Stimmenhören, die da sängen von un-erschütterlichem Vertrauen aufGottes Gnade und von einerherrlichen Hoffnung auf Unsterb-blichkeit dort, wo kein Unterdrückermehr sein wird." Und mit einemetwas erzwungen höflichen Grußgingen der freie Grieche und derSchmeichler eines Tyrannen ihreverschiedenen Wege.(Fortsetzung folgt.)

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Elternpstichten.

Es ist ganz unbegreiflich, wie schlimm die Kinderheutzutage sind!" Wer hätte diese Klage nicht schon ein-mal gehört, und wer hätte, wenn er dieselbe hörte, nichtzustimmend beipflichten müssen:Ja, viele derselben sindschlimm, und Gott weiß, wie das noch einmal werdensoll, wenn das heranwachsende Geschlecht nicht bald wiederin andere Bahnen gelenkt wird!" Wirklich sind vieleKinder heutzutage zum großen Theile gar nicht so, wieKinder eigentlich sein sollen; aber daß es so ist, ist keines-wegs gar so unbegreiflich, als es manchen kurzsichtigen,verblendeten Eltern bisweilen scheinen will. Die Ur-sache dieser traurigen Erscheinung liegt für Jeden, dersie bemerken will, ganz nahe am Tage, und wenn esdennoch genug Eltern gibt, welche dieselbe durchaus nichtzu entdecken vermögen, so liegt das keineswegs darin,daß sich der Grund des Uebels vor ihnen sorgfältigerverbirgt, als vor anderen Leuten, sondern einzig und

Fritjof Uansen.