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den Nil hinaufgefahren und hatte die Pyramiden ge-sehen, die damals schon durch ihr Aller von 2000 Jahrenehrwürdig waren. Nachdem er die Wunder des Landesder Pharaonen gesehen halle, war Lycidas weiter ge-reist nach Gaza und Jerusalem, wo er nun lebte. Erwar ein gelegentlicher Gast am Hofe des Königs vonSyrien , bei dem er sich durch einen Empfehlungsbriefdes Königs Perseus von Macedonien eingeführt hatte.
Nicht um poetischen Träumereien nachzuhängen,hatte Lycidas an jenem Abend die Abgeschiedenheit desOlivenhaines aufgesucht. Wenn die Richtung des Stro-mes seiner Gedanken auf seinem Gesichte zu lesen ge-wesen wäre, so würde man einen Ausdruck von Un-willen, welcher zuweilen in Hellem Zorn aufblitzte, wahr-genommen haben, während seine Lippen sich bewegten,als ob sie Worte starken Mißmuthes oder ernster Klagehervorstoßen wollten. Niemand war in der Nähe, umdas Gesicht des jungen Griechen zu beobachten, bis erplötzlich einer reich gekleideten Persönlichkeit in der Tracht,wie sie damals am syrischen Hofe Sitte war, begegnete.Dieselbe kam auf ihn zu an einer Stelle, wo die geringeBreite des Weges den beiden Männern ein Ausweichenunmöglich machte, und so wurde eine Begegnung herbei-geführt, welche, dem letzten Ankömmling wenigstens sehrunwillkommen war.
„Ah I — mein Herr Pollux, bist Du es?" riefLycidas mit höflichem Gruß. „Ich vermißte Dich heuteplötzlich an meiner Seite bei jener — soll ich es Tra-gödie nennen, denn niemals hat eine schrecklichere Scenevor den Augen eines Menschen gespielt."
„Ich wurde von einem Schwindel befallen, einemFieberanfall", antwortete der mit dem Namen Polluxangeredete Höfling. Er sah hager und blaß aur, alser das sagte.
„Ich wundere mich nicht, wundere mich gar nicht,wenn Dein Blut, wie das meine, in Fieberhitze kochte!"rief Lycidas. „Kein edler Geist konnte ungerührt blei-ben bei dem Anblick der sieben Brüder, die einer nachdem andern in Gegenwart des Antiochus vor den Augenihrer Mutter zu Tode gequält wurden, weil sie sichweigerten, das Gesetz, welches sie als göttlich betrachte-ten, zu brechen."
„Nun", versetzte Pollux, „ihr Schicksal berührtmich nicht; was kümmert es mich, wenn sie vorzogen,wie Narren ihr Leben wegzuwerfen für einen eitlenAberglauben!"
„Narren? sage lieber Helden!" rief Lycidas, indemer plötzlich stehen blieb; denn er war jetzt dicht anPollux herangekommen. „Ich wundere mich, daß Duso wenig Sympathie für jene tapferen Jünglinge hast,Du, der Du, nach dem Schnitt Deines Gesichtes zuurtheilen, zu ihrem Volke gehören mußt."
Pollux stampfte mit dem Fuße und zog die Augen-brauen zusammen, als ob ihm diese Bemerkung unwill-kommen wäre.
„Ich habe die olympische Arena gesehen", fuhrLycidas fort, indem er seinen Gang wieder aufnahmund seine Schritte in dem Maße beschleunigte, wie derGegenstand ihn erregte, „ich habe die Athleten gesehen,jede ihrer Muskeln verrenkt, jedes Glied durchschnitten,ringend wie Milo und dennoch vorwärts eilend, umdie Krone oder Palme zu gewinnen, als ob ihnen dasLeben weniger theuer sei als der Sieg. Aber niemals habenmeine Augen einen Kampf gesehen, wie heute, wo der
Triumph dem Manne über die Furcht vor dem Todeging, wo Sterbliche mit der Todesangst rangen und siedennoch überwanden, still, oder Worte äußernd, die sichin das Gedächtniß hineinbrennen, Worte von Sterben-den! — Da war kein Beifallrvfen, um die Athletenanzufeuern, wenigstens keins, das man hören konnte;da war kein Jauchzen, wenn ein Sieger das Ziel er-reichte. Aber wenn die Kraft der leidenden Tugendwirklich ein Schauspiel ist, auf welches die Götter be-wundernd blicken, dann sei versichert, daß heute die Un-sichtbaren auf diese glorreiche Arena niedergeblickt haben,die Krone oder Palme in Bereitschaft haltend. Dennich kann eher glauben", fuhr der Athener fort, indemer seinen Arm gegen die untergehende Sonne ausstreckte,„daß jener Himmelskörper verloren ist, ausgelöscht, ver-dunkelt vor dem Universum, weil er dort niedersinktvor unsern Augen, als daß jene edeln Geister, welchediese gequälten Glieder belebten, mit denselben sterbensollten für immer."
Pollux wandte das Gesicht ab, er wollte nicht, daßder Athener den Schmerzenszug sehen sollte, mit demer seine Unterlippe biß.
„Es ist klar", fuhr der Athener fort, „daß dieDulder an ein Fortleben nach dem Tode glaubten; einerder Brüder heftete, als er vortrat um zu leiden, einenernsten, ruhigen Blick auf Antiochus — ich zweiflenicht, daß dem Könige dieser Blick erscheinen wird,wenn seine Todesstunde kommt — und sagte — icherinnere mich wohl der Worte —: „Böser Fürst, Duberaubst uns des irdischen Lebens, aber der König desHimmels wird uns, die wir in Vertheidigung seines Ge-setzes sterben, dafür eines Tages das ewige Leben ge-ben." Der nächüe Märtyrer streckte seine Hände aus,als ob er die Palme anstatt des Streiches der Scharf-richter empfangen sollte, und sagte mit derselben Ruhe:„Ich erhielt diese Glieder von Gott im Himmel, darumwill ich sie gern fahren lassen um seines Gesetzes willen,denn ich hoffe, er werde sie? mir wiedergeben." — —Ist es möglich', daß diese Menschen glaubten, daßnicht nur Seelen, sondern auch Körper wieder aufer-stehen würden? daß eine gehetmnißvolle Macht sie demewigen Leben wiedergeben könnte und wollte? Ist diesder Glaube der Hebräer?" Diese letzte Frage wurdeungeduldig von Lycidas wiederholt, bevor er eine Ant-wort erhielt.
„Einige von ihnen haben diesen kühnen Glauben,"sagte Pollux.
„Ein erhabener, geheimnißvoller Glaube", bemerkteLycidas, „ein Glaube, der diejenigen, die daran festhal-ten, unverwundbar macht, wie den Körper des Achilles,nur ohne den einen schwachen Punkt. Er begeistertFrauen und Kinder mit gleichem Heldenmuth, wie ichheute Zeuge gewesen bin. Der siebente der hebräischenBrüder war noch von zartem Alter und schön, selbst derKönig bemitleidete seine Jugend und bot ihm Gnadeund Ehren an, wenn er das Gesetz seines Gottes ver-ließe. Antiochus schwur, daß er ihn zu Reichthum undEhren bringen und ihn unter seine bevorzugtesten Höf-linge stellen wolle, wenn er sich dem Willen des Königsbeuge. Ich beobachtete das Gesicht des Knaben, alsdas Anerbieten ihm gemacht wurde. Er sah auf dereinen Seite die verstümmelten Gestalten seiner Brüderund die grimmigen Gesichter der Scharfrichter, auf der