AnWattungsSlatt
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„Augsburger PostMung".
« 22 .
Dinstag, den 17. März
1896.
Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg .
Truck und Verlag der Rterarischen Instituts von HaaS Ä Grabberr in Augsburg (Vorbesitzer Ilr. Max Huttler) .
Judas Wakkabäus.
Historischer Roman von A. L. O. E.
Frei nach dem Englischen von D. Colonius.
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1. Kapitel.
Treu bis zum Tode.
Herrlich ging die Sonne hinter den Hügeln, welcheJerusalem umgeben, unter, indem sie Ströme goldenenLichtes über die mit Reben, Granat - und Oliven-bäumen bekleideten Thäler ergoß. Prächtig funkeltendie Strahlen in den Wellen des Baches Kidron wider,und ein reicher Gluthschein lag auf den flachen Dächern,Brustwehren und Wällen der Stadt. Der rothgefärbteHimmel bildete einen herrlichen Contrast zu den Zinnendes Tempels, der damals, zu der Zeit meiner Erzähl-ung, die Höhe des Berges Zion krönte.
Es war dies nicht der prächtige Tempel, welchenSalomo erbaut hatte, es war aber auch nicht derjenige,welchen König Herodes geschmückt hatte, sondern dasGebäude, wie es dort in seiner einfachen Majestät voruns steht, ist von den Hebräern bei ihrer Rückkehr vonBabylon unter Führung des Serubabel und Josua er-richtet worden. Nicht die Macht gewaltiger Fürsten,noch das Gold der Reichen hatten jenen Tempel erbaut,sondern der ernste Eifer eines bedrückten, in den Staubgetretenen Volkes; und sein höchster Schmuck war dieVerheißung, welche Haggais begeisterte Lippen ausge-sprochen hatten: „Da soll dann kommen aller HeidenTrost; unb ich will dies Haus voll Herrlichkeit machen,spricht der Herr Zcbaoth; es soll dieses Hauses Herr-lichkeit größer werden, denn des ersten gewesen ist."
Die Erfüllung dieser Verheißung war bisher nochGegenstand des Glaubens, und selten hat der Glaubeeinem heftigeren Verfolgungssturm die Stirn zu bietengehabt als dem, welcher zu jener Zeit — ungefähr167 Jahre vor Entstehung des Christenthums — überdas alte Volk Gottes hereinbrach. Der Römer hattenoch nicht als Eroberer den Boden Palästinas betreten.Antiochus Epiphanes, einer der grausamsten Tyrannen,welche je gelebt haben, herrschte in der Stadt Davids.Er hatte die Straßen Jerusalems mit Blut überschwemmt;er hatte den Tempel geplündert und verunreinigt, hattedas unreine Thier auf Gottes heiligem Altar geopfertund das Bild des Jupiter Olywpius an die Stelle ge-setzt, die der Anbetung des Herrn Zebaoth geweiht war.
An dem bereits geschilderten Abende wanderte einjunger Mann im Schatten grauer Olivenbäume in einemkleinen Thale östlich von Jerusalem. Die rothen Sonnen-strahlen durchdrängen hier und dort die grau verzweig-ten Stämme und das Laub und schienen voll auf dieGestalt LycidaS', des Atheners. Niemand hätte ihn aberfür einen Hebräer halten können, selbst wenn er dieKleidung der Juden anstatt derjenigen der Griechen ge-tragen hätte. Die klassisch schönen Züge des Fremdenwaren derart, wie sie uns in den Meisterstücken desAlterthums, die in unsern Museen so geschätzt werden,überliefert worden sind. Lycidas hätte wohl dem Phi-dias zu einer Statue des Endymion dienen können.Seine Gestalt war fehlerlos proportionirt und eher merk-würdig durch Ebenmaß und Grazie, als durch Kraft,und sein Gesicht hätte man wohl seiner Schönheit wegenfür ein weibliches halten können, wäre ihm nicht ein soentschiedener Zug scharfen Verstandes aufgeprägt gewesen.Diese junge Stirn hatte schon in Olympia beim Wett-streit eigener Dichtung den Lorbeerkranz getragen. Lyci-das hatte seine Verse vor den kritischen Ohren der Athener laut vorgetragen. Seine Mitbürger und Tausende ausanderen Theilen Griechenlands hatten ihm Beifall zu-gerufen. Das war ein schöner Moment für den jugend-lichen Athener gewesen, aber sein Ehrgeiz war durchdiesen ersten Erfolg noch nicht befriedigt. Lycidas warsein eigener, strengster Kritiker und betrachtete sich eherauf einer Uebergangsstufe stehend, wie am Ziele.
Er hatte beschlosien, ein Gedicht zu schaffen, dessenRuhm mit dem der Jliade wetteifern sollte, und hattezum Gegenstand seiner Gesänge gewählt: „Der Helden-muth der Tugend." — Lycidas wollte seine Gemäldeaus der Geschichte nehmen und entlehnte dazu seineModelle den Menschen und nicht den sogenannten Gott-heiten, mit denen Aberglaube und Einbildungskraft denOlymp bevölkert hatten. Der jugendliche Dichter hatteeine angeborene Vorliebe für alles Reine und Wahreund verwarf daher alles, was zu dem Gebiete der Fa-bel gehörte.
Um für sein Gedicht „Der Heroismus der Tugend"Stoff zu sammeln, war Lycidas weit und breit umher-gereist. Er hatte Rom, damals eine mächtige Re-publik, besucht, hatte mit Begeisterung in den Annalenderselben, die an Beispielen hingebender Vaterlandsliebeso reich waren, geforscht. Der Athener hatte dann seinenWeg ostwärts genommen, hatte Alexandria besucht, war