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allein darin, daß sie den wahren und eigentlichen Grundals solchen nicht anerkennen wollen und lieber die fernstliegenden Umstände verantwortlich machen, ehe sie sichdazu verstehen mögen, mit sich selber zu Gericht zu gehenund sich zu fragen: „Tragen wir an den Unarten undFehlern unserer Kinder nicht etwa selbst die größteSchuld, und ist die Erziehung und das Beispiel, sinddie Lehren und Unterweisungen, die wir der Jugendgeben, nicht ganz und gar dazu angethan, dieselbe ineine falsche Richtung hineinzutreiben?" Es gibt Eltern,die es bei jeder Gelegenheit mit einem gewissen Stolzeaussprechen, daß die Jungen heute klüger seien als dieAlten, daß die Rollen zwischen Kindern und Eltern fastvertauscht seien, und daß diese eigentlich von jenen lernenmüßten, anstatt daß die Kinder, wie es sonst Ordnunggewesen, in den Eltern ihren natürliche Lehrer zu er-blicken hätten. Wo das so ist — und es kommt häufiggenug vor — wo die Kinder wirklich die Lehrmeisterder Eltern und in unmittelbarer Folge davon die Tyrannender ganzen Familie spielen dürfen, da muß mit Rechtvon einem unnatürlichen Zustande gesprochen werden, derweder für den einen noch für den andern Theil zumGuten ausschlagen kann, der in seinen Folgen eben soverderblich für die Kinder wie für die Eltern werdenmuß. Wohl ist das richtig, daß im Wechselverkehrzwischen Eltern und Kindern stets für beide Theile eineGelegenheit zum Lernen geboten ist, und daß auch dervernünftigste Vater und die klügste Mutter erziehend undbelehrend immer noch Manches erfahren können, wie jader Mensch überhaupt niemals auslernt. Wo aber dieJugend mit ihrer frühreifen vorlauten „Weisheit" dasganze Haus in Bewunderung und Entzücken versetzenkann und Vater und Mutter sich freiwillig ihres Lehr-amtes begeben, weil sie ihrem gescheidten Jüngelchenoder ihrem zungenfertigen Töchterchen „doch nicht be-kommen zu können" glauben, da ist das ein gefährlicherund ungesunder Zustand, ein Zustand, der es durchausnicht mehr unbegreiflich erscheinen läßt, daß so vieleKinder so entsetzlich schlimm sind und Streiche verüben,welche dann die erschrockenen Eltern mit Angst und Be-sorgniß erfüllen. Wenn heuizutoge manche Kinder sofrühzeitig schon „was zu sagen" haben, wenn das Geldin ihren Fingern blinkt, wenn sie naschen und für ihre„Bedürfnisse" selbst Diebereien verüben, wenn sie über„die dummen Alten" bald „hinaus" sind, wenn gar einsechzehnjähriger Junge oder ein fünfzehnjähriges Mädchensich das Leben nimmt „unglücklicher Liebe halber", wasja in neuester Zeit keineswegs mehr zu den Seltenheitengehört, und wenn so ein Knirps, der von Rechtswegender Zuchtruthe noch lange nicht entwachsen sein sollte,aus Eifersucht ins Wasser springt, oder sich eine Schlingeum den Hals legt, oder auch einen blutigen Racheakt ananderen Personen verübt: — Hand aufs Herz, IhrEltern, wen trifft denn in einem solchen Falle die größteSchuld, Euer mißrathenes Kind oder Euch selbst? Wahr-lich, auf die Frage kann es nur eine Antwort geben, unddie Antwort kann nimmermehr zu Gunsten derer aus-fallen, die berufen waren, über des Kindes Seele zuwachen wie über seinen Leib und die moralische Gefahrvon dem Pfande, welches ihnen der Himmel anvertraute,Ebensowohl und mit größerer Sorgfalt noch fernezuhaltenwie die physische Gefahr!
Die Eltern müssen sich stets ihrer Pflicht bewußtbleiben, der geistigen Entwickelung ihrer Kinder Schritt
für Schritt nachzugehen und das Unkraut überall da, woes sich einschleichen will, rechtzeitig auszujäten. Das aberwollen viele Eltern nicht, und nur jene sind zum Theile— aber auch sie nur zum Theile — zu entschuldigen,welche durch ihre harte Tagesarbeit von den Kindernmeist ferngehalten werden. Aber dann müssen sie sichnach gethaner Arbeit und Sonntags, anstatt stets insWirthshaus zu gehen, um dieselben nach Möglichkeitund mit Eifer bekümmern. Viele Eltern aber, denen esein Leichtes wäre, die falschen Begriffe ihrer Kinder ge-hörig zu berichtigen, die Irrthümer derselben durch einnäheres Eingehen auf ihre Anschauungen kennen zulernen, um dieselben abzustellen — viele Eltern, denendies ein Leichtes wäre, versäumen es in strafwürdigerVerblendung, weil ihnen eben das Wesen des Burschen,welcher so altklug spricht und „Alles am besten weiß"und dreist und spitzig sich überall mit seiner Weisheithineinmischt, „zum Beweise" dient, daß der Junge einüberaus aufgewecktes Kind ist, dessen „naturgemäßerEntwickelung nicht vorgegriffen" werden dürfe! Und soentwickelt sich dann der Junge „naturgemäß", bis sichauf einmal zum Schrecken der Eltern herausstellt, daßdie Entwickelung bei Lichte besehen doch eine sehr natur-widrige war und daß dem Jungen eine Leitung äußerstnoth gethan hätte. Andere Eltern freilich können dieFortschritte ihrer Kinder nickt so genau kontrolircn, dennkhncn gegenüber mag. der Junge in mancher Beziehungilüger scheinen als sie selber sind. Aber doch auch nurin mancher Beziehung, denn die Erfahrung haben dieEltern jedenfalls immer voraus, und auch die richtigeErkenntniß, was gut und was böse ist. Wenigstenssollten sie diese voraus haben vor ihren Kindern; wodas nicht der Fall ist, da ist es allerdings sehr schlimmbestellt um den einen Theil sowohl wie um den andern.Jene Erkenntniß befähigt zuletzt jeden Vater und jedeMutter, wenn sie auch zu ihrer Zeit von all den schönenund großen Sachen noch nichts gehört haben, von denenjetzt die Kinder zu erzählen wissen, sich über den moralischenWerth oder Unwerth dieser Dinge ein Urtheil zu bildenund darnach immer noch belehrend und berichtigend ein-zugreifen, wo es irgend erforderlich und wünschenswerthsein sollte.
Dann aber ferner: Wer trägt an den beklagens-werthen Verirrungen der Kinder die Schuld, diese oderdie Eltern selbst, sofern letztere die rechte Lehre sparenund das gute Beispiel fehlen lassen und die Zuchtrutheals ein „veraltetes" Erziehungsmittel in den Winkel ge-worfen haben, dafür aber die Kinder mit- ins Wirths-haus und in den Tanzsaal, ja vielleicht gar in unsaubereVorstellungen, in die Tingel-Tangel schleppen? Wenndie Kinder dann schließlich in Folge einer solchen Er-ziehung die Zahl der Verkommenen und Verlorenenmehren, dann mag vielleicht manchen Eltern zum Be-wußtsein kommen, was sie an ihren Kindern verschuldethaben, aber dann ist alle Einsicht und jede Reue zuspät. Der Vorwurf der versäumten Pflicht aber wirdals dauernder Stachel im Herzen jener Eltern sitzen unddasselbe noch empfindlicher verwunden, als das bittereGefühl, welches die Lieblosigkeit der eigenen Kinder ihnenverursachen wird. Diese Lieblosigkeit aber ist die ersteund unausbleibliche Strafe jeder sorg- und gewissenlosenErziehung.