Ausgabe 
(24.3.1896) 25
Seite
184
 
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Morpheus' Armen umschlungen zu w.rdcn, suchst du dieRuhestätte auf. Das laute Gewühl auf den Stoßen istverstummt; du hörst nur den einförmigen Ticktack derUhr an der Wand, das Pochen des eigenen Herzens, undin den Bäumen vor dem Fenster rauscht es leise undeinschläfernd. Weshalb will der Schlummer nicht nahen?Stört dich vielleicht das Licht des Mondes, der durchdie Spalte des Fensterladens herein ins Zimmer lugt?Eine summende Fliege umkreist dich; ärgerlich rückst dudie Kissen hin und her, um so besser ruhen zu können,und allmählich verdämmern deine Gedanken, die unklarzwischen Schlafen und Wachen hinirren, und blasseTraumbilder schwanken vor dir auf und nieder. Daertönt in der Ferne ein Schrei, war es Traum oderWirklichkeit? Wer soll zu dieser späten Stunde einenSchrei ausstoßen? War es ein Vogel, eine Eule, dieauf Beute ausgeht, oder ein Mensch in Gefahr? Dufährst empor und lauschest, aber nichts regt sich weiter,nur in deinem Ohr gellt der Schrei nach; die Phantasiespinnt ihn aus zum Roman, und Schreckgestalten huschendurch das Dunkel der Nacht. Hast du nicht in derJugend gelesen, daß ein einsamer Wanderer im Waldevon Unholden erschlagen und beraubt worden? Kann sichdas, was früher einmal war, nicht heute wiederholen?Da du nun einmal aber der Jugendzeit gedacht hast,werden tausend Bilder und Gestalten vor deinem geistigenAuge lebendig. Du siehst sie wieder, die Genossen, diemit dir gespielt, die Plätze, wo du den Ball geschlagen,wo du den Drachen steigen ließest, und wo du mitNachbars Mariechen und Paul lustig herumgesprungenbist. Du siehst sie wieder die alte Mühle mit denschwarzen und moosbewachsenen Rädern und den Bach,auf dem du dein selbstgefertigtes Schifflein treiben ließest..Dein ganzes Leben zieht im schnellen Fluge an dir vor-über. Wo sind die Gefährten, mit denen du einst ge-lacht und gesungen, mit denen du fröhlich gewesen bist?Das Schicksal hat sie nach allen Himmelsgegenden zer-streut; von dem einen weißt du, was aus ihm geworden,vom anderen nicht. Und du selbst, bist du glücklichgeworden? Bist du zufrieden mit deinem Geschick, hastdu nichts zu bereuen, und würdest du alles noch einmalso machen, wie du es gemacht hast? Plötzlich siehst duden schmalen Weg zwischen den hohen Weißdornheckenvor dir, auf dem dir an einem schönen Sonntag Nach-mittag die Freundin deiner Schwester begegnete. DerWeg war so schmal, daß ihr nickt an einander vorbeikonntet, und so bliebet ihr stehen und plaudertet langeZeit mit einander. Ueber was, weißt du nicht mehr;du weißt nur noch, daß ihr dann zusammen über dieblumigen Wiesen gewandert und auf der schmalen Brücke,die über das Flüßchen führte, stehen geblieben seid, unddaß ihr Hand in Hand und wortlos hinabgeschaut habtin das klare, murmelnde Wasser, in welchem die kleinenFischchen sich tummelten. Wie schön war es damals,wie unvergeßlich jene Stunde, die so viele Hoffnungenin dir weckte, und die auch jetzt wieder mit allen Einzel-heiten lebendig vor dir steht. Es war ein schöner Traumdeines Lebens, aber mehr nicht! . . . Längst vcrscklosseneGräber öffnen sich; du siehst die Freunde und Verwandte,die in die dunkle Giuft gestiegen, denen du das letzteGeleit gegeben. Sie stehen vor dir, wie damals, alssie noch unter den Lebenden weilten, nicht als ob so vieleJahre dazwischen lägen. Und dort naht dir auch deinegute Mutter, die dich so treu behütet, die so sehr für

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dich besorgt war. Du siehst ihr freundliches Lächelnihre mild-ernsten Züge, du hörst wieder die mahnendenWoite, die sie an dich gerichtet; du vergissest auf einenAugenblick, daß längst der grüne Rasen die Theure deckt.

Du springst auf, denn du kannst nicht mehr schlafen.Die Stirn ist heiß, der Kopf brennt, und du öffnest dasFenster. Am stahlblauen Himmel funkeln unzähligeSterne, die Erde schläft, kein Laut stört die Ruhe derNacht, nur aus weiter Ferne hallt leise der Schritt desWächters wieder, ein kühler Lufthauch umfächelt deineStirne, und abermals legst du dich nieder. Du denkstan das wogende Kornfeld, an die auf- und absteigendenWellen des Meeres, an alles, was dich beruhigen kann,aber der Schlaf flicht dich, eben weil du denkst. Duzählst die trägen Schläge der nahen Thurmuhr und hegstuur noch den einen Wunsch, daß diese schier endlose Nachtein Ende nehmen möge. Endlich, der Tag dämmertdurch eine Spalte, am Fenster glänzt dos Frührothherein; es weichen die Schatten der Nacht, die Geisterverschwinden, und auf die müden Augen senkt sich einsanfter Schlummer. Wenn du jetzt erwachst, ist es HellerTag. Die Sonne steht leuchlend am Himmel, dasbange Herz hat sich endlich einigermaßen beruhigt, undfreundlich lacht dir der Morgen und mit dem Morgenein neues Leben. Nur traumhaft erinnerst du dich derschlaflosen Nacht, und sprichst du zu anderen davon, dannhörst du allenthalben dieselben Klagen nervöser, denkender,den Tag über viel geistig beschäftigter Menschen.

Lautrach.

"Mit Illustrationen.)

(Nachdruck verboten.)

Lautrach, ein Pfarrdorf mit 714 Seelen, im kgl.Beztrksamte Memmingen und am linken Ufer der Allergelegen, war ursprünglich ein Römerort, wovon noch, außerden sichtbaren Verschanzungen, die an der nördlichen Seitedes Kirchthurms eingemauerten gekröpften Quadern Zeug-niß geben. Es war wohl vollsret; später wurde es welfisch,da ja die Welsen im Allgäu großen Besitz hatten.

Die Ahnen der Ritter von Lautrach sind vermuthlichEdle gewesen. Heinrich von Lutraha (Lutrach, Lautrach) mit seinen Söhnen Herimann und Heinrich war bereits1164 Zeuge eines Gütertauschcs zwischen den KlösternOchsenhausen und Roth. In dem Vergleiche zwischenKempten und Jsny über das Falllehen, 1239, werdendie Brüder Diepold und Heinrich von Lautrach unter denkemptischen Dienstmannen aufgeführt. Dieselben warenbet dem Gütertausche mitthätig, den die Klöster Jsny undRoth gerade auf ihrer Burg Lautrach 1247 abgeschlossenhaben.

Die Herren von Lautrach zeigten stets große Vor-liebe für das Kloster Roth; aber durch ihre Freigebigkeitgegen dasselbe wurde der Glanz ihrer Familie vermindert.Schon lange vor dem Aussterben der Ritterfamtlie vonLautrach (1356) kam die Herrschaft von Lautrach in denBesitz des Heinrich von Schellenberg, 1413 kam es andie Besserer von Ulm, 1417 an die württembergischeNebenlinie der Herren von Landau. Die Wappen derRitter von Lautrach und der Herren von Landau befin-den sich an der östlichen Seite des Kirchthurms, ebensooben beim Zifferblatts auf der nördlichen Seite dasSchellenberg'sche Wappen. Die Herren von Landau be-