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wahrscheinlich um mehr Raum für etliche weinbekleideteTerrassen da unten zu gewinnen. Lichter erschienen inder Ferne und bezeichneten die Lage der Stadt, in wel-cher die Gäste des Antiochus, geleitet von Fackelträgern,ihre verschiedenen Quartiere aufsuchten. Töne wilderLustbarkeit von denen, die taumelnd von dem Gelageheimkehrten, wurden schwach von dem Nachtwinde aus denverschiedenen Straßen herübergetragen.
Lycidas jedoch blieb, als er an die Stelle kam, vonwo die Lichter sichtbar wurden, weder zu hören, noch zusehen Zeit. „Hund von einem Heiden! jetzt habe ichDich!" zischte eine Stimme hinter ihm, und Lycidas wurdeaugenblicklich mit Abischat, dem Juden, in einen Faust-kampf verwickelt, welcher, sobald er gekonnt, sich von seinenGeschäften fortgeschlichen hatte, um den Schritten desGriechen zu folgen. Es war, wie es schien, für denAthener ein hoffnungsloser Kampf. Sein Feind übertrafihn an Muskelkraft und Schwere des Körpers, trug einenDolch und war willens, ihn zu gebrauchen, wenngleichein gewisser Sinn für Ehre den Abischai verhindert hatte,nach dem nichts ahnenden Jüngling zu stechen, ohne ihn,als er heimlich hinterherschlich, zu warnen. Aber die Liebezum Leben ist stark, und Verzweiflung gibt beinahe über-menschliche Kraft. Lycidas fühlte die Schärfe des Eisenswieder und wieder. Er fühlte, wie das Blut warm ausden Wunden floß. Er hob den zum Schlage erhobenenArm mit der Kraft der Verzweiflung und bemühte sich,die mörderische Waffe hinwegzuschleudern.
Die beiden Männer kamen nun, ringend und kämpfend,sich gegenseitig die Glieder verrenkend, Zoll um Zoll demsteilen Abhang näher.
Abischai verlor bei dem Kampfe seinen Dolch undkonnte sich in der Finsterniß nicht bücken, um ihn wiederaufzuheben; aber er ergriff den keuchenden Jüngling beiden Locken und schleuderte ihn mit einer riesenhaften An-strengung über den Rand des Abhanges.
Mit hervortretenden Augen und einem Blick vollwildesten Triumphs lehnte sich Abischai über den Randund suchte in der Finsterniß die leblose Gestalt seinesOpfers zu entdecken.
„Diesen Heiden habe ich für immer still gemacht",rief der wilde Hebräer zähnefletschend. „Ich sagte nicht„Zufrieden", als die Frage gestellt wurde, aber ich sagees jetzt."
Er zog sich von dem Abgrunde zurück, wischte sichden Schweiß von der Stirn und ließ einen rothen Fleckdarauf zurück.
„Bevor ich zur Ruhe gehe, will ich Hadassah wissenlassen, daß mein Arm jene Sicherheit geschaffen hat, welcheihre Tollkühnheit beinahe geopfert haben würde. Michwundert nur, daß sich Judas , dieser kühne und weifeMann, durch die thörichten Bitten eines Weibes von seinemVorhaben abbringen ließ. Aber ich glaube", fügte er miteinem Grinsen hinzu, „daß ein Blick von Sarah mehrüber ihn vermochte, als alle Bitten Hadassahs. Es wirdunter uns, ihren Verwandten, gesagt, daß jene Beidenein Paar werden sollen. Aber dies ist keine Zeit zumFreien und Heirathen zu stiften, wenn das unreine Thierauf Gottes heiligem Altar geopfert wird, der Schattendes Abgottes den Tempel verfinstert und den SöhnenAbrahams die Wahl gelassen wird, ob sie abfallen odersterben wollen. Der Tag der Rache ist da, mögen alleFeinde Juda's umkommen, wie jener arme Bursche um-gekommen ist!"
Abischai suchte seinen Dolch und fand ihn. Dannverließ er ven Ort, wo er eine so schwarze That voll-führt, mit einem weniger beunruhigten Gewissen, als hätteer am Sabbath Korn zwischen den Händen gerieben odereine der von altersher vorgeschriebenen Waschungen ver-säumt. (Fortsetzung solgt.)
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Die nächtliche Ruhe.
Wir begrüßen alle dankbar ihr leises Nahen, abe^peinvoll die Nächte, in denen sie uns flieht. SchlafloseNächte sind das unliebsamste Erbtheil der Sorge, derSchmerzen und des zunehmenden Alters. Das Sprich-wort sagt zwar sehr schön: „Ein gutes Gewissen ist einsanftes Ruhekissen," aber man kann sich auch mit dembesten Gewissen auf dem Lager herum werfen, ohne vondem ersehnten Schlafe in traumlose Vergessenheit gewiegtzu werden. Der Schlaf, d. h. der sanfte, erquickendeSchlaf, den keine Traumbilder stören, ist die beste Arzenei,welche die gütige Mutter Natur den Menschen reicht;er erquickt den müden Körper, erfrischt den matten Geistund tilgt auf Stunden alles aus, was uns bedrückt undquält. Im Schlafe wie im Tode, seinem Bruder, sindalle Menschen gleich, der König wie der Bettler, undder glücklichste Moment des Lebens ist der Augenblickdes Einschlafens, nur kennen wir ihn nicht. — Eineschlaflose Nacht ist dagegen eine bittere Qual. Mansehnt sich nach Ruhe, ohne sie finden zu können; manwälzt sich auf dem Lager hin und her, die Minutenwerden zu qualvollen Stunden, und der lebhafte Geisttritt seine Wanderungen an, springt von einem Dingzum anderen, bald in die Vergangenheit, bald in dieZukunft, und diese Gedankensprünge reihen das Tollsteund Widersinnigste aneinander. In der Jugend schläftder Mensch so fest wie ein Murmelthier; weder lautesGespräch, noch Musik, noch ein anderes Geräusch vermagihn zu wecken, ja es ist vorgekommen, daß bei Ueber-schwemmungen Kinder in ihren Wiegen davon trieben,ohne zu erwachen. In späteren Jahren dagegen schrecktuns das leiseste Geräusch auf; man schläft so zu sagenwie ein Hase im Kohl mit gespitzten Ohren. Denkträgeund gleichgültige Menschen, die sich nicht leicht Sorgemachen und Gottes Wasser über Gottes Land lausenlassen, schlafen unzweifelhaft fester als diejenigen Menschen,die einen lebhaften, lebendigen Geist haben, und die selbstvon geringfügigen Unebenheiten im Leben recht aufgeregtwerden. Das beste Schlafpulver ist die Arbeit; wennder Körper ermüdet vom Tagewerk aufs Lager sinkt,findet auch der Geist bald Ruhe; nur darf die Ermüdungnicht in Uebermüdung ausarten, denn auch hier ist dasZuviel vom Uebel. Der größte Feind des Schlafes istein voller Magen; in solchem Falle rebelliert das körper-liche Ungemach gegen die Ruhe. Ein tüchtiger Spazier-gang am Abend ist hundertmal besser als ein sogenannterSchlaftrunk, der statt in Milch meist auch noch in Spiri-tussen genommen wird, und selbst die Leute, die von derNervosität, dieser Modekrankheit unseres Jahrhunderts,geplagt sind, werden die Wohlthat einer solchen Be-wegung bald empfinden. Eine schlaflose Nacht — wersollte sie noch nicht kennen gelernt haben! Das Licht desmüden Tages ist erloschen, und die Nacht hat ihrendunklen Mantel über Stadt und Land gebreitet. DieAugenlider sind schwer, und in der Hoffnung, bald von