Ausgabe 
(24.3.1896) 25
Seite
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Beweise Deine Dankbarkeit, Fremdling, sprich sienicht aus", sagte sie.Wenn jemals Dein Feind Dirwehrlos gegenübersteht, erinnere Dich dieser Nacht. Undwenn Du vor einem Götzen niederknieen willst und an-beten, wie Dein Volk betet zum tauben Holz oder ge-fühllosen Stein dann halte inne und erinnere Dicherst, was Du vom Glauben der Hebräer an dieser hei-ligen Stätte gelernt hast", Hadassah deutete, als siesprach, auf das cffene Grabwie er den Schwachenzum Leiden stärkt und den Starken zum Mitleid bewegt."

4. Kapitel.

Ein Feind.

Als Lycidas den Begräbnißplatz verließ, welchener kaum lebend zu verlassen erwartet hatte, fühlte ersich wie unter einem Zauberbann. Freude über diekaum gehoffte Rettung von einem schrecklichen Tode warkaum das vorherrschende Gefühl in seinem Innern undwurde es bei jedem Schritt, mit dem der Athener sichaus dem Olivenhain entfernte, immer weniger. Son-derbar, wie es ihm selbst erschien, wünschte der jungeDichter beinahe die ganze Scene noch einmal zu durch-leben, trotz der peinlichen und schrecklichen Rolle, die erselbst darin gespielt hatte. Lycidas würde gar nichtunzufrieden gewesen sein, hätte er die schrecklichen Aus-rufungen noch einmal hören und die blitzenden Waffennoch einmal um sich her sehen müssen; er würde gerndie ganze Begebenheit, die Erwartung des Urtheils-sprucbes vor Augen gehabt haben, nur um noch einmaldie sanfte Bitte zu hören:Habe Erbarmen, schoneihn!" um noch einmal den Anblick von Sarahs Gestaltzu haben, wie sie im Vollmondschein ihren Tribut vonfrischen Blumen in das Grab streute.Diese hebräi-schen Frauen sind nicht wie andere Frauen der Erde,sie gehören einer höheren Sphäre an", dachte Lycidas,als er seinen Weg zur Stadt verfolgte.

Diese Matrone besitzt die ganze Majestät einerJuno, und das Mädchen ist schöner wie nun, mit welchenGöttern des Olymp könnte ich ein so schönes und reinesGeschöpf wohl vergleichen? Venus? Der bloße Ge-danke wäre schon Entweihung Diana mit ihren er-barmungslosen Pfeilen? Pallas? schrecklich ihren Fein-den? Nein! Sonderbar, hier ist es eine Beschimpf-ung, eine Frau mit einer Göttin zu vergleichen!"

Lycidas blickte zu dem schönen Blau des östlichenHimmels auf. Um ihn her lag die Landschaft mit denschönen Bergen und herrlichen Thälern in ruhigemSchlaf, während der Mond seinen feinen silbernen Schleierüber das Ganze gebreitet hatte. Die volle Empfindungdieser Herrlichkeit durchdrang die Seele des Dichters

O, du heilige und wohlthätige Natur", murmelteer, hast Du keine Stimme, den Menschen durch Deinesichtbaren Wunder die Geheimnisse der unsichtbaren zuerklären? Flüsterst Du nicht meiner Seele eben jetzt zu:Reinheit und Güte des Herzens sind die Attribute der Gött-lichkeit, denn sie sind den Werken der Schöpfung aufge-prägt, und so müssen auch auf Erden Reinheit undGüte die Merkmale aller wahren Anbeter der Gottheitsein. Der Geist in meinem Innern sagt mir dasselbewie die Stimme der Natur: Reinheit und Güte, nichtMacht und Gewalt verleihen dem Sterblichen oder Un-sterblichen die höchste Würde! Aber wenn es wirklichso ist, wenn meine Hand den Schleier, welcher die Wahr-heit vor dem profanen Blick des Menschen verhüllt, be-

rührt hat, wenn ich einen Schimmer von den heiligenGeheimnissen da über uns habe, wie fern von der Wahr-heit, in welch einem Nebel von Irrthum müssen dannalle Völker dahinleben." Lycidas ging unwillkürlichlangsam und legte die Hand an seine Stirne.Viel-leicht nicht alle", dachte er,nach allem, was ich höre,scheint es, daß diese Hebräer, diese Handvoll eines be-zwungenen Volkes, sich für den einzigen Hüter einesGlaubens halten, welcher erhaben, seelenveredelnd undrein ist. Sie nennen sich selbst ein Licht auf einemBerge, hochgestellt von Alters her, zu zeigen einer fin-steren Welt, daß da noch ein Licht ist, ein Licht, dasda überbreiten soll die Welt, wie die Wasser, die dasMeer bedecken, so waren die Worte der Hadassah.Und sie sprach auch von einem, nach dem die Judenaussehen, der den Heiden Gerechtigkeit bringen sollte'Hoffen denn die Juden auf die Zukunft einer Gottheitauf Erden, oder nur auf die eines Propheten? Ichwollte, daß ich Hadassah wiedersehen könnte, und ichwill sie wiedersehen ich will nicht aufhören, nacheiner, die mich zur Wahrheit führen kann, zu suchen.Komme, was da will, ich muß sie und jenes schöneMädchen wiedersehen."

Es war kein Wunder, daß der Athener, in Ge-danken versunken, seinen Weg verfehlte und unwillkürlicheine ganz andere Richtung, als er beabsichtigt hatte,einschlug. Das Mondlicht verließ ihn, Wolken hattensich erhoben, und nur dann und wann fiel ein schwacherSchein auf seinen Weg.

Lycidas wurde über die Gegend, in welcher Jerusa-lem lag, unsicher. Der junge Athener war müde, weni-ger von physischer Anstrengung, als von den Folgen derstarken Erregung, deren Nachwirkung sein Körper empfand.Zuweilen glaubte er, einen schleichenden Schritt hintersich zu hören, und stand dann still, um zu lauschen.Dann meinte er, daß seine Sinne sich getäuscht habenwüßten, und ging, durch die Finsterniß hintappend, weiter.

Wie sonderbar jene Episode dem Griechen in seinemLeben erschien kaum eine bloße Episode; denn es warihm, als ob sie alle Poesie seines vergangenen Lebensverwischt habe und .neue Erwartungen und Hoffnungenfür die Zukunft gäbe. Dem Lycidas war die Erinnerungseiner dichterischen Triumphe in der olympischen Arenaund das Beifallrufen der Menge, welches damals seineSeele mit Entzücken erfüllt hatte, wenig mehr, als einemManne die Erinnerung an sein Spielzeug, das ihn inseiner Kindheit belustigt hatte. Der Grieche hatte demErnst des Lebens gegenüber gestanden, und was einstseinen Ehrgeiz stark erregt hatte, erschien ihm jetzt wieSchatten, die vorübergehen.

Und doch", dachte der junge Poet,ich möchte nocheinmal den Lorbeerkranz gewinnen, damit ich ihn dannzu Sarahs Füßen legen könnte. Aber was würdensolche Trophäen irdischer Auszeichnung für sie sein?Nicht eine der Blumen werth, die durch ihre Berührunggeheiligt sind die sie in das Märtyrergrab warf!Ha I War es mir doch, als ob ich hinter mir das Rau-schen von Gewändern hörte! Wie mächtig ist doch dieEinbildungskraft, dies Wunder des Gemüths, welchesuns Dinge vorspiegelt, die nicht da sind!"

Lycidas hatte jetzt eine Stelle des Weges erreicht,die an der linken Seite von einem Abhänge begrenztwar; der Hügel, an dessen Seite der Weg breit erschien,mußte wohl an dieser Stelle abgestochen worden sein.

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