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1896 .
„Augsburger PostMung".
Dinstag, den 24. März
Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg .
Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesttzer vr. Max Huttler) .
Judas Wakkabäus.
Historischer Roman von A. L. O. E.
Frei nach dem Englischen von D. Colonius.
(Fortsetzung.)
Ein verworrenes Gemurmel erhob sich unter denZuhörern. Wenn Hadassah's Forderung auf einige Ein-druck gemacht, so hatte sie doch bei anderen eine wildeEifersucht erregt, welche diese darüber unwillig machte,daß die Heiden Israels Vorrechte theilen sollten. DasLeben des Gefangenen hing an einem seidenen Faden,und er wußte es.
„Hadassah", sagte der Anführer, indem er sich mitEhrfurcht an die Wittwe wandte, „verlangst Du denn,daß wir diesem Fremdling trauen, während, wenn ersich als falsch ausweist, so viele hebräische Leben dasOpfer gemißbrauchten Vertrauens sein würden?"
„Ich verlange, daß Ihr dem traut, der gesagt hat:„Du sollst nicht todten", der befohlen hat: wer „Men-schenblut vergießt, deß Blut soll auch durch Menschenvergossen werden." Wir zeigen wenig Glauben, wennwir meinen, Sicherheit in der Uebertretung des Gesetzeszu finden."
Wieder erhob sich ein wildes, zorniges Gemurmel.
Lycidas hörte die Worte: „Narrhett, Tollheit, Gott versuchen", vermischt mit Ausrufen wie „Hunde vonHeiden, die Unreinen, Anbeter von Götzenbildern!" Judas ergriff seinen Spieß, den er gegen den Stamm desOlivenbaumes gelehnt hatte, als er die Waffe mit demSpaten vertauschte. Das Herz des Lycidas schlug schneller,er las in dieser Bewegung sein Todesurtheil, aber ernahm sich zusammen, um muthig zu sterben, wie es einemLandsmann des Miltiades geziemte.
Wieder tiefes Schweigen. Alle warteten, was dieserBewegung des Führers folgen würde.
„Die Zeit vergeht, jede Minute, die wir hier nochzögern, bringt Gefahr, unsere Entscheidung muß ge-troffen werden", sagte Judas und trat zu Hadassah
und Sarah, um die Männer, die an der Seite desGrabes nahe an dem Baumstamm standen, zusammen-treten zu lassen. Als dies geschehen war, warf der
Sohn des Mattathias seinen Spieß wieder auf den
Boden. „Alle, die den Gefangenen frei gehen lassenwollen, die seiner Dankbarkeit und seiner Ehre trauen,schreiten über meinen Spieß!" rief Judas. „Wenn diegrößere Zahl ihn überschreitet, so schonen wir; bleibt siezurück, so schlagen wir. Seid Ihr zufrieden?" fragte er.
Die meisten Anwesenden murmelten ihr: „Zufrieden."
Der Anführer wandte sich dann an Lycidas undrichtete an ihn dieselben Worte. Der junge Gefangenebeugte sein Haupt, kreuzte die Arme über der Brust undantwortete: „Zufrieden."
„Die Weiber sollen aber nicht mitstimmenl" riefAbischai.
„Sie werden mitstimmen", sagte der Anführer mitEntschiedenheit. „Ihre Gefahr ist der unseren gleich, dasoll es ihr Vorrecht auch sein."
Mit sonderbaren Empfindungen sah Lycidas eineWage aufgerichtet, eine Wage, bei der es sich um Frei-heit und Leben handelte. Furcht war kaum das vor-herrschende Gefühl. Eine Wolke verdunkelte für einigeZeit das Gesicht des Mondes, aber durch den Schattenkonnte der Gefangene die stattliche Gestalt der Hadassahsehen, als sie über den Spieß ging, und das Wehenvon Sarahs weißem Schleier. Als die Silberkugelwieder hinter den Wolken hervortrat, waren die Frauen,gefolgt von den beiden Männern, die Hadassah's Die-ner gewesen waren, hinüber.
„Vier auf jener Seite, fünf auf dieser!" riefAbischai heftig, - „er stirbt!"
Aber als dieser Ausruf noch auf seinen Lippenwar, sprang Judas über den Spieß und stand aufSarah's Seite. „Er lebt, der Allmächtige sei geprie-sen!" rief Hadassah. Abischai aber stieß mit einem wil-den Fluch sein Schwert in die Scheibe zurück.
„Gefangener, gehe in Frieden", sagte der Sohndes Mattathias, „aber ehe Du diese Stelle verläßt, ge-lobe feierlich über das, was Du hier gesehen, Still-schweigen."
Lycidas gehorchte augenblicklich. „Mögen die Qua-len der Todten, die in diesem Grabe ruhen, welches ichohne Deine Gnade mit ihnen theilen würde, über michkommen, wenn ich jemals meinem Gelübde untreu werde!"rief der Grieche.
Der Anführer winkle mit der Hand, er möchtegehen, und die Hebräer das Werk, welches sein Er-scheinen unterbrochen hatte, vollenden lassen.
Lycidas zeigte jedoch keine Eile, zu entkommen.Er blickte auf Hadassah und Sarah. „Darf ich nichterst meine Dankbarkeit aussprechen?" begann er, indemer ihnen einen Schritt näher trat; aber die Wittweverbot ihm durch eine Bewegung mit der Hand die An-näherung.