Ausgabe 
(27.3.1896) 26
Seite
189
 
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O 2b.

Kreitag, den 27. März

189b.

Kür die Redaction verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg .

Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabhcrr in Augsburg <Vorbesitzer vr. Max Huttler ).

Audas Makkabäus, '

Historischer Neman von A. L. O. E.

Frei nach dem Englischen von D. Colonius.

(Fortsetzung.)

5. Kapitel.

Der Tranm.

Bei Sonnenaufgang des folgenden TageS faßenzwei Frauen auf dem Boden in dem Hinteren Theileines kleinen Hauses mit flachem Dach, welches in einerabgeschiedenen Gegend unter Hügeln eine halbe Stundevon Jerusalem lag. Sie saßen einander gegenüber undwaren beschäftigt, nach der Weise des Ostens Korn zumahlen, indem sie vermittelst Griffen den oberen Mühlen-ftetn auf dem unteren drehten.

Das Zimmer, in welchem sie saßen, wenn es über-haupt ein Zimmer genannt werden konnte, war ein engerRaum im Erdgeschoß, der, abgetheilt von einem größerenGemach, zur Aufbewahrung von Vorräthen und anderenhäuslichen Gegenständen diente. Hier lag Korn auf demBoden, aus den Hülsen gesiebter Reis, und gelegentlichwurden auch Gewebe dorthin getragen. Große Bündelvon Weintrauben hingen an den Wänden, Kruge vollOlivenöl und Honig standen nett aneinandergereiht aufdem Fußboden, auch fehlten dort nicht Vorräthe vonHirse, Linsen und getrockneten Feigen. Das waren dieSpeisen, von welchen die Bewohner jenes abgeschiedenenHäuschens lebten. Ein augenblicklich beiseite gezogenerVorhang trennte dieses Vorrathszimmer von dem gro-ßem Vorderzimmer, welches nach der Straße zu lag.Es hatte eine Thür, welche zu einem kleinen bebau-ten Fleckchen Landes führte, in welchem sich von Frauen-händen gepflegte Blumen befanden. Die schönsten wuch-sen um einen glänzenden kleinen Quell, welcher über denHügel strömte, an dessen steilster Seite die kleine Wohn-ung sich eingenistet zu haben schien.

Die eine der mit Mahlen beschäftigten Frauenwar eine hebräische Dienerin, die zwar schon über dieTage ihrer Jugend hinaus, aber doch kräftig genug zurArbeit war. Die andere war noch jung und schön; ihrezarte Gestalt und ihre schlanke Figur paßten schlecht zuso niedriger Arbeit.

Mit traurigem Gesicht und schwerem Herzen saßSarah an jenem Morgen bei ihrer einförmigen Arbeitam Mühlstein. Nicht, daß sie ungern zu so niedrigerArbeit ihre Kräfte verwendet hätte, weil ihre Groß-

mutter keine Diener mehr hielt, sondern nur eine Die»nertn ihnen zu Gebote stand. Sarah hatte zu vielvon dem Geiste der Ruth, um vor der Arbeit zurückzu-schrecken, oder sich über Arbeit zu beklagen, die sie miteiner Person theilte, die wie eine Mutter stets gegen siewar. Nein, sonst pflegte sich ihr Frohsinn durch Gesangzu offenbaren. Es war kein persönlicher Kummer, derThränen aus Sarahs schönen Augen fließen ließ; keinselbstsüchtiger Schmerz, der ihr diese schweren Seufzerauspreßte, als sie leise vor sich himuurmelte: «O grau-sam grausam!"

Friede sei mit Dir, mein Kind. Du bist frühauf, und es war spät, bevor Du zur Ruhe kamst", sagtedie Stimme der Hadaffah, als die verwittwete Frau blaßund mit trauriger Miene in das Gemach trat.

Sarah erhob sich, näherte sich der Großmutter,küßte den Saum ihres Gewandes und empfing dannihre zärtliche Umarmung.

Ich konnte nicht schlafen", stammelte das Mäd-chen,ich wagte nicht aus Furcht vor einem schrecklichenTraume die Augen zu schließen. O, unbarmherzigerAbischai, grausamster der Männer! Wird nicht der All-barmherzige, der die Fremden schützt, des jungen Grie-chen Blut von'seiner Hand fordern?"

Sarah bedeckte ihr Gesicht und weinte.

Es war eine ungerechte und böse That", entgeg-nete Hadaffah.

Und ich war eS, die die Augen des Mördersauf den Ort, wo der Fremde sich verborgen hielt,lenkte. Niemals niemals werde ich wieder glück-lich sein!"

Nein, Du thatest nichts Böses, mein weißes Täub-chen", sagte Hadaffah zärtlich, indem sie das Mädchendichter an sich zog.Die Schuld liegt auf dem Hauptedes Abischai, und auf seinem Haupte allein. Wäreer nicht der Geliebte meiner verstorbenen Mirjam ge-wesen, meiner einzigen Tochter, niemals wieder dürftedieser blutdürstige Mann die Schwelle Hadassahs über-schreiten."

Ich wünsche diesen Abischai niemals wieder zusehen!" rief Sarah mit so vielem Zorn, als ihre sanfteNatur fähig war, indem Blitze aus ihren dunklen Augenhervorleuchteten.Wenn Judas dem jungen Manneglaubte, so konnte er dies auch. Das Gesicht des Frem-den konnte niemand täuschen, und", fügte das Mädchenmit leiser Stimme hinzu,als der Fremdling mit ge»