Ausgabe 
(27.3.1896) 26
Seite
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Die Wittwe hatte wenig Lust, in jener kleinen Wohn-ung einen Mann, und noch dazu einen Heiden, fürWochen, ja, wahrscheinlich für Monate, mit einem schönenMädchen, welches ihrer Obhut anvertraut war, zu be-herbergen. Aengstlich überlegte sie die Sache in ihremGemüth, aber kein Ausweg wollte sich finden lassen; siekonnte doch unmöglich die Grausamkeit begehen, den hilf-los Leidenden dem Tode preiszugeben.

AbischaiS wegen", sagte Hadassah, »wage ich nicht,die Freunde des Griechen aufzusuchen wenn er inJerusalem Freunde hat um sie zu bitten, ihn dort-hin zu schaffen. ES hieße dies, nach dem mörderischenAnfall des Abischai, MirjamS Gemahl dem Richter-schwert überliefern. Dieser junge Mann ist durch Ehreund Dankbarkeit gebunden, über das, was in jenerNacht an dem Grabe vorging, Stillschweigen zu beob-achten. Aber da ist nichts, was ihn verhindern, imGegentheil vieles, was ihn bewegen könnte, wegen einesbeabsichtigten Mordanfalles, der ganz dem dem Griechengegebenen Versprechen der Sicherheit entgegen war, Ver-geltung zu üben. Ich wollte, ich wiederhole eS, dieserFremde wäre in ein anderes Haus als in das meinegekommen."

Mutter, erinnere Dich Deines Traumes!" riefSarah aus, welche in der Tiefe ihres Herzens nichtHadassahs Bedauern theilte. Mitleid mit dem Leiden,Bewunderung der Schönheit und Tapferkeit kamen zu-sammen, um in dem Mädchen ein starkes Interesse fürden Fremden zu erwecken. Sarah war es lieb, daßdie Gastfreundschaft ihrer Großmutter in etwas dasgroße Unrecht, das dem LycidaS von einem aus ihrerFamilie zugefügt worden war, wieder gut machen konnte.

Ja", sagte Hadassah gedankenvoll,jener Traummuß mir geschickt worden sein, um mich hierauf vorzu-bereiten. Der Herr hat mir ein Werk übergeben undwird nicht zulassen, daß seine Dienerin dafür, daß sieseinen Willen thut, leidet. Der verwudete Fremdling,obwohl er ein Heide ist, bedarf der Herberge, und ichdarf sie ihm nicht verweigern. Hat der Herr ihn indas Haus der Hadassah gesandt, so wird der Herr auchseinen Segen mit ihm senden." Und bemüht, ihre Be-sorgnisse zu ersticken, kehrte die verwittwete Frau zuihrem Gast zurück.

6. Kapitel.

Die Heimreise.

Bevor die Sonne am Horizont aufgestiegen war,begab sich Judas, der Sohn des Mattathias , aus demedlen Geschlecht der Hasmonäer, auf seinen weiten Heim-weg. Er hatte während der Nacht Jerusalem nicht wie-der betreten. Sobald er mit Beistand Joabs und JsaakS,zweier seiner Begleiter, das Grab der Märtyrer mit Erdegefüllt, hatte er die Stadt von Osten nach Westen um-gangen und wandte sich gegen Modln. Wer den fürst-lichen Hebräer mit seinem schnellen festen Schritt denHügel hinabschreiten sah, würde nicht geglaubt haben,daß er den größten Theil der vergangenen Nacht beischwerer Arbeit und ohne Schlaf zugebracht habe. SeineSeele war so voll von einem hohen Vorhaben, daß derHasmonäer es gar nicht für möglich hielt, Anstrengungzu fühlen, und ohne Zögern eine Abreise in's Werksetzte, welche die Kräfte für eine lange Pilgerreise nacheiner langen ununterbrochenen Ruhe noch lange in An-spruch genommen haben würde.

Als er den höchsten Gipfel der Hügel, die Jerusa-lem wie Hüter der heiligen und schönen Stadt umge-ben, erreicht hatte, hielt JudaS inne und sah sich um,indem er den letzten Blick auf Zion, über welchem so-eben die Sonne aufgehen wollte, richtete. Er blickteauf die schönen Zinnen, die umgebenden Wälle, dieGräber in den Thälern, den Tempel, der die Höhekrönte, mit jener innigen Liebe, welche in dem Herzeneines jeden Hebräers glüht, der diesen Namen verdient,einer Liebe, in welcher Mitleid und Vaterlandsliebe mitglorreichen Erinnerungen und noch glorreicheren Hoff-nungen gemischt waren. Von den Lippen des Hasmonäerstönten die Worte, in welchen der Psalmist die Liebealler Generationen für Jerusalem ausgesprochen hat:Der Berg Zion ist wie ein schönes Zweiglein, daß sichdas ganze Land tröstet; an der Seite gegen Mitter-nacht liegt die Stadt des großen Königs. Gott ist inihren Palästen bekannt, daß er ihr Schutz sei. LegetFleiß an ihre Mauern und erhöhet ihre Paläste, aufdaß man davon verkündige bei ihren Nachkommen. Wün-schet Jerusalem Glück: Es müsse wohl gehen denen, dieDich lieben! Es müsse Friede sein inwendig inDeinen Mauern und Glück in Deinen Palästen! Ver-gesse ich Dein, Jerusalem , so werde meiner Rechten ver-gessen. Meine Zunge müsse an meinem Gaumen kleben,wo ich Deiner nicht gedenke, wo ich nicht lasse Jerusa-lem meine höchste Freude sein."

Der Glaube war dem Hasmonäer wie der rosigeSchein, welcher dem Sonnenaufgang, der den östlichenHimmel röthete, vorausging. Sein Auge ruhte auf demTempel, der nun entheiligt, entehrt und den Heiden über-lassen war, und er dachte an die Verheißung:Siehe,ich will meinen Engel senden, der vor mir her meinenWeg bereiten soll." Dann wanderte des Hebräers Blickweiter zu einem schönen, mit Grün bekleideten Hügel,und sein Glaube hielt sich an die Verheißung Gottes:Dann wird der Herr kommen, und seine Füße werdenstehen auf dem Oelberge." Dieser Gedanke brachte ihmHoffnung und Freude. So gewiß, als der Berg bleibenwürde, so gewiß würde ein Tempel auf dem Berge Zionstehen, bis der Messias käme. Gott ist nicht ein Mensch,der da lügen sollte: er hat gesagt, und sollte er es nichtthun?O, daß der Messias in meinen Tagen käme!"rief der Hasmonäer,daß meine Augen den König inseiner Schönheit sähen, daß meine Stimme mit dem ein«wüthigen Ruf Israels ertönte, wenn der Sohn Davids auf dem Throne seiner Väter sitzet, und seine Feindeseiner Füße Schemel wären, daß ich sähe, wie alle Weltden anbetet, der der Schlange den Kopf zertreten soll!"Der Hebräer ergriff seinen Spieß fester, und sein Augeerglühte Vorfreude und vor Triumph.Aber die Nachtist noch nicht in Israel vergangen", fügte er traurighinzu;die Stimme ist noch nicht gehört worden in derWildniß:Bereitet dem Herrn den Weg", wir werdennoch viel zu thun und zu leiden haben, bevor die Sonneder Gerechtigkeit darüber aufgeht." Dann stahl sich einsanfter Zug über das Gesicht deS HasmonäerS, als erin einer anderen Richtung, aber noch das Gesicht nachOsten gewandt, blickte. Er konnte ein weißer Häuschen,das im Schatten eines Hügels nistete, nicht sehen, aberer wußte wohl, wo es lag, wo sie wohnte, der er injener Nacht ein langes, ja vielleicht ein letztes Lebewohlgesagt hatte. Der Hasmonäer streckte seine Hand ausund rief:O, Vater der Vaterlosen, segne und behüte