Ausgabe 
(27.3.1896) 26
Seite
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fie! Deiner Fürsorge vertraue ich den Schatz meinerSeele!" Dann aber ging er ohne Zögen: weiter.

(Fortsetzung folgt.)

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Aus dem Tagebuchs eines Bersicherungsbeamteu.

Erzählung von Theodor Hermann Lange.

(Nachdruck verboten.1

Vor einigen Jahren wurde ich von einer großenLiverpooler Lebensverflcherungsgesellschaft, bei der ich alsRevisor und Inspektor angestellt war, nach Amerika ge-schickt. Ich hatte den Auftrag erhalten, in verschiedenenunserer amerikanischen Agenturen eine sehr sorgfältigePrüfung aller Bücher, Briefschaften, ärztlichen Zeugnisseu. s. w. vorzunehmen. In New-Iork angelangt, fuhr ichzunächst über Toledo nach Dalton im Staate Michigan .Dalton liegt in einer nicht gerade schönen und anmuthigenGegend. Die großen Wälder, welche früher die Stadtvon allen Seiten umgaben, sind von den Ansiedlern imletzten Jahrzehnt theilweise niedergebrannt worden. Viel-fach ragen noch aus den Ackern große, vom Feuer ge-schwärzte und ihrer Aeste beraubte Baumstämme hervor.Die kleineren Bäume und das Gestrüpp ließen sich leichtausroden. Die tiefgehenden Wurzeln der großen Bäumekonnten aber nur unter vieler Mühe beseitigt werden.Viele Farmer schlugen daher den Baum einige Fuß überder Erde ab und ließen den Stumpf in dem Erdboden.

In unserer Agentur in Dalton nahm ich die ein-gehendste Revision vor. Ich fand dabei Alles in besterOrdnung. Am fünften Tage meines Aufenthalts erschienim Bureau ein Farmer, Namens Handerson, der beiunserer Gesellschaft mit 10,000 Dollars für den Todes-fall versichert war. Handerson wohnte etwa sechs eng-lische Meilen von der Stadt entfernt. Die Beamtenim Bureau ebenso wie ich waren nicht wenig erstaunt,als Handerson uns erklärte, daß er seine Police um dasDoppelte erhöhen lassen wollte. Waren schon 10,000Dollars eine verhältnißmäßig hohe Summe für einenkleinen Farmer wie Handerson, so mußte es ihm ohneZweifel schwer fallen, alljährlich die mehrere hundertDollars betragende Prämie für eine Versicherungssumme-von 20,000 Dollars aufzubringen. Indessen theilte eruns mit, daß ein Verwandter von ihm in Canada vorKurzem gestorben sei, der ihm ein großes Zinshaushinterlassen habe. Den Reingewinn aus diesem Grund-stücke wollte er nunmehr dazu verwenden, seine Ver-sicherung verdoppeln zu lassen. Wir baten uns Bedenk-zeit aus, erklärten Handerson auch, daß eine nochmaligeärztliche Untersuchung nothwendig sei, und forderten ihnauf, in etwa vierzehn Tagen sich wieder im Bureaueinzufinden. Dann wäre auch der Gesellschaftsarzt an-wesend, von dessen Gutachten es abhängen würde, obHanderson's Police von 10,000 auf 20,000 Dollarsumgeschrieben werden könne. Nach vierzehn Tagen er-schien Handerson wieder, und zwar diesmal in Beglei-tung seiner Frau, die, wie es schien, ihn hauptsächlichdazu bewogen hatte, feine Police erhöhen zu lassen. DerArzt erklärte bei der vorgenommenen Untersuchung Han-derson für einen ungemein kräftigen, sowie ganz gesundenMann, und nunmehr wurde die Police entsprechend um-geändert. Handerson zahlte dann auch gleich auf einJahr die Prämie im voraus. Die Woche darauf reisteich nach Wisconsin und befand «ich eines Abends in

Junction City im Washington -Hotel, als ich ein Tele-gramm erhielt, in dem ich aufgefordert wurde, schleunigstnach Dalton zurückzukehren. Bei meiner Ankunft daselbsterfuhr ich, daß Handerson's Farmhaus in der Nachtvom Samstag zum Sonntag niedergebrannt sei und erdabei seinen Tod in den Flammen gefunden habe.Frau Handerson war zu ihren Eltern zum Besuch ge-reist, und die beiden einzigen Farmarbeiter, welche beiHanderson beschäftigt waren, hatten sich bereits SamstagNachmittag nach Dalton begeben, um daselbst Einkäufezu machen und den Sonntag in der Stadt zu ver-bringen, wie es in jener Gegend, sobald die Ernte ein-gefahren, üblich ist. Handerson selbst war noch um7 Uhr Abends von Nachbarn auf der Landstraße vorseiner Farm gesehen worden, während die beiden Ar-beiter um diese Zeit sich bereits in der Stadt befundenhatten, wie dies durch Zeugen festgestellt wurde. Natür-lich ordnete die Staatsanwaltschaft sofort eine umfassendeUntersuchung an. Frau Handerson war aufs Schnellstevon ihrer Besuchsreise zurückgekehrt, als sie die tele-graphische Nachricht von dem schrecklichen Ereigniß er-halten hatte, und ihr Schmerz kannte keine Grenzen.Allem Anscheine nach war Handerson zunächst durch Axt-schläge getödtet und dann das Haus von den Mördernin Brand gesteckt worden. War auch der Leichnam zumgrößten Theile verkohlt, so konnten die Aerzte doch fest-stellen, daß die Hirnschale durch Betlhiebe zertrümmertworden war. Au der gleichfalls verkohlten rechten Handwurde noch der Trauring Handerson's gefunden, durchden die Identität der Leiche festgestellt werden konnte,denn die Gesichtszüge waren durchaus nicht mehr zu er-kennen gewesen.

Indessen förderte die Untersuchung vor der Handnichts zu Tage, was die eine oder die andere Personnach irgend einer Seite hin belastet hätte. Da wurdeeines Tages zur allgemeinen Usberraschung Frau Han-derson verhaftet und ebenso ein junger Farmer in Un-tersuchungshaft genommen, der nur etwa drei englischeMeilen von der Handerson'schen Farm entfernt einkleines Anwesen besaß. Dieser Farmer, ein gewisserTaylor, hatte vor einigen Jahren um die Hand vonFrau Handerson, einer geborenen Robertson, als die-selbe noch ein junges Mädchen gewesen war, angehaltenund war ihm dieselbe auch zugesagt worden. Indessenwurde das Verlöbniß sehr bald wieder aufgehoben, undFräulein Robertson hatte dann den Farmer Handersongeheirathet, mit dem sie drei Jahre in kinderloser Ehegelebt hatte, bis sie das Unglück traf. Der Staats-anwalt nahm Nämlich an, daß die alte Liebe zwischenTaylor und Frau Handerson noch nicht erloschen sei undErsterer im Einverständniß mit der Frau Handersonderen Ehemann beseitigt habe, um sich durch eine spätereHeirath mit der Wittwe in den Besitz der Versicherungs-summe zu setzen.

Belastend für Taylor erschien es, daß er drei Tagevor dem Morde seine Farm verlassen hatte und erstzwei Tage danach wieder auf derselben erschienen war.Weder seinen Farmarbeitern, noch seinen Nachbarn hatteer mitgetheilt, wo er während dieser Zeit gewesen war.Jedoch klärte sich dieser Umstand sehr bald auf. Taylorwar nämlich nach der etwa 60 Meilen entfernten StadtEast Saginaw gefahren und hatte dort um die Handder Tochter eines Kaufmanns angehalten. An dem be-treffenden Samstage, an dem der Mord geschehen war.