Ausgabe 
(27.3.1896) 26
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hatte sich Taylor den ganzen Tag in größerer Gesell-schaft befunden, so daß er in Folge dessen sein Alibileicht nachweisen konnte. Somit fiel natürlich auch derVerdacht, der anfänglich gegen Taylor und Frau Harr«derson bestanden hatte. DaS Gericht ordnete deshalbalsbald die Freilassung der beiden an. Taylor ver-heirathete sich unmittelbar darauf, verkaufte seine Farmund nahm mit seiner jungen Frau in East SaginawCity seinen Wohnsitz.

Trotzdem die Gerichte fortgesetzt auf den Mörderfahndeten, wollte es nicht gelingen, denselben ausfindigzu machen. MehrereTramps" (amerikanische Vaga-bunden), welche zu jener Zeit in der Nähe der Hander-son'schen Farm gesehen worden waren, wurden verhaftet,mußten aber sehr bald wieder auf freien Fuß gesetztwerden, da sich nicht das geringste Material zu einerAnklage gegen sie ergab.

Frau Handerson erhielt die 20,000 Dollars vonunserer Gesellschaft zugebilligt, die ihr, wie in Amerika üblich, 6 Monate nach dem Tode des Versicherten inBaar ausgezahlt werden sollten. Nach dem Verkaufihres Grundstückes ließ sie sich in der Stadt Daltonnieder, wo sie in vollständiger Zurückgezogenheit ihrenMann betrauerte.

Alle diese Vorkommnisse hatten meinen Aufenthaltin den Vereinigten Staaten weit länger ausgedehnt, alsursprünglich beabsichtigt war. Ich kehrte wieder überNew Aork nach Liverpool zurück, verblieb aber auch nurwenige Wochen in England , da ich von der Direktionnochmals nach den Vereinigten Staaten geschickt wurde,und zwar nach dem fernen Westen. Ich sollte in Utah ,Wyoming und in Jdaho, wo unsere Gesellschaft nochkeine Agenturen besaß, solche einrichten. Von New Jork fuhr ich über Chicago, Omaha und Ogden zunächstnach Salt Lake City im Mormonenlande (TerritoriumUtah ).

Die Stadt Brigham Uoungs gefiel mir ausnehmend.Eines Tages schlenderte ich durch die 14. Straße.Plötzlich blieb ich stehen, meinen Augen kaum trauend.Auf der anderen Seite der Straße wandelte in allerGemüthsruhe der ermordete Handerson mit heiter lächeln-der Miene und führte an seinem Arm eine auffallendschöne junge Dame in Trauer, die mit seiner Frau inDalton durchaus keine Ähnlichkeit besaß. Im erstenAugenblicke schienen sich meine Füße in Blei verwandeltzu haben. Ich konnte nicht weiter ausschreiten; aberdiese Schwäche ging alsbald vorüber, und schnell eilteich '.über die ziemlich breite und mit Bäume» bepflanzteStraße, um eine Erklärung dieser seltsamen Erscheinungzu suchen. Sollte es ein Doppelgänger des Ermordete'»sein? Aber dies war nicht möglich, denn in demselbenAugenblick gewahrte mich Handerson, erbleichte undsuchte mit seiner Begleiterin, die ihn verdutzt anschaute,so schnell als möglich aus meiner Nahe zu entkommen.Leider gelang ihm dies auch. Drei große, mit land-wirthschaftlichen Maschinen beladene Lastwagen, welchegerade dicht hintereinander vorüberfuhren, zwangen mich,mehrere Sekunden mitten auf der Straße stehen zubleiben, und als die Passage frei wurde, war Handersonmit feiner Dame verschwunden. Im ersten Augenblickkam ich mir über alle Maßen hilflos vor, da ich durch-aus nicht wußte, was ich zunächst anfangen sollte; nurdas stand bet mir fest, daß hier ein großartiger undgeheimnißvoller Betrug vorlag, dessen Enthüllung für

Mich »nd «eine Gesellschaft von der größten Wichtigkettwar. Mit einem Doppelgänger Handerson'8 konnte iches nicht zu thun haben, denn ein solcher hätte sich nichtbei meinem Anblick entsetzt und entfärbt und wäreauch nicht geflüchtet. Indeß hatte ich schon nach einige»Minuten meine Ruhe und Fassung wieder gewonnen,und beschloß, sofort auf den Bahnhof zu gehen, da allemAnscheine nach das Paar versuchen würde, so schnell alsmöglich aus der Stadt zu entkommen. Indessen erfuhrich auf der Eisenbahnstation, daß unter 2'/, Stundenkein Personenzug nach irgend einer Richtung abgelassenwürde. Mtßmuthig lenkte ich meine Schritte wieder derStadt zu. Als ich mich dem Continental-Hotel, demersten und größten in Salt Lake City , nähere, trittHanderson mit jener Dame gerade aus dem Portal, umeinen Wagen zu besteigen. Kaum gewahre ich dies,als sich meiner eine große Erregung bemächtigt. Ichrufe den an der nächsten Straßenecke stehenden Polizei-beamten an und ersuche ihn, Handerson, welcher in-zwischen in den Wagen gestiegen war, zu verhaften.Der Polizeibeamte tritt sofort an den Wagen heran,und in fliegender Hast erzähle ich dem Beamten unddem Hotelbesitzer, der gleichfalls hinzugetreten war, wasich von Handerson wußte.

Handerson hatte für alle meine Behauptungen nurein stereotypes Lächeln und erklärte sie für eine Aus-geburt meiner Phantasie. Er nannte sich Snyver undbehauptete steif und fest, mich weder zu kennen, nochjemals in Dalton gewesen zu sein. Während er ganzruhig blieb, verlor seine Begleiterin bei seinen Aussagenvollständig die Fassung. Da ich nun darauf drang, dasPaar zu verhaften, blieb dem Polizeibeamten, dem dasseltsame Benehmen der Dame aufgefallen war, nichtsanderes übrig, als uns Alle zur nächsten Polizeistationzu geleiten. Dort erklärte Handerson dem Polizei-kapitän, daß er über die ungerechte Sistirnng seinerPerson und der feiner Begleiterin sofort beim Polizei-direktor Beschwerde erheben würde. In dem Augenblicketrat der Polizeidirektor zufällig in das Bureau. Fürmich war das Erscheinen dieses höheren Beamten äußerstgünstig, da ich mit demselben schon befreundet war, alser noch als Polizeikapitän in New Dork fungierte, woich früher lange Zeit gelebt hatte. Handerson, aliasSnyder, hatte vor dem Hotel seine Begleiterin als seineverheirathete Schwester ausgegeben und, wie schon mit-getheilt, erklärt, er hätte niemals in Dalton oder iujener Gegend gewohnt. Allerdings klangen auch demPolizeidirektor meine Mittheilungen etwas phantastisch.Auf alle Kreuz- und Querfragen des Direktors ant-wortete Handerson mit großer Sicherheit. Natürlichwurde ein längeres Protokoll aufgenommen und schiender Polizeidirektor danach nicht übel Lust zu haben,Handerson und seine Begleiterin zu entlassen, als mirplötzlich der Zufall zu Hülfe kam. Die Dame, welcheihre Fassung immer noch nicht wieder gewinnen konntennd auch in Folge wiederholter Weinkrümpfe nicht ver-nehmungsfähig war, ließ, als sie ihr Taschentuch heraus-zog, dabei einen Brief auf die Erde fallen. Handersonbückte sich schnell danach. Ich kam ihm aber zuvor undentriß ihm das Schreiben, ehe er es einstecken konnte.Da las ich denn zu meiner größten Genugthuung, daßder Brief anFrau Handerson in Dalton, Michigan ,Columbia Str. 6" adresfirt war. Handerson warf mireinen wüthenden Blick zu, stürzte sich auf mich und