Ausgabe 
(31.3.1896) 27
Seite
197
 
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Augsburger Postzeitung".

« 27.

Dinstag, den 31. März

1896 .

Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg .

Druck und Berlag des litterarischen Instituts von Haas <L Grabberr in Augsburg lBorbesitzer llr. Mai Huttler).

Kinauf naä) Jerusatem.

Gen Jerusalem hinaufSteht der Herr gewendet,

Dass er seinen HeldenlaufRitterlich vollendet,

Daß er hoch am KreuzesstammSchmach und Marter duldetUnd als frommes GotteslammTrägt, was wir verschuldet.

NichtderFcinde Haß und MordMacht dem Heil'gen bange,Nicht der Freunde Warnungs-wort

Hält ihn auf im Gange;Simon, hebe dich davon!Menschliche GedankenMachen nimmer GottcS SohnIm Gehorsam wanken!

Was die Schrift verkündet hat,Alles muß geschehen:

Wie's bestimmt in Gottes Rath,Also muß es gehen;

Ob sich sträube Fleisch undBlut,Ob die Freunde klagen,Kindessinn und MannesmuthWeiß von keinem Zagen.

Aber bis zum Todesthor,

Bis zum letzten SchritteHält er offen Herz lind OhrFür der Armen Bitte;Eig'nerSchmerzen denkternicht,Daß er bis an's EndeKrankenHeilung, Blinden Licht,Sündern Gnade spende.

Davids Sohn erbarme dich!Ruft's auf seinen Wegen,

Und er wendet milde sich,Seines Amts zu Pflegen;Wirken mutz er, weil es Tag,

Bis der Tag verglommen,

Bis die Nacht, da Niemand magWirken, ihm gekommen.

Will die Sonne untergeh'n:Mit den letzten StrahlenPflegt sie gerne doppeltschönBerg und Thal zu malen;Also auf dem TodesvfadWill mit LiebesblickenNoch mein Herr durch Wort undThat

Alle Welt erquicken.

Selig, wer ihm nahetritt,

Da er geht zu sterben;

Trost undHeil mit jedem SchrittKannst du noch erwerben.Was du willst, daß er dir thu',Läßt er dir geschehen;

Arme Seele, bitt' auch du:Herr, ich möchte sehen!

Selig, wer mit ChristenmuthLernt sein Kieuz zu tragen.Ob sich sträube Fleisch undBlut,Ob die Freunde klagen.

Mir gescheh', wie Gott es will,Will er doch das Beste;

So wird meine Seele stillUnd mein Herze feste.

Gen Jerusalem hinaufLaß dich, Herr, begleiten;Bleib' in meinem PilgerlaufDu auch mir zur Seiten,

Bis nach wohlvollbrachtcmStreit

Du zum Salem droben,

Durch dasKreuz zur HerrlichkeitMich mit dir erhoben!

Karl Ncrok.

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Der Grundgedanke all der Gebete, Gesänge undLesungen, all der schönen und ergreifenden Ceremoniender Charwoche ist das bittere Leiden und der Erlösungs-tod des Herrn. Dieses großartige und einzig dastehendeThema der nun beginnenden Woche ist im deutschen Namenderselben noch deutlicher ausgedrückt als im kirchenlateinischen(Ii6t)<1c)iiig.äu sanata. 8. maior). Denn mit Beiseitesetzungaller willkürlichen Deutungen ist daran festzuhalten, das

lruru (auch vsturu geschrieben) ein althochdeutsches Wortist undWehklage, Trauer" bedeutet; otiura.tg.nA heißtKlagelied. Im Gothischen bedeutet traraBuße, Sorge",im Angelsächsischen osaraLeid, Kummer". Daher findenwir im Mittelhochdeutschen die Ausdrücke Lartao, Lar-Iritao. Charwoche bezeichnet demnach die Woche derTrauer, des tieftnnercn Schmerzes, des Mitleids mit demleidenden Heiland, die Trauer über das durch die Sündeverschuldete Leiden Christi und die Erweckung bußfertigerund reumüthiger Gesinnung, die sich in Fasten und Gebets-eifer ausspricht, das war seit alter Zeit die diese Wochekennzeichnende Andacht.

Der specielle Gegenstand der Feier des Palmsonn-tages ist der triumphirende Einzug Christi in Jerusalem .Darum will die Kirche, daß an diesem Tage trotz desnahen Todes des Gottmenschen am Kreuze auf einenAugenblick die Freude unsere Herzen erleichtere, und daßJesus von uns als König begrüßt werde, der als Königgeboren ward, den Israel heute als König anerkannt undverkündet hat, und der auf immer König bleiben wird.Daher ist der Gottesdienst an diesem Tage so angeordnet,daß er zugleich Freude und Trauer ausdrückt. Freude,indem die Kirche in den Jubel einstimmt, von welchemJerusalem bei dem solennen Einzüge Jesu widerhallte;Trauer, indem sie der bevorstehenden Leiden ihres gött-lichen Bräutigams eingedenk bleibt. Die drei Haupt-momente der liturgischen Feier dieses Tages sind diePalmweihe, dieProcession und die Passion. Be-ginnen wir mit einer Bemerkung über die letztere, somüssen wir das dramatische Element hervorheben, dasbeim Vortrage dieses Theiles der Messe so sehr zur Geltungkommt. Es wird dabei unterschieden zwischen den vonChristus gesprochenen Worten (im Missale bezeichnet mit ch),den Worten der fortlaufenden Erzählung des Evangelisten(bezeichnet durch 0, das ist 0Irrorn8tu) und den von an-deren Personen gesprochenen Worten (bezeichnet durch 8,das ist 8^ira.Ac>Ag.); jede dieser iwci Abtheilungen wirdvon einer anderen Person und in einem anderen Tongesungen. Uralt ist die Procession dieses Tages, sie fandschon statt, bevor die Benediction der Palme eingeführtwar. So berichtet die dem vierten Jahrhundert an-gehörende?sr6Ariii3.tio Lrlvias", die Beschreibung derPilgerfahrt einer vornehmen Dame aus Gallien insHeilige Land, die sich sehr genau über alle Einzelheitender jerusalemischen Liturgie verbreitet, nichts von einerWeihe der Palme, wohl aber von der Procession mit der-