Ausgabe 
(31.3.1896) 27
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selben in Jerusalem . Alle Kinder, erzählt Silvio, selbstdiejenigen, die ob ihres zarten Alters noch von ihrenMüttern getragen werden mußten, trugen Palm- und Oel-zweige in den Händen; der Bischof ritt als Repräsentantdes Heilandes, wie dieser, auf einem Esel vom Oelbergezur Auferstehungskirche; die vornehmeren Leute, Männerund Frauen, saßen ebenfalls auf Eseln; das übrige Volkging zu Fuß einher; der Zug bewegte sich sehr langsam,damit die Leute nicht ermüdet wurden.

Die Kirche will in der Procession dem Heilande die-selbe Ehrfurcht bezeigen, die ihm die Einwohner von Jeru-salem erwiesen. Diese nahmen nach dem Berichte desEvangeliums Palmzweige, gingen ihm entgegen und riefen:Hosanna! Gebenedeit sei, der da kommt im Namen desHerrn, der König Israels!" So nahmen denn auch dieGläubigen schon in der alten Kirche an diesem TagePalmzweige in die Hand, zogen in Procession einher undhuldigten Christo in Gebet und Gesang als ihrem Könige.Nach dem heiligen Bernhard sollen wir in der Processionam Palmsonntage eine Vorbedeutung jenes glorreichenTriumphzuges sehen, in dem wir einst, nach einem gutenLeben, mit allen Heiligen und Auserwählten in den Himmeleinziehen werden. Bis dahin wird es noch manchen hartenKampf kosten, daran erinnert die Kirche, indem sie beider alsbald auf die Procession folgenden Messe, wie er-wähnt, die Passion lesen oder singen läßt. Es liegt hierinfür den Christen die ernste Mahnung: Willst Du einstin das Reich des ewigen Friedens eingehen und Antheilhaben an der Glorie Deines Heilandes, so mußt Du mitIhm in Deinem Leben den königlichen Weg des Kreuzesgehen.

In Gegenden, wo keine Palmen zu haben sind, ver-treten die Zweige anderer Bäume deren Stelle, wie denndas römische Missale ausdrücklich sagt:Laosräoz...proesclib chansäioslläum ruinös palvauruin sivsolivurnin st uliaruin arkoruin;" also Zweige vonPalmen, von Oelbäumen oder von anderen Bäumenkönnen geweiht werden. In Italien ist um diese Jahres-zeit die Vegetation schon weiter vorgeschritten, die Zeitder Blumen ist bereits angebrochen, daher der Palm-sonntag dort auch gerne xusguu äsi Lori genannt wird.In Spanien wird an diesem Tage der Boden der Kirchemit Blumen bestreut, und als Spanier gerade am Palm-sonntag in Nordamerika eine Halbinsel entdeckten, nanntensie diese deshalb Florida , welcher Name dem Lande bisaus den heutigen Tag geblieben ist.

Die Palmweihe ist wie gesagt jüngeren Ursprungsals die Palwprocession, reicht aber im Abendlande jeden-falls ins siebente Jahrhundert zurück. Die Weihe dergrünenden Zweige bringt den Palmsonntag in Verbindungmit dem wiederkehrenden Frühling und veranlaßt mancheVolksgebräuche, die zunächst den Sieg der grünen Vege-tation über den unfruchtbaren Winter, im höheren Sinneaber einen geistigen Sieg bedeuten. In manchen Gegen-den werden die gesegneten Palmzweige an den Marksteinenin die Felder gesteckt und über den Thüren der Wohn-häuser angebracht: eine Bitte um Gottes Segen. InNiederbayern ziehen diePueri-Buben" (eine sonderbareTautologie!) herum; sie haben den Namen von einer Stelle,die in dem bei der Rückkehr der Procession in die Kirchezu singenden Responsorium vorkommt! Hslirusornin pnsrirssurrsotionsin vitss xronunoiuntss sto. Sie singenbei ihrem Umzug denPueri-Gesang", schlichte, volks-thümliche Lieder frommen Inhalts; z. B.:

. Jesus in das Haus reitet einDemüthig auf einem Eselein.

Schämt Euch, Ihr stolzen Weltkinder IIhr richtet Alles auf den Schein;

Geprangt, gespitzt muß Alles sein

Das gefällt Gott nicht, o Sünder!

Wieder in anderen Gegenden, z. B. am Niederrhein ,werden die geweihten Palmen auf die Gräber gesteckt,jedenfalls im Hinblicke auf die Seile in der Apokalypsedes heiligen Johannes 7, 9:Ich sah eine große Schaar,die Niemand zählen konnte, aus allen Nationen und Völkernund Stämmen und Sprachen; sie standen vor dem Lamme ,angethan mit weißen Kleidern, und hatten Palmen inden Händen." Die Palme galt schon in der vorchristlichenZeit als Sinnbild des Sieges; mit Palmzweigen wurdeder heimkehrende Sieger empfangen und begleitet. Wieder Vogel Phönix, soll nach der Ansicht der Alten diePalme wieder aus ihrer Asche erstehen; sie bedeutetedarum den Ruhm des Siegers, der sich einen unsterblichenNamen erworben. Darum kommen in die christlicheSymbolik übertragen auf christlichen Bildern unzähligeMale Palmen in den Händen der Engel und Märtyrervor, um den Sieg über das Irdische auszudrücken. Zweikreuzweise übereinandergelegte Palmzweige bezeichnen dasheilige Kreuz als das große Siegeszeichen Christi unddes Christen über Hölle und Welt. Als Sinnbilder aufGrabdenkmälern zeigen die Palmen an, daß der Ver-storbene den guten Kampf gekämpft, den Steg errungenund die Krone der Gerechtigkeit erlangt hat. Auf denGrabdenkmälern der Katakomben ist die Palme oft mitdem Phönix verbunden, um anzudeuten, daß die Märtyrerdurch das Opfer des zeitlichen Lebens den Sieg überden Tod errungen und das ewige Leben gewonnen haben.Der Palmbaum erscheint auf Katakombenbildern auch alsAttribut Christi, und der heilige Augustin nennt den Hei-land in einem Hhmusxulrnu dsllatoruin", die Palmeder Streiter, das heißt der Mitglieder der hier auf Erdenweilenden streitenden Kirche.

Wie der als Homilet berühmte Bischof Eberhardausführt, paßt die Palme, die dem Palmsonntag denNamen gibt, besonders gut dazu, um das demüthige,ringende und kämpfende Leben des Christen und dassiegende und glorreich vollendete Leben der Heiligen zubezeichnen. Die Palme ist der schönste und edelste Baumdes Morgenlandes, die herrlichste Zierde der Pflanzen-welt, dieFürstin der Bäume", wie Linns sagt. Siewächst in sandigem, wenig versprechendem Boden. Woim Flugsande der glühenden Wüste nur ein wenig Wassersich sammelt und den Boden befruchtet, da steht der Wan-derer die Palme gegen Himmel streben. Die Palme ringtsich aus dürrem Erdreich empor; von der Erde bedarfsie wenig, vom Himmel aber Sonnenschein und Wärme.Sie steigt zu einer Höhe hinan, die andere Bäume, welchestärker angelegt zu sein scheinen, nicht erreichen. IhreKrone welkt nicht, sie grünt im Regenschauer und Sonnen-brand, sie grünt Sommer und Winter und erinnert sotrefflich an die unverwelklichen Kronen der Heiligen. DiePalme ist, wie der höchste Schmuck, so die reichste Segen-spenderin des Morgenlandes; das Leben ganzer Völker-schaften knüpft sich an das Dasein der Palme. So istdie Palme das von Gott gewählte treue Bild des geistigenWachsthums und der Vollendung seiner Heiligen, einBild der Liebe, die wenig nimmt und viel gibt, mitAllem dient und Alles opfert. Eine solche Palme istauch das Kreuz Christi, der lebendige, weltüberschattende