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Baum des Lebens, dessen Betrachtung die mit dem Palm-sonntag beginnende stille Woche sich zur Aufgabe stellt.
Es sei noch daran erinnert, daß am Aschermittwochdie Palmen, die am vorjährigen Palmsonntag gebrauchtwurden, verbrannt werden und der Christ das Zeichender gesegneten Asche als Erinnerungszeichen an den Todund als Siegel seiner Verpflichtung zur Buße empfängt.So wird aus dem Symbole des Sieges und der Ehredas Symbol der Buße und der Treue gewannen.
--»S-iNS-S- -
Judas Wakkabäus.
Historischer Roman von A. L. O. E.
(Fortsetzung.)
Es war im Monat Schcbat, unserem Januar ent-sprechend, und Palästina prangte schon im ersten Gründes jungen Frühlings. Die purpurfarbene Wolfskirschestand in Blüthe, die Krokus, Tulpen und Hyacinthenbedeckten die Felder, der blaue Flieder contrastirte mitTausenden von scharlachrothen Anemonen. Der Man-delbaum stand in Blüthe, und ein duftender Hauch wehteüber die Blüthen der Ltmonen und Citronen. DerWinter war in diesem Jahre mild gewesen, und einigeFeigen aus dem vergangenen Herbst hingen an den nochunbelaubten Zweigen. Der Wein an den Hügeln be-kam schon Laub, und in den Feldern zeigte das auf-gehende Korn seine ersten jungen Blüthen. Aber Judas war zu sehr mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt,um der Landschaft, die ihn umgab, viel Aufmerksamkeitzu schenken. Für Israel war der geistige Winter nochnicht vorüber und lastete schwer auf dem Gemüth desPilgers.
Der Reisende eilte ohne zu rasten weiter, bis eram Nachmittag das Thal von Askalon erreichte. Aneinem Brunnen, der sich an der Seite der Straße be-fand, stillte der müde Wanderer feinen Durst und setztesich für eine Weile unter dem Schatten einiger Dattel-palmen zur Ruhe nieder. Der Hasmonäer zog aus derTasche, welche er bet sich trug, seine einfache Mahlzeitvon getrockneten Feigen, wusch in dem kühlen WasserGesicht und Hände und fing an zu essen. Bevor einigeMinuten verstrichen waren, kam ein Weib in den Trauer-kleidern einer Wittwe, ein ungefähr sechs Jahre altesKind auf dem Rücken tragend, mit müdem Schritt aufden Brunnen zu, neben welchem der Reisende saß. Sielegte ihren Knaben auf den Boden, trank von demWasser und gab ihrem Sohne auch zu trinken. IhreErscheinung zeugte von der äußersten Armuth, und dasKind litt augenscheinlich sehr unter der Krankheit. Judas theilte seine geringe Mahlzeit in drei Theile, und mitdem freundlichen Gruß: „Friede sei mit Dir!" bot ereinen Theil der Wittwe und einen dem Knaben an.
„Der Segen des Gottes Abraham sei mit Dir!"rief das arme Weib, „Deine Magd hat seit Sonnen-aufgang keine Speise geschmeckt." Und die Wittwe undihr Sohn nahmen, nicht weit von Judas auf dem Ra-sen sitzend, von den getrockneten Feigen mit der Hastsolcher, die dem Hungertode nahe sind.
„Dein Kind sieht krank aus", bemerkte der Has-monäer, indem er voll Mitleid auf die verkommene, zu-sammengesunkene Gestalt des Knaben blickte.
„Er wird nicht lange mehr leiden", erwiderte dieWittwe mit der ruhigen Apathie der Verzweiflung, „sei-nes Vaters Haupt legte ich im vergangenen Monat in's
Grab, und in diesem Monat werde ich Theras Hauptan seine Seite legen. Das Siegel des Todes ist ihmaufgedrückt; ich werde bald allein sein in der Welt."
„Nein, verzweifle nicht. — Gott ist gut, Dein Kindkann ja noch leben", sagte Judas .
„Warum sollte ich wünschen, daß es lebe? SeinVater wurde hinweggcnommen, es wird auch hinwegge-nommen werden. Jerusalem ist beschmutzt und das Landist in Gefangenschaft, Israel ist ein Raub der Heidengeworden. Der Gläubigen sind wenige im Lande, unddie Verfolgung wird auch diese bald hinwegraffen. Esgibt keinen Ruheplatz als unter dem Rasen und keineFreiheit als im Grabe. Der Name Juda's wird baldaus den Völkern getilgt sein." „Niemals!" rief Judas mit Nachdruck, „so lange der Gott der Wahrheit lebtund regiert. Judäa kann niemals untergehen. DerWeinstock, der aus Aegypten gebracht wurde, kann abge-brochen werden, seine Zweige abgerissen, seine Fruchtzerstreut, der Bär des Waldes kann ihn verwüsten, daswilde Thier des Feldes ihn verschlingen; aber dennochwird Israel grünen und blühen und wird den Erdbodenmit Früchten füllen. Bliebe nur ein Mensch von demauserwählten Volke Gottes, so würde von diesem einenMenschen der Erlöser kommen, der den Völkern Frie-den verkünden und herrschen wird immerdar."
„Könnte ich nur hoffen", stammelte die Wittwe.
„Kannst Du nicht glauben?" rief der Hasmonäer.„Sieh hinunter, blicke nach Westen, da ist Gibeon, überwelchem die Sonne auf die Stimme Josuas stillstand;über diesem Thale von Askalon stand der Mond stillan dem Tage, an welchem die Amoniter vor Israelflohen. Er, der einen Moses, Josua und Gideon er-hoben hat, kann durch menschliche Werkzeuge oder ohnedieselben die Wunder aller Zeiten wiederholen und seinVolk wieder erlösen."
Und als der Hasmonäer diese Worte gesprochen,erhob er sich, um seine Reise fortzusetzen. Er konnteseinen müden Gliedern nur wenig Ruhe gönnen; dennder Weg, den er vor sich hatte, war noch lang.
„Meine Heimath ist nicht mehr weit", sagte dieWittwe, sich ebenfalls erhebend, „und ich habe nun wie-der Kraft, vorwärts zu gehen."
Sie wollte ihren Knaben aufnehmen, aber Judas kam ihr zuvor. „Ich kann Dir die Last abnehmen",sagte er und nahm das Kind auf seine Schultern.
Sie halten ein Stück Weges im Stillschweigenzurückgelegt, und die Wittwe dachte über die Worte desreisenden Mannes nach, als hinter ihnen Pferdegetrappelund Waffengeklirr hörbar wurde. Das Kind, welchesder Hasmonäer trug, sah sich um und rief, indem esdie Locken seines Beschützers ergriff: „Sieh, Reiter inglänzenden Waffen mit Bannern und Speeren! Flieht,flieht, die Syrer kommen!"
Judas wandte sich weder um, noch änderte er seinenSchritt. Er ging nur ein wemg auf die Seite der durchKaktus begrenzlen Straße, um den Reitern mehr Raumzum Vorbeikommen zu geben. Die Syrer ritten inguter Ordnung weiter, ihr Stahl glänzte im Sonnen-schein, und eine dichte Staubwolke umgab die Hufe ihrerRosse. In der Mitte des Zuges befand sich ein mitVorhängen bedeckter Karren, zu welchem die Krieger eineArt Eskorte zu bilden schienen. In dem Dache diesesKarrens war eine Oeffuung, augenscheinlich, um einedarin befindliche Figur, welche zu hoch war, besser foit-