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Veilchen sind die lieblichste Gabe des jungen Lenzes,der sie bald in den grünen Teppich webt, wenn der letzteSchnee zerronnen und die traumumiangene Flur erwacht.Die Bäume haben sich oft noch nicht in ihre grünenSchleier gehüllt, »nd die blauen Augen blicken schonunter schirmendem Blättergrün zum lochenden Frllhlings-himmel hinaus, ringsum die Luft durchwürzend mit köst-lichem Aroma.
Die ersten Veilchen! Im Mütelalter war es inganz Deutschland Sitte, daß man die ersten dieser er-sehnten Lenzender, die man fand, an eine Stange band,sie aufrichtete und fröhliche Reigen um sie tanzte. Eswar die glühende Sehnsucht nach den Tagen, in denensich „alles, alles wenden muß*, das Jung und Alt be-seelte und sich als lauter Jubel der Menschcnbrust ent-rang. Und die Zuneigung zu den Veilchen hat sich vonGeschlecht zu Geschlecht weiter vererbt, um heute nochfortzuleben im Volke wie ein Denkmal einer unter-gegangenen Weltanschauung.
Die frohe Kinderschaar, die ja vorzugsweise unterdem bestwirkenden Vcilchenzauber steht, bricht in freudigesJauchzen aus, wenn sie im Hag unter schwellenden Büschenund Hecken die ersten Blauveilchen entdeckt. Aber auchwir großen Leute, denen seltener gegönnt ist, nach desTages Last und Mühen an den Busen der Natur zuflüchten, verschmähen kein duftend Vcilchensträußchen, dasein armes Kind uns zum Kaufe bietet.
Worin nur der wundersame Zauber liegt, dem diesedoch unscheinbaren Blumen seit uralten Zeiten eine solchhohe Stelle in der Blüthenwclt verdanken! Ist es dieZeit der Brautfeicr der Erde, die sich „in wonnigsterFrühlingsnacht" mit dem blauen Himmel vermählte,jene zaubcrreiche Zeit, die erst ausgesungen sein wird,wenn der letzte Dichtermund verstummt? Ist es ihrheimlich verstohlenes Blühen an lausch'gcn Plätzchen,jenes Vcrborgcnscin und jene stille Innerlichkeit, die siezum Symbole der Demuth und Bescheidenheit erhoben,die sich in sich zurückzieht, wenn die Außenwelt sie nichtvcist'hen will? Oder ihr dunkles, sattes Blau, das demAuge so wohlthuend entg-gcristrahlt und den GriechenSinnbild der Trauer und Treue, den Galliern ein Zeichender Freude und Unschuld war? Oder endlich ihr c Sitt-liches, seelenvolles Aroma, das holde Kunde in's Gemüthuns wehr, vaß reicher Scgm herniederträufelt und Lichtund Liebe ohne Ende sich auf das Haupt der Menschenhäufln? —
Wann zuerst im grauen Alterthume das sinnendeMenschenauge mit Wohlgefallen auf diesen blauen Lenz-kindern geruht haben mag, läßt sich natürlich nicht mehrfeststellen. Spuren eines gewissen Veilchcnkultus findenwir aber schon bei den alten Indern und Persern,Griechen und Römern.
Wie die Schöpfungsgeschichte der Perser erzählt,vollendete Ormvzd in dreißig Tagen die Pslanzenschöpsung,zu deren Hüter er Armodad bestellte. Dieser nahm Hom,den Keim aller Gewächse, und setzte ihn in das GewässerTaschters an der Quelle Ardoisur, wo bald das Blumen-heer der Erde entsprang, darunter mit den heiligen Kräu-tern „Guli Peigamber", der Rosenprophet —nnscr Blauveilchen.
Noch einer anderen orientalischen Sage entstand esaus Adams Freudenthräncn auf dem höchsten BergeCeylons, wo er hundert Jahre büßend auf den Knieenlag, ehe er Verzeihung vom Schöpfer erlangte.
Eine griechische Sage behauptet, daß Jup ter dieersten Veilchen schuf, um seiner geübten Jo süße Nahr-ung zu bieten, und eine siciüanische Trakntion sagt, daßProserpina im Thäte von Enva Veilchen pflückte, alsPluto sie raubte, und daß sie erschrocken die Wüthenfallen ließ, die sich von nun an weit und breit zerstreuten,durch ihr dunkles Gewand Tod und Trauer verkündend.
Eine andere Mythe dagegen berichtet, daß Apollo,der leuchtende Sonnengott, einst, mit seinen heißen Strahleneine der schönen Töchter des Atlas verfolgte, jenes Riesen,der zur Strafe für seine Theilnahme am Sturme derTitanen auf den Olymp das Himmelsgewölbe tragenmußte. Um sich vor ihm zu retten und dem Verderbenzu entgehen, flehte die Verfolgte in ihrer Angst zumbimmelbeherrschenden Zeus und bat ihn um Schutz undRettung. Dieser lieh der Bedrängten willig sem Ohr,verwandelte die unmuthige Jungfrau in das Veilchen undführte es in den lichten Halbschatten des Waldes, woes im Verborgenen w itcr blühte und dem hohen GötterVater in seinen heiligen Eichenhainen die Rettung lohntdurch dankbare Opferdüfte.
Veilchen waren die Lieblingsblumen der Jonier undAthenienser, welche sie, namentlich um Mika, mit großerSorgfalt cultivirten, weshalb Pindar singt:
»Da verbreiten liebliche Veilchendüste sich über das Land,
Das Wunderland, und man flicht sich Rosen in's Haar."
Und:
„O herrliches, veilchenbekränztes, besungenes Griechenland ,Burgseste, hochberühmtes Athen , du himmelbegeisterte Stadt!"
Die Stadt Athen , in der sie in großen Mengenzum Verkaufe feil geboten wurden, stellten Maler undBildhauer als majestätische Frau dar, die auf dem Haupteeinen Veilchenkran; trägt. Die Bacchantinnen schmücktendie in einen Fichtenzapfen auslaufenden, mit Epheu undWeinlaub umwundenen Thyrsosstäbe mit Veilchen, undebenso wurden die Statuen der Hausgötter damit geziert.
Als Symbol der Unschuld bestreute man, wie beiden Galliern, das Lager der Braut und den Sarg derJungfrauen mit duft nden Veilchenblüthen. Sie warenüberhaupt bei den Griechen die gesuchtesten Blumen zuPrunk und Pomp, weswegen man eigene Veilchengärtenanlegte, um den Bedarf zu decken.
Der Veilchencultus stand auch bei den Römern inBlüthe, und ihre Dichter besangen sie wie die Rosen,unter denen sie sich entfalteten. Sie benutzten dieselbenfreilich auch zu einem höchst prosaischen Zwecke: sie würztenmit ihnen den Wein, den sie über Rosenfilter gössen.Horaz tadelt sie daher, weil sie über diesem süß duften-den Unkraute die früchtereichen Olivenhaine vergaßen.
Die Germanen glaubten, daß die lieblichen Blumen,die ihren Odem auch mit der rauhen, nebelerfüllten Atmo-sphäre des Nordens vermischten, unter den Tritten derFrühlingsgöttin erschienen. Sie waren Tyr geweiht undwurden, wie eingangs erwähnt, „Tyrsviolen" genannt.
In Sachsen gehl die Mähr, daß Zernebogh, derWendengott, eine herrliche Burg besaß, die bei der Ver-breitung des Christenthums mit ihm in Felsen verwandeltwurde, während seine schöne Tochter zu einem Veilchenwurde, das alle hundert Jahre einmal sich erschließt undjedem, der es findet und pflückt, die hübscheste Maid desLandes zuführt.
Die Veilchen besaßen übrigens früher noch einenweiteren Vorzug; sie verhalsen wie Schlüsselblumen, Vcr-