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gißmeinnicht und Schneeglöckchen armen Leuten zu Reich-thum und Ansehen, indem sie dem glücklichen Finder dieBergesschluchten öffneten, worin ungeheure Schätze auf-gespeichert lagen.
General Daldistera.
-MH
WMM
-WHK
Wir belächeln heutzutage freilich diese kindliche Naivität,und die Gegenwart hat die Veilchen, wie ja fast alleBlumen, aller mythischen Reize entkleidet. Wir düifcnjedoch nickt vergessen, daß all' diese lieblichen Sagen Zeug-nisse einer sinnigen Naturauffassung unserer Vorfahrensind, die ihre ästhetischen Empfindungen und frommenGefühle in die Natur hineinverlegtcn. Die Bevorzugungvor vielen anderen Blumen ist den Veilchen jedoch bisheute geblieben, und man wird fast versucht, auch jetztnoch von einem Veilchencultus zu sprechen, wenn manerwägt, daß einzelne Gärtner Norddeutschlands oft bis200,000 Töpfe besitzen, von denen ein großer Theil fort-während in Blüthe gehalten wird. Man will die Blumen,deren Wohlgcruch nicht berauscht, in keiner Jahreszeitmehr entbehren, und der Kunst ist es thatsächlich gelungen,ihnen das lange, liebe Jahr hindurch üppigen Blülhen-reichthum zu entlocken.
In neuerer Zeit haben es die Veilchen zu historischerBerühmtheit gebracht. Sie waren eine Zeit lang dieNationalblumen der Franzosen und, wie in einer früherenAbhandlung dargethan wurde, mit dem Geschicke derNapoleoniden enge verbunden. Sie bildeten die Lieblings-blumen der Kaiserin Josephine, der ersten GemahlinNapoleon I. , der sie alljährlich an der Wiederkehr ihresVermählungstages mit einem frischen Veilchenstraußeüberraschte und beglückte, bis er die österreichische Kaiser-tochter freite. Sie sollen auch Eugenicns Licblingsblumengewesen sein — brachten aber auch ihr kein Glück.
Daß Kaiscr Wilhelm I., wie sein königlicher Vater,die Veilchen liebte und jeden Tag im Jahre mit frischenSträußen umgeben sein wollte, dürfte noch in lebhafterErinnerung haften.
Nach persischer Mythe ebnen die Veilchen der könig-lichen Rose die Bahnen. Sie erschließen und ebnen aberauch oft den Weg zum Herzen und spielen daher imLiebesleben mit seiner verzehrenden Qual, seinem himmel-hohen Jauchzen und Zutodebctrüblsein eine wichtige Rolle.
Ebu Abrahmt, ein Araber, vergleicht das weinendeblaue Auge der Geliebten mit den im Thau gebadetenVeilchen, und ähnlichen Gedanken begegnen wir öftersauch in deutscher Poesie. So warnt bespiclsweise Neinickvor den blauen Frühlingsaugen, die ein heimlich Sehnenerwecken:
„Und am Abend, und am Abend,
Wenn in Gärten allerwegenHolde Kinder sich ergehe»,
Und verstohlen nach dir sehenAus den grünen Laubgchegen:
Hüte dich feinIn den Lenzen
Vor dem Glänzen der Aeugelein!"
Goethe, der stets bei seinen Spaziergängen umWeimar Veilchensamen an den Rändern der Wege aus-streute, stellt in seinem stimmungsvollen Gedichte„Das Veilchen" das Loos der bescheidenen Liebe dar,welche selbst in dem Schmerze, den ihr der geliebte Gegen-stand bereitet, eine Quelle des Glückes findet:
„Es sank und starb und freut' sich noch:
Und Verb' ich denn, so sterb' ich dochDurch sie, durch sieZu ihren Füßen doch."
Ein andermal vergleicht er die schüchternen, jung-fräulichen Blumen mit dem in stillem Kreise wirkendenMädchen:
„Viele der Veilchen zusammengeknüpft, das Sträußchen erscheinetErst als Blume; du bist, häusliches Mädchen, gemeint."
Und Chamisso erzählt von Eisblumen, die am Fensterflimmern, und von dem ahnungslosen Jünglinge, derdavor betrachtend steht: