L09
könne, sondern er war auch, als seine Kräfte zunahmen,begierig zu sehen und gesehen zu werden, und ebensogern zu sprechen als zu hören. Auch die ängstlichen Warnungenvor dem plötzlichen Eintritt Abischais konnten den Griechennicht abhalten, seine müden Glieder auch außerhalb derdurch den Vorhang gezogenen Grenzen auszustrecken undin die Unterhaltung einzustimmen. Lycidas schloß ab-sichtlich seine Augen vor der Thatsache, daß seinerWirthin wenigstens seine Anwesenheit sehr unwillkommenwar. Er täuschte sich in dem Glauben, daß er sich fürdie Freundlichkeiten, welche er empfing, dankbar beweise,wenn er die Eintönigkeit des abgeschlossenen Lebens,welches die hebräischen Frauen führten, durch sein unter-haltendes Wesen belebte. Der junge Athener ließ denreichen Schatz seines Wissens hervorleuchten. Bald er-zählte er wunderbare Dinge aus fremden Ländern, baldmachte er ihnen lebhafte Beschreibungen seiner eigenenAbenteuer. Poesie floß von seinen Lippen wie ein Strom,der sich durch glänzende Phantasie in feierliche, erhabene,tiefernste Gedanken vertiefte. Lyeidas war in Athen ,sowohl seiner geistigen Gaben als auch seiner körper-lichen Schönheit wegen, mit Apollo verglichen worden.Sarah lauschte seiner glänzenden Unterhaltung, die soverschieden war von allem, was sie je gehört, mit un-schuldigem Vergnügen. Sie war ihrer alten Verwandtenstets gehorsam, selbst wenn sie in die oberen Räumedes Hauses mit Aufträgen geschickt wurde, die nach ihrerAnsicht nutzlos waren; aber sie erschien immer wiederin dem unteren Gemach, in welches sie stets eine neue,mächtige Anziehungskraft zog. Wenn Hadassah zuweilendem schönen, jungen Wesen, das sie liebte, reizbar undgebieterisch erschien, so kam dies dadurch, daß ihr Gemüthbeunruhigt und ihre Ruhe durch Befürchtungen gestörtwurde, die sie niemand mittheilen konnte. Hadassahwußte kaum, welches Uebel sie am meisten fürchtete, dieEntdeckung des Lycidas durch Abischai — ein Umstand,der unvermeidlich ihre Schwelle mit Blut beflecken würde,oder den langen Aufenthalt des Fremden unter ihremDach, den sie mit Rücksicht auf die damit verbundeneGefahr ungern eingelassen^ und noch weniger gern inihrem Heim zurückhielt.
9. Kapitel.
Mattathias und sein Gefolge führten in den Bergenein wildes Leben, ein Leben voller Gefahren und Müh-seligkeiten. Den Gefahren wurde aber männlich entgegen-getreten und die Mühseligkeiten fröhlich ertragen. In-mitten wilder Felsen, die, einst auseinaudergerissen durchirgend eine gewaltige Erschütterung der Natur, mitihren riesenhaften Bruchstücken tiefe Höhlen und Schluchtenbildeten, fand diese kleine Heldcnschaar ihre Heimath.Wo die Hyäne ihren Schlupfwinkel und der Leopardsein Lager hat, wo die Gemse ihre Zuflucht sucht unddas Kaninchen in den Steinklüften sich verbirgt, dalauerten die Hebräer in ihrem Versteck und vertheidigtendie gewaltigen Festungen, die nicht von Menschenhändenerrichtet waren, und aus denen sie zu vertreiben fürden Feind eine schwere Aufgabe war. Der kleinenSchaar, die sich um Mattathias bei dem Rückzüge ausModin gesammelt hatte, hatten sich bald andere kühneund eifrige Söhne Abrahams angeschlossen, und dieBerge wurden bald ein Zufluchtsort vieler, welche vorder Verfolgung flohen. Als ihre Zahl anwuchs, ver-größerten sich auch die Schwierigkeiten, Lebensmittel
herbeizuschaffen. Die Hasmonäer und ihre Gefährtenlebten hauptsächlich von Wurzeln. Die weniger Abge-härteten litten sehr unter der Kälte und der schneidenden,scharfen Bergluft, die über die schneebedeckten Höhenwehte. Häufige Ausfälle wurden in die Ebene gemacht,Götzen-Altäre niedergeworfen, Festungen verbrannt undAbtheilungen von Syrern abgeschickten. Kein Feind imUmkreise einiger Meilen legte sich sicher vor den Ueber-fällen in der Finsterniß zur Ruhe nieder, und oftmalsdeutete am Morgen ein Haufe von Trümmern an, woam Abend vorher von den Wällen einer wohlbesetztenFestung das syrische Banner geweht hatte. Der kühneGeist des Makkabäus war wohl mit dieser abenteuer-lichen Lebensweise vertraut, obgleich er nicht derjenigewar, der ein Banditenlebeu gewählt haben würde.
Wie selbst in der harten, felsigen Wüste Stellensind, wo eine reiche Vegetation die unten verborgeneQuelle verräth, und diejenigen, welche tief genug graben,einen Strahl glänzenden, frischen Wassers finden, sotief war in dem Herzen des Haswonäers eine Quellevon Zartheit verborgen, die nicht verhärtet werden konntedurch die ernste Nothwendigkeit des Kriegslebens. Diesergeheime Gemüthszustand macht den Krieger ritterlichergegen die Frauen, nachsichtiger gegen die Schwachenund mitleidiger gegen alle Leidenden. Wenn er einenTriumph feierte, war der Gedanke, der den Sieg nochsüßer machte: „Wird Sarah sich darüber freuen?"War er aus großer Gefahr errettet, meinte er: „Sarahhat für mich gebetet." Und die Errettung war ihmdaher doppelt willkommen. Wenn der Abendstern amHimmel glänzte, so erschien ihm dieser reine, schöneHimmelskörper wie ein Sinnbild der Sarah; wenn erihn erblickte, gab sich der Krieger entzückenden Träumenhin. Dieses Kriegsleben würde doch nicht ewig währen!Wenn der Herr Zebaoth die Waffen seiner Knechtesegnete, konnte wohl eine Zeit kommen, da die Schwerterzu Pflugscharen gemacht würden, die Kinder sorglosauf der Weide spielten, die keines Feindes Fuß wiederbetreten durfte, und Freude wieder einziehen würde indas Land der Freien.
Beseligende Hoffnungen schlichen sich so in die SeeledeS Hasmonäers, bis er plötzlich wie eine Schildwachestutzte, die auf ihrem Posten eingeschlafen ist. Wiedurfte er, der Führer von Israels verlorenen Hoffnungen,sich Träumereien hingeben, die ihn fühlen ließen, wieköstlich das Leben für ihn durch den Besitz eines Herzenswerden könnte, während er dieses Leben dem DiensteGottes und dem Vaterlands gewidmet hatte! StandDavid still, um die Lilien des Feldes zu pflücken, alser sich genöthigt sah, seine Heerden vor den Klauen desLöwen und Bären zu schützen? „Es ist gut," dachteJudas Makkabäus , „daß ich Sarah niemals zu ver-stehen gegeben habe, was in meinem Herzen vorgeht.Wenn ich falle, wie ich wahrscheinlich auf dem Schlacht-felde fallen werde, möchte ich sie nicht dem Kummer-einer Wittwe preisgeben."
Ein Ereigniß nahte heran, das von allen, denenJudas Sache theuer war, als ein schwerer Schlag ge-fühlt wurde, besonders aber von den hasmonäischenBrüdern, welche seit ihrer Kindheit ihren Vater mitEhrerbietung und Liebe betrachtet hatten. Mattathias war ein alter Mann, und obwohl sein Geist niemalsder Arbeit erlag, so mußte sein Körper doch endlichihrer Einwirkung zum Opfer fallen. Der Patriarch