Ausgabe 
(3.4.1896) 28
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fühlte, daß seine Tage, ja, seine Stunden gezählt seien,und versammelte daher seine Söhne um sich, damitsie seinen letzten Willen höxen und zum Abschied seinenSegen empfangen möchten.

In einer Höhle, nahe am Fuße eines Berges, lagausgestreckt auf Kissen von Thierfellen der ehrwürdigeMann. Auf seinem Gesicht lag schon die Blässe desTodes, aber sein Antlitz war ruhig. Der alte Pilgersah aus wie einer, der wirklich fühlt, daß er GottesStecken und Stab bei seinem Weg durch das Thal desTodes zur Stütze hat.

Draußen war es helle Mittagszeit, aber dennochfiel nur ein matter Schein in die Höhle auf die Gestaltdes sterbenden Greises und seiner fünf stattlichen Söhne,welche in stummem Gram um ihren verehrten Vaterknieten. Mattathias bat seine Söhne, ihn ein wenigzu erheben, damit er besser sprechen könne. Jonathanund Eleazar hielten ihn kniecnd mit ihren Armen,während die drei übrigen Brüder in derselben ehrfurchts-vollen Stellung schweigend die letzten Worte des Patri-archen hörten.

Ich wage nicht, meine eigenen Worte denjenigenhinzuzufügen, welche der Historiker als die sterbendenAeußerungen dieses edlen, alten Mannes, eines Heldenund Vaters von Helden, aufbewahrt hat. Ich gebe sie,wie sie in die Ohren des Judas Makkabäus und seinerBrüder fielen, welche sie empfingen, wie Joseph denAbschiedssegen Israels empfing.

Es ist eine große Tyrannei und Verfolgung undein großer Grimm und harte Strafe über uns gekommen.Darum, liebe Söhne, eifert um das Gesetz und wagetEuer Leben für den Bund unserer Väter; und gedenket,welche Thaten unsere Väter zu ihren Zeiten gethanhaben: so werdet Ihr rechte Ehre und einen ewigenNamen erlangen. Abraham ward versucht und bliebfest im Glauben, das ist ihm gerechnet worden zur Ge-rechtigkeit. Elias eiferte um das Gesetz und ward genHimmel geführet. Sadrach, Mesach und Abed-Negoglaubten und wurden aus dem Feuer errettet. Danielward wegen seiner Unschuld errettet von den Löwen.Also bedenket, was zu jener Zeit geschehen ist, so werdetIhr finden, daß alle, die auf Gott vertrauen, erhaltenwerden. Derohalben, liebe Kinder, seid unerschrocken undhaltet ob dem Gesetz, so wird Euch Gott wiederumherrlich machen." Der alte Mann hielt, wie um neueKraft zu sammeln, inne, dann streckte er seine er-mattende Hand gegen Simon, seinen zweiten Sohn, ausund fuhr fort:Euer Bruder Simon ist weise, demgehorchet als einem Vater." Dann streckte sich die Handvon neuem aus, sie lag diesmal auf dem gebeugtenHaupt des Judas:Judas Makkabäus ist stark und einHeld, der soll Hauptmann sein und den Krieg führen."

Da war in dem Auge des edelmüthigen Johanneskein murrender Blick der Eifersucht, wie seine Brüderals erhabener in solchen Eigenschaften, mit denen Führerbegabt sein müssen, ihm vorgezogen wurden. Johanneswußte, daß die Weisheit des Simon und die kriegerischenTalente des Judas seine eigenen bei weitem übertrafen;er wollte mit und unter ihnen dienen und sich gern demWillen seines Gottes und den Rathschlägen seines Vatersunterwerfen. Wir finden nicht den leisesten Zug voneifersüchtiger Nebenbuhlerschaft unter jenen glorreichenfünf Brudern, welche alle den Vorzug theilten, für ihrVaterland zu leiden. Drei von ihnen starben sogar für dasselbe.

Darauf schied Mattathias , nachdem er seine Söhnefeierlich gesegnet hatte, dahin wie einer, der einen gutenKampf gekämpft und fest am Glauben gehalten hat bisan sein Ende. Großes Wehklagen erhob sich in Judäa über den Tod dessen, der dem Volke ein Führer war.Die Söhne des Mattathias brachten seinen Leichnamnach Modin und begruben ihn im Grabe seiner Väter.In späteren Friedenszeiten errichtete Simon ein schönesDenkmal von Marmor in Form von sieben hohenPfeilern, welche weithin von den auf den Fluthen desMittelländischen Meeres segelnden Schiffen gesehenwerden konnten. Der hasmonäische Fürst baute diesesDenkmal zu Ehren seiner Eltern und ihrer fünf Söhne,nachdem Jonathan, Eleazar und Judas Makkabäus dasBekenntniß ihres Glaubens mit dem Tode besiegelthatten. (Fortsetzung folgt.)

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Richter Lynch.

Lynchhinrichtungen, d. h. Fälle, wo zornige, erregteVolksmengen an Stelle dcZ Strafrichtcrs das Gesetz selbstin die Hand nahmen, sind nirgendwo in so großer Zahlwie in den Vereinigten Staaten beobachtet worden. KeineWoche vergeht hier, ohne daß in den Zeitungen eineLynchhinrichtung besprochen würde. Im 19. Jahrhundertsind innerhalb des Gebietes der Vereinigten Staaten wenigstens 2025,000 Menschen dem Richter Lynch ver-fallen. Eine genauere Zahlung hat man für den Zeit-raum von 1890 bis Ende 1895, in welchem an nichtweniger als 1118 Personen von der Volksjustiz, abernur an 723 Personen von den ordentlichen Gerichten dieTodesstrafe vollzogen wurde.

Die Geschichte desRichters Lynch" hat noch keinHistoriker zu schreiben versucht. Wie lange er schon imLande haust und wie er zu seinem eigenthümlichen Namengekommen ist, weiß Niemand recht zu sagen. In Vir-ginien erzählt man, sein Name sei auf denjenigen einesFarmers Lynch zurückzuführen, der zu AnSgang des17. Jahrhunderts lebte und an allen Ucbelthätcrn, dieauf seinen Grundstücken Unfug anstifteten, eigenhändigJustiz ausübte, indem er sie an einen Baum fesselte undgehörig peitschte. Lynchhinrichtungen ereigneten sich währenddes 17. und 18. Jahrhunderts in den englischen Colo-niecn Nordamerikas nicht eben selten; ganz besondersaber kamen sie um die Mitte dieses Jahrhunderts in Flor,als in Folge der Entdeckung der kalifornischen GoldfelderSchaarcu von Auswanderern und Abenteurern aus allenTheilen der Welt nach dem Westen strömten und jenebis dahin noch fast ganz unbekannten Wildnisse zu be-siedeln begannen. Inmitten jener Wildnisse, wo die ein-samen Blockhütten der Culturpiouiere häufig viele hundertMeilen von der nächsten größeren Niederlassung entferntlagen, gab cS natürlich keine Richter und Gerichtshöfe;man kannte nur das eine, in allen Steppen und Ein-öden gleichlautende Gesetz:Auge um Auge, Zahn umZahn!"

Besonders zwei Verbrechen wurden stets mit demTode bestraft: der Pserdediebstahl und Verbrechengegen Frauen und Mädchenl^Die Pferde warender kostbarste Bestandtheil der Habe der Ansiedler, dennnicht nur boten sie die einzige Möglichkeit dar, die end-losen Prärieen und Wildnisse zu durchkreuzen, sondernvon ihrem Vorhandensein, von ihrer Schnelligkeit und